Neuer DFB-Präsident Fritz Keller Große Worte. Mit Einschränkungen

Keine Spiele mehr in Ländern, in denen Frauen nicht ins Stadion dürfen: DFB-Präsident Fritz Keller hat sich gesellschaftlich positioniert. Das Vorhaben dürfte aber kaum Auswirkungen haben.

DFB-Präsident Fritz Keller war zuvor Chef des SC Freiburg
Andreas Gora/dpa

DFB-Präsident Fritz Keller war zuvor Chef des SC Freiburg


Im ersten großen Statement seiner Amtszeit hat der neue DFB-Chef Fritz Keller eine Grundsatzdebatte über die gesellschaftliche Rolle des Fußballs angeregt. In dem in der Tageszeitung "Die Welt" veröffentlichten Namensbeitrag machte der Ende September gewählte Keller bereits eine Ankündigung.

Die Nationalmannschaft werde künftig bei der Auswahl von Länderspielreisen stärker die politische und gesellschaftliche Lage im Gastgeberland berücksichtigen. "Wir müssen innerhalb des deutschen Fußballs gemeinsam in den Diskurs gehen, um komplexe Fragen differenziert zu beantworten. Welche Werte sind für uns unverhandelbar? Zum Beispiel Frauenrechte", schrieb Keller, der anders als seine Vorgänger dieses Thema nun auf die Agenda nahm.

Er habe in seiner ersten Präsidiumssitzung beim DFB eine Beschlussvorlage eingebracht, "auf deren Grundlage wir keine Auswahlmannschaften mehr zu Spielen in Ländern antreten lassen, in denen Frauen nicht gleichberechtigt und frei von Diskriminierung Zugang zu Fußballstadien oder anderen Sportstätten gewährt wird". Dieser Vorschlag sei einstimmig vom DFB-Präsidium angenommen worden.

Iran mit Stadionverbot für Frauen

Tatsächlich dürfte mit der Einschränkung "Stadionverbot" nur eine kleine Anzahl von Nationen nicht mehr als Gegner von DFB-Teams infrage kommen. In einigen dieser Länder wurde das Stadionverbot für Frauen zuletzt gelockert, dazu gehört Saudi-Arabien. Auch in Iran gab es inzwischen ein Spiel, das von Frauen besucht werden durfte. Noch ist aber unklar, wie nachhaltig diese Lockerung in Iran ist.

Allzu viele Begegnungen dürfte der Verband dadurch allerdings nicht verpassen. Zuletzt bestritt die deutsche Nationalmannschaft der Männer im Jahr 2004 ein Auswärtsspiel in Iran.

Schon vor Kellers Ankündigung hatte es eine Empfehlung des europäischen Verbands Uefa an seine 55 Mitglieder gegeben, künftig Länder zu boykottieren, in denen es Stadionverbote für Frauen gibt. Präsident Aleksandar Ceferin sagte damals: "Soweit wir wissen, gibt es zwei Länder, in denen Frauen nicht ins Stadion dürfen."

Gündogan und Can hätten Fehler gemacht, aber auch der DFB

In Kellers Beitrag ging es auch um die Social-Media-Likes der deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Emre Can für den türkischen Salut-Jubel. An den entstandenen Diskussionen seien Gündogan und Can "nicht unschuldig", schrieb der frühere Präsident des SC Freiburg. "Mit sensiblen Themen muss man auch bei Social Media sensibel umgehen. So viel darf man erwarten", aber er ergänzte auch: "Und auch wir als DFB müssen uns kritisch hinterfragen, ob wir im Umgang mit dem Thema alles richtig machen."

Die Aktion der Nationalspieler hatte um das EM-Qualifikationsspiel im Oktober in Estland (3:0) für Aufregung gesorgt. Gündogan und Can hatten bei Instagram ein Foto geliked, das türkische Fußballer zeigt, die nach dem Siegtor von Cenk Tosun beim 1:0 gegen Albanien mit der Hand an der Stirn salutieren.

Die türkischen Fußballer wollten damit ihre Solidarität mit den Soldaten demonstrieren, die an der international verurteilten "Operation Friedensquelle" gegen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien im Einsatz waren. Gündogan und Can zogen ihre Likes anschließend zurück. Gündogan sagte, sein Like sei kein politisches und gewaltverherrlichendes Statement gewesen.

Umstände bei Özils DFB-Rücktritt seien "bedauernswert"

In seinem Beitrag schrieb Keller auch, dass die "gesamte deutsche Gesellschaft" überfordert sei bei den Fragen, wie Integration gelingen könne. Damit nahm Keller Bezug auf die Debatte, die den DFB vor einem Jahr in eine Krise geführt hat: Vor der WM 2018 hatten Gündogan und Mesut Özil sich mit dem türkischen Präsidenten Erdogan fotografieren lassen. Das und die anschließenden Diskussionen lösten eine Debatte über Integration und Rassismus in Deutschland aus.

Beim Thema Integration habe der DFB in den vergangenen Jahren "vieles richtig", aber "auch Fehler" gemacht. Welche Fehler damit gemeint sind, schrieb Keller nicht. Er nannte die Umstände beim DFB-Rücktritt von Özil aus der Nationalmannschaft aber "bedauernswert" und, dass "vom DFB erwartet wurde, einfache und schnelle Lösungen zu präsentieren".

Özil hatte damals in einem Statement geschrieben, der DFB habe ihn nicht gegen rassistische Attacken geschützt. Namentlich nannte er den Ex-DFB-Präsidenten Reinhard Grindel. Keller schrieb, Özil habe "schwere Anschuldigungen" erhoben.

jan/dpa

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
mallekalle 07.11.2019
1.
Zwei Länder lassen keine Frauen ins Stadion. Nicht in Ordnung. Da kann man sich dann schon mal ordentlich gesellschaftlich positionieren. Wie es bis jetzt aussieht, ist der neue Chef wieder so ein zahnloser Ja-Aber-Tiger. Er bleibt vage, sagt nicht wirklich welche Fehler gemacht wurden beim DFB. Versteigt sich dann noch in der Aussage, die gesamte deutsche Gesellschaft wäre mit dem Thema Integration überfordert. Hut ab. Also ich nicht. Das werden wieder mal harte Zeiten für alle Fußballfans mit dem DFB. Da bin ich mir jetzt schon ganz sicher.
Sendungsverfolger 07.11.2019
2. Etwas fehlt
In dem Artikel fehlt ein wichtiger Satz aus Kellers Statement: "Vor diesem Hintergrund ist es zu viel verlangt, dass ausgerechnet zwei Fußball-Nationalspieler mit türkischen Wurzeln die perfekte Lösung präsentieren sollen, die ein ganzes Land nicht findet." Ein ehrlicher und gewichtiger Satz. Schon einmal kein schlechter Anfang für einen DFB-Präsidenten.
zeisig 07.11.2019
3. Nichts dagegen, aber . . .
Der Mann sollte sich zunächst einmal um die sportlichen Belange kümmern, bevor er gleich zu Beginn irgendwelche gesellschaftspolitische und politische Statements von sich gibt.
therealhopsing 07.11.2019
4. Frauenrechte?
Haben Frauen andere Rechte als Männer? Ist es nicht eher ein Verstoß gegen die Gleichbehandlung und damit gegen ein Menschenrecht? Mag man sich darauf aber nicht berufen, weil sonst noch mehr Länder infrage kämen, wo nicht gespielt werden darf?
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