DFB-Gegner England Im Großmutterland des Fußballs

England hat eine der attraktivsten Ligen der Welt, die Nationalmannschaft dagegen hat den Anschluss verloren. Trainer Roy Hodgson will das ändern, sein Vorbild heißt Deutschland. Der Abschied von alternden Stars ist ihm allerdings nicht gelungen.

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Aus London berichtet


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Der alte Trainer-Haudegen Roy Hodgson hat in Schweden gearbeitet, in der Schweiz, in Dänemark. Er hat Inter Mailand gecoacht, stand in Finnland und in den Arabischen Emiraten unter Vertrag - und all das nur, um das fußballerische Glück am Ende in Deutschland zu finden.

Ihn begeistere "die Entscheidung Deutschlands, auf die Jugend zu setzen und eine aggressive und offensive Spielweise zu entwickeln", schwärmt der 66-Jährige. Die Arbeit des DFB sei "beispielhaft für alle".

Hodgson hat nur ein Problem, und das ist ein großes: Er ist nicht der Nationaltrainer Deutschlands, er ist der Nationaltrainer Englands.

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Three Lions: Englands schleichender Umbruch
"England gehört für mich immer noch zu den ganz großen Fußballnationen", hat Bundestrainer Joachim Löw vor dem Duell am Dienstag in Wembley (20.45 Uhr ARD, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gesagt. Er hätte auch hinzufügen können: eine der am wenigsten lernfähigen Fußballnationen der Welt. Die Premier League mag immer noch zu den aufregendsten Veranstaltungen im globalen Fußball gehören, aber auf die Nationalmannschaft hat die Attraktivität der Liga nicht abgefärbt.

Hodgson setzt auf Veränderung und überrascht alle

Die Spielweise der "Three Lions" zu modernisieren, daran haben sich in den vergangenen Jahren so unterschiedliche Trainer-Persönlichkeiten wie Sven-Göran Eriksson, Fabio Capello und Steve McClaren versucht - am Ende spielte doch immer Frank Lampard.

Aus dem Mutterland des Fußballs, dem WM-Triumphator von 1966, ist mittlerweile so etwas wie das Großmutterland des Fußballs geworden. Und dass ausgerechnet ein Coach im Rentenalter dies zu ändern imstande sein soll, das konnten sich bei Hodgsons Amtsantritt nur die wenigsten vorstellen. Seine Berufung kurz vor der Europameisterschaft 2012 galt vielmehr als Signal für den alten Trott, als Kapitulation vor den Strukturen in der Football Association (FA), dem englischen Verband, gegen den die DFB-Zentrale geradezu ein Talentschuppen ist.

Aber der alte Mann Hodgson hat alle überrascht. Er will sich am Ende offenbar zumindest nicht vorwerfen lassen, es nicht versucht zu haben. 19 Debütanten hat er seit Mai 2012 in die englische Auswahl berufen. Jungstars wie Tottenham-Spieler Andros Townsend, 22, oder der Liverpooler Ross Barkley, gerade mal 19, stehen für das neue Gesicht der englischen Nationalmannschaft. Hodgson hat zudem den lähmenden Streit in der Innenverteidigung zwischen den beiden Großkalibern Rio Ferdinand und John Terry beendet - mit dem Resultat, dass beide nicht mehr in der Mannschaft stehen.

Noch immer alle Augen auf Rooney gerichtet

Es gibt sie trotzdem noch, die alten Kämpen: Steven Gerrard, Ashley Cole, Wayne Rooney und natürlich Lampard sind auch unter Hodgson gesetzt. Und auf Manchesters Angreifer-Bulldogge Rooney sind auch in dessen elften Nationalmannschaftsjahr nach wie vor alle Augen gerichtet. Die britische Presse weidete im Vorfeld des Deutschlandspiels mit Genuss eine Aussage von Chelsea-Stürmerkollege André Schürrle aus, der vorsichtig darauf hingewiesen hatte, dass angesichts der Fülle an deutscher Offensivqualität selbst ein Rooney Probleme hätte, im DFB-Team einen Stammplatz zu bekommen.

Für den englischen Boulevard war damit klar: Rooney ist aus deutscher Sicht nicht gut genug für die Nationalmannschaft. Dass der United-Star konterte, er hätte viel lieber gegen Spanien einen WM-Härtetest absolviert als gegen die Deutschen, gehört ebenfalls in das Kapitel der üblichen Scharmützel im Vorfeld dieser Partie.

Am Freitag ist Hodgsons Team bei der 0:2-Niederlage gegen Chile klassisch ausgekontert worden. Der Trainer hatte noch ein bisschen mehr ausprobiert als sonst. Er hatte Gerrard ebenso draußen gelassen wie Cole oder den bisher besten Torschützen der Premier League, Daniel Sturridge vom FC Liverpool, und übernahm schließlich die Verantwortung für die Niederlage. Gegen Deutschland wird Hodgson dagegen sein vermeintlich stärkstes Team aufbieten. Er macht es demnach genau anders herum als Löw, der gegen die Italiener beim 1:1 am Freitag mit der besten Formation spielen ließ und gegen England die zweite Reihe auf den Platz schickt.

Auf der Insel ist das von vielen als mangelnder Respekt gegenüber den Engländern interpretiert worden. Und so sehr Löw sich auch am Montag beeilt hat, sicherzustellen, "dies sei keine B-Elf", und pflichtschuldig die "Wucht und Dynamik der Engländer" lobte - es ist schon ein Zeichen, welchen Stellenwert der englische Fußball derzeit genießt.

So richtig für voll werden die Three Lions nicht mehr genommen. 1966 ist mit jedem Jahr ein Jahr länger her.

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Seite 1
smoothways 19.11.2013
1. ja wohl kein Wunder...
...im intl Vergleich zaehlen nur Titel und wie nahe man denen in all den Jahren gekommen ist. Ueber Lampard muss sich jeder wahre englische Fussballexperte mit Blick in die Zukunft aufregen. Klar, hat er Erfolge in seiner vereinsfussballerischen Laufbahn vorzuweisen. Ich kann mich allerdings fast nur an die grossen Spiele des FC Chelsea erinnern wo L nicht aus dem Schatten anderer heraustreten wollte oder konnte. Viele Tore, die er in seiner Laufbahn bei Chelsea geschossen hat gehen auf Elfer und/oder gegen die Kleinen der Liga zurück. Tip für heute abend: 2-1 für die E gegen eine B-Elf. Die E können heute nur verlieren. Gewinnen kann man gegen eine B-Elf nicht viel.
Herr Hold 19.11.2013
2. Attraktiv
Zitat von sysopREUTERSEngland hat eine der attraktivsten Ligen der Welt, die Nationalmannschaft dagegen hat den Anschluss verloren. Trainer Roy Hodgson will das ändern, sein Vorbild heißt Deutschland. Der Abschied von alternden Stars ist ihm allerdings nicht gelungen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/dfb-gegner-england-hodgson-sucht-anschluss-an-die-weltspitze-a-934322.html
Also unter "attraktiv" verstehe ich etwas anderes. dort gibt es doch derzeit auch nur noch müdes Herumgeeiere. Da nutzt auch ein Aaron Ramsey, Robin van Persie & Co. wenig.
alibenzirfeld 19.11.2013
3. optional
Naja, wir werden heute Anbend sehen, wie ernst zu nehmen die Engländer sind. Diese Arroganz der deutschen Fussballjournaille ist wirklich erbärmlich.
polyphon 19.11.2013
4. 1996
... ist auch mit jedem Jahr länger her. Wenigstens ist es den Sängern endlich unangenehm, ihre peinlichen "... darauf stimmen wir alle ein" Lieder zu singen. Jetzt müsste nur noch Löw in Pension gehen...
hors-ansgar 19.11.2013
5. Attraktiver als BuLi
Zitat von Herr HoldAlso unter "attraktiv" verstehe ich etwas anderes. dort gibt es doch derzeit auch nur noch müdes Herumgeeiere. Da nutzt auch ein Aaron Ramsey, Robin van Persie & Co. wenig.
Die Premier-League ist attraktiver als die Bundesliga. Mindestens aber spannender. Es gibt in Deutschland zwar turbulente Spiele mit vielen Toren. Aber im Gegensatz zur Insel ist Fußball in Deutschland "ein Spiel 11 gegen 11 und am Ende gewinnen die Bayern". Sollte das am kommenden Wochenende auch so sein, steht der Meister bereits am 15. Spieltag so gut wie fest. Gäääähn...
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