DFB-Gegner Kasachstan Storcks kleine Riesen

Der Trainer der kasachischen Nationalmannschaft ist ein alter Bekannter aus der Bundesliga: Bernd Storck hat nach Jahren als Trainerassistent seinen Traumjob gefunden. Das Spiel gegen die Elf von DFB-Kollege Joachim Löw könnte allerdings sein letztes im Amt werden. 

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Für Bernd Storck könnte am Dienstagabend eine schöne Zeit zu Ende gehen. Seit 2009 darf der 47-jährige Deutsche das Gefühl auskosten, sich Nationaltrainer zu nennen. Ein "Riesenerlebnis" sei das, hat er noch in dieser Woche geschwärmt. Aber für Storck kann das Spiel seines kasachischen Teams gegen die Auswahl des DFB (19 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auch die letzte Gelegenheit sein, dieses Gefühl zu genießen.

Schließlich hat der mächtige Verbandspräsident Adilbek Dschaksibekow, der im Nebenjob auch noch Verteidigungsminister des Landes ist, von der kasachischen Nationalmannschaft drei Punkte aus den ersten vier EM-Qualifikationsspielen gefordert. Aus den ersten drei Partien gegen Belgien, Österreich und die Türkei gingen Storck und sein Team mit einer Bilanz von null Toren und null Punkten heraus - um die Vorgabe des Chefs zu erfüllen, müsste der frühere Bundesliga-Profi demnach einen Sieg gegen die deutsche Mannschaft erringen. Ein durchaus ehrgeiziges Projekt.

Kasachstan liegt tief in den Niederungen der Fifa-Weltrangliste derzeit auf Platz 126. Der Qualifikations-Gruppengegner Aserbaidschan rangiert 24 Plätze weiter oben - zumindest das von Berti Vogts trainierte Team will man am Ende der Qualifikation, ob dann mit oder ohne Storck, hinter sich gelassen haben.

Pendeln zwischen Berlin und Almaty

Der Noch-Nationaltrainer, der zwischen seinem Wohnort Berlin und der kasachischen Millionenstadt Almaty pendelt, hat Spieler zur Verfügung, denen er selbst bestenfalls "Zweitliga-Niveau" attestiert. Mit Heinrich Schmidtgal, der bei Rot-Weiß Oberhausen sein Geld verdient, und dem Wolfsburger Sergej Karimow spielen zwei aus seinem Kader in Deutschland. Storck hatte sich nach Amtsantritt an den Computer gesetzt und recherchiert, dass Schmidtgal und Karimow kasachische Wurzeln besitzen. So findet Spielersuche in dem Land hinter dem Ural auch statt.

Wenn Storck davon erzählt, wie er zu seinem ersten Nationaltrainer-Job gekommen ist, merkt man ihm immer noch das Erstaunen an. Eine Agentur hatte Storck 2008 zur kasachischen U21 vermittelt. Der 47-Jährige hatte damals zwar noch keinen Schimmer, wo dieses Land, das ihn verpflichten wollte, genau liegt. Aber er wusste: So eine Chance bekommt einer, der bisher in der Bundesliga nie über den Status eines Trainer-Assistenten hinausgekommen ist, so schnell nicht wieder: "Schon der Status Nationaltrainer ist reizvoll, dazu das Flair, gegen andere Nationen zu spielen", hat er im Interview mit der "Berliner Morgenpost" gesagt.

Als Spieler für Borussia Dortmund und den VfL Bochum gehörte Storck nie zur filigranen Fraktion. Das überließ er schon damals anderen wie BVB-Spielmacher Marcel Raducanu. Auch heute sieht er seine größte Aufgabe darin, "die mangelhafte Fitness" seiner Akteure zu verbessern. Technisch seien die kasachischen Offensivspieler durchaus veranlagt, aber ansonsten "trennen Deutschland und uns natürlich Welten".

Eishockey weit populärer als Fußball

Fußball mag in dem Land populär sein, an die Sportart Nummer eins reicht er dennoch nicht heran. Kasachstan ist ein Eishockey-Land. Die Auswahl ist in diesem Jahr wieder in die Gruppe der besten Teams der Welt aufgestiegen. Spieler wie der Stürmer Jewgeniy Koreschkow, im vergangenen Jahrzehnt der Top-Scorer der Mannschaft, haben den Status von Nationalhelden. Den besitzt auch noch Radprofi Alexander Winokurow - trotz Doping. Das Radteam Astana um Winokurow oder den dreifachen Tour-Sieger Alberto Contador ist hochumstritten, aber es hat Kasachstan auf die Landkarte des Weltsports gehievt.

Von solchen Erfolgen kann der Fußball nur träumen. Auch wenn Bundestrainer Joachim Löw die Kasachen in den Adelsstand der "Großen unter den Kleinen" erhoben hat. Sein Kollege Storck kann da allerdings nur müde lächeln: "Die körperlichen Grundlagen der Spieler entsprechen nicht internationalen Anforderungen, auch ist das Spieltempo in der Liga zu niedrig", sagte er der "Berliner Morgenpost". Storck ist lange genug im Geschäft, um zu wissen, was es bedeutet, wenn Löw als gegnerischer Trainer ein Team starkredet: Das dient dann eher der Motivation der DFB-Elf denn als realistische Einschätzung.

Seit 2002 gehört Kasachstan, das eigentlich zu Zentralasien zählt, dem europäischen Fußballverband an. Der Verband hat sich damals bewusst der Uefa angeschlossen, um von "Europa zu lernen", wie Storck sagt. Mit dem DFB ist der Verband eine Kooperation eingegangen: Deutsche Fußballausbilder und Schiedsrichter sollen Entwicklungshilfe in Mittelasien leisten.

Dabei haben die Kasachen auch ohne deutsche Aufbauhilfe schon ein paar kleine Erfolge gefeiert: 2006 hat man in der WM-Qualifikation mal Serbien 2:1 geschlagen und in Belgien unentschieden gespielt. Von 36 Qualifikationsspielen seit 2002 hat man immerhin vier gewonnen. In der Nähe von Almaty ist dank des Ölreichtums des Landes ein topmodernes Trainingszentrum entstanden. Mittlerweile werden weitere ausländische Trainer ins Land gelockt: Der frühere Coach von Borussia Mönchengladbach und des VfL Wolfsburg, Holger Fach, ist inzwischen beim Vizemeister Lokomotive Astana untergekommen.

Für einen Erfolg gegen das deutsche Team kommt der Boom des kasachischen Fußballs allerdings noch zu spät. Für Bernd Storck wahrscheinlich auch.

Mit Material von dpa und sid

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Seite 1
cptnsisco 12.10.2010
1. Schöner letzter Absatz...
"Für einen Erfolg gegen das deutsche Team kommt der Boom des kasachischen Fußballs allerdings noch zu früh. Für Bernd Storck wahrscheinlich auch." Vielleicht sollten Sie da noch einmal ran, Herr Ahrens. Oder sollte es dafür schon zu spät sein? ;-)
kampio 12.10.2010
2. falsch
das ist nicht korrekt: ---Zitat--- Der frühere Coach von Borussia Mönchengladbach und des VfL Wolfsburg, Holger Fach, ist inzwischen beim Vizemeister Lokomotive Astana untergekommen. ---Zitatende--- siehe: http://www.kicker.de/news/fussball/intligen/intwettbewerbe/super-league-KAS/2010/22/0/spieltag.html
Der Ring 12.10.2010
3. Europäisches Fußballqualifikationsspiel im tiefsten Asien
Zitat aus dem Artikel: "So findet Spielersuche in dem Land hinter dem Ural auch statt." Eben, "hinter dem Ural" ist Asien, so einfach ist das. So wie der dominierende Großteil Kasachstans Asien ist. Astana selbst ist soweit von Europa weg, das es schon lächerlich erscheint, in einem Europäischen Wettbewerb teilzunehmen. Die Mannschaft Kasachsans hätte im Rahmen des asiatischen Wettbewerbs wohl eher die sportliche Chance, sich zu qualifizieren. Aber die Geltungssucht neureicher Kasachen steht der geographischen Wahrnehmung wohl etwas im Wege. Und es erinnert mich auch irgendwie fatal an das Kunstgebilde eines Radstalls "Astana" ... Schon irgendwie lustig :-)
kampio 12.10.2010
4. Sie scheinen
nicht zu kapieren, dass Kasachstan zu etwa 7% in Europa liegt. Ganz egal wie weit das weg liegt, dieses Land liegt auch in Europa. Und zwar noch mehr als z.B. die Türkei. Von Israel wollen wir gar nicht anfangen... und nochmal: Australien spielt die WM-Quali in ASIEN. Finede ich persönlich komischer als das bei Kasachstan der Fall ist.
Der Ring 14.10.2010
5. Was komisch ist ...
Zitat von kampionicht zu kapieren, dass Kasachstan zu etwa 7% in Europa liegt. Ganz egal wie weit das weg liegt, dieses Land liegt auch in Europa. Und zwar noch mehr als z.B. die Türkei. Von Israel wollen wir gar nicht anfangen... und nochmal: Australien spielt die WM-Quali in ASIEN. Finede ich persönlich komischer als das bei Kasachstan der Fall ist.
Kampio, na Sie sind ja ein ganz erleuchteter Zeitgeist! Da Sie es bevorzugen, gleich persönlich zu werden - kein Problem das kann ein gelernter Innenverteidiger ab! Ja natürlich, Sie haben vollkommen Recht: Kasachstan liegt zu 93% in Asien und da ist natürlich jeder bekloppt, der nicht auf den engen Zusammenhang zu Europäischen Wettbewerben schließen würde. Sind sie vielleicht Politiker? Oder wo lernt man sonst, unter Auschluss des Verstandes klare Fakten krummzureden? Kasachstan hätte in Asien eine ausreichend große Anzahl eher gleichwertiger Gegner, als in den alteuropäischen Fußballhochburgen mit Ihren Traditionen und ihrer ganz anders entwickelten Spielkultur ... Und dann noch ... ... Australien ... in welcher Gruppe anders als Asien, sollte das Land Australien auf dem Kontinent Australien mit wem spielen, Sie Leuchte??? Achtmalmal gegen Neuseeland und dann kommen beide weiter, oder wie? Tuvalu und Kiribati haben nämlich gar keinen nationalen Fußballverband und Samoas Recken spielen nicht unbedingt die größte Rolle, so sie nicht eh schon mit der USA assoziert sind. Schon irgendwie schade, wenn die Waldorff-Schule Ihnen in frühster Jugend den Blick auf den Globus versagte ... aber Sie hätten ja auch einfach die Klappe halten können.
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