DFB-Gegner Serbien Löw fürchtet den "angeschlagenen Boxer"

Die serbische Nationalmannschaft gilt als der härteste Gruppengegner der DFB-Elf bei der WM - gerade nach ihrer Niederlage gegen Ghana. Joachim Löw zeigt großen Respekt, denn Serbiens Trainer Antic hat nach Flops bei den vergangenen Turnieren aus der Ansammlung von Stars eine Einheit geformt.

Von Jan Reschke


Ungute Erinnerungen waren wach geworden in der zweiten Halbzeit des WM-Testspiels zwischen Serbien und Neuseeland. 1:0 stand es für den Vertreter Ozeaniens und die Stimmung auf den Rängen wurde zusehends aggressiver. Feuerwerkskörper flogen auf das Feld, Bengalische Feuer wurden abgebrannt - einige wütende serbische Anhänger stürmten sogar den Platz.

Manchester Uniteds Abwehrstar Nemanja Vidic musste über ein Mikrofon auf die verärgerten Fans einreden, die Partie stand kurz vor dem Abbruch. Es dauerte etliche Minuten, bis sich die Lage beruhigt hatte und das Spiel fortgesetzt werden konnte. Am Ende blieb es beim 0:1.

Schon bei der vergangenen WM vor vier Jahren in Deutschland herrschten turbulente Verhältnisse rund um das serbische Team, der nächste Gegner der deutschen Nationalmannschaft (13.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Damals trat die Mannschaft noch im Staatenverbund mit Montenegro beim Turnier an. Nachdem Stürmer Mirko Vucinic, der einzige montenegrinische Feldspieler, noch vor dem Turnier mit einer Verletzung ausfiel, sollte er durch Dusan Petkovic ersetzt werden - einen Linksverteidiger. Als hätte ein solcher Tausch nicht schon für genug Diskussionen gesorgt, hatte die Nominierung Petkovics nebenher eine äußerst pikante Note. Der nämlich ist Sohn des damaligen Nationaltrainers Illija Petkovic.

2:10 Tore lautete die blamable Bilanz

Der Vorwurf der Vetternwirtschaft machte schnell die Runde, der Teamfrieden war schwer gestört. Belgrader Medien attackierten den Spieler derart heftig, dass er noch vor dem Turnier nach Hause fuhr. Mit Folgen: Ivica Dragutinovic, der angestammte Linksaußen verletzte sich im ersten Spiel gegen die Niederlande (0:1), Petkovic, der ihn hätte vertreten können, war abgereist. So musste Innenverteidiger Mladen Krstajic aushelfen. Der Anfang vom Ende des WM-Desasters.

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WM-Gegner Serbien: Abräumer in der Abwehr, Stars im Sturm
Gegen Argentinien setzte es eine historische 0:6-Niederlage. Auch das Spiel gegen die Elfenbeinküste ging verloren (2:3). Null Punkte, 2:10 Tore lautete die blamable Bilanz nach der Vorrunde. Zwischenzeitlich sollen sich auch noch Vidic und Mateja Kezman im Training geprügelt haben.

Von den damaligen Querelen ist inzwischen nichts mehr zu spüren. Die serbische Mannschaft ist optimistisch. Selbstbewusst. Eine Einheit. Daran ändert auch die Niederlage im ersten Spiel gegen Ghana nichts. Gerüchte über eine Schlägerei zwischen Vidic und Herthas ehemaligem Top-Stürmer Marko Pantelic gehören wohl ins Reich der Fabel. Denn schon vor dem Turnier war ein Mentalitätswandel im Team zu spüren. Mittelfeldspieler Milos Krasic sagte: "Wir haben Qualität in der Mannschaft, viele gute Einzelspieler, aber das Wichtigste ist, dass alle für einen spielen und einer für alle."

Auch Pantelic lobte die neue Einheit im Team: "Serbien hatte schon immer unglaubliche Fußballer, aber es war selten ein harmonisches Ganzes. Radomir Antic hat uns zusammengefügt wie ein Mosaik." Neven Subotic von Borussia Dortmund sieht im serbischen Nationaltrainer ebenfalls den Schlüssel zum Erfolg: "Das Schwierige bei einer Nationalmannschaft ist immer, aus den vielen Einzelkönnern ein Team zu formen. Das hat Antic geschafft", so Subotic im Magazin "11 Freunde". Und zwar so gut, dass die Serben die Gruppe 7 der WM-Qualifikation sogar vor Frankreich abschließen konnten.

Extrem stabile Defensive, Riese im Sturm

Antic übernahm im August 2008 die Nationalmannschaft, vier Jahre lang hatte er zuvor kein Team mehr trainiert. Seine größten Erfolge hatte er in Spanien gefeiert. 1988 tauschte er seinen Co-Trainer-Posten bei Partizan Belgrad gegen die Hauptverantwortung bei Real Saragossa, wo er auch schon als Spieler aktiv war. Es folgten Stationen bei Real und Atlético Madrid sowie eine kurze Zeit beim FC Barcelona. Seinen größten Erfolg feierte er unter dem exzentrischen Atlético-Präsidenten Jesús Gil y Gil, als er 1996 das Double aus Meisterschaft und Pokal gewann.

Nun hat er eine Mannschaft beisammen, der mit einer guten Mischung aus erfahrenen Kräften und jungen Talenten viel zugetraut wird. Angeführt von Champions-League-Gewinner und Kapitän Dejan Stankovic kann das Team auf eine extrem stabile Defensive bauen. Mit Vidic spielt innen einer der besten Abwehrspieler der Welt. Daneben sichert der 21-jährige Subotic ab, der gegen Ghana noch auf der Bank saß, nun aber aufgrund der Sperre von Aleksandar Lukovic ins Team rücken wird. Der Angriff besteht aus dem Sturmriesen Nikola Zigic (2,02 Meter), der kurz vor der WM noch seinen Wechsel zu Birmingham City in die Premier League verkündete und Pantelic, der in der vergangenen Saison für Ajax Amsterdam in 25 Spielen 16 Tore erzielte und nun bei Schalke 04 im Gespräch ist.

Überhaupt finden sich in der Mannschaft etliche Spieler aus der Bundesliga wieder. Neben Subotic und Pantelic sind auch der Noch-Berliner Gojko Kacar, VfB-Profi Zdravko Kuzmanovic und Zoran Tosic, der in der Rückrunde für den 1. FC Köln aufgelaufen war, mit dabei. Aus der zweiten Liga ist Außenverteidiger Antonio Rukavina von 1860 München dabei.

Trotz der mäßigen Vorbereitung und der Niederlage im ersten Spiel wird Serbien der schwierigste Gegner Deutschlands in der Vorrunde. Bundestrainer Joachim Löw warnte am Donnerstag nochmals eindringlich: "Serbien ist ein angeschlagener Boxer. Es wird ein Kampf auf Biegen und Brechen". Und Teammanager Oliver Bierhoff ergänzte: "Wir wissen, dass die Serben heiß sind. Für sie ist es eine nationale Angelegenheit, ein Jahrhundertspiel."

Doch auch Antic hat großen Respekt vor der DFB-Elf. "Die Deutschen haben einen Vorteil: die Mentalität. Sie wissen, wie man eine WM spielt. Deswegen kommen sie immer ins Halbfinale. Wer ihnen Prestige abspricht, ist von vornherein im Nachteil", sagt er.

Doch Antic sagt auch: "Wir fühlen uns nicht unterlegen."

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Seite 1
Brieli 01.06.2010
1.
Zitat von sysopDeutschlands Gegner sind Australien, Serbien und Ghana. Was ist drin für das Team von Bundestrainer Joachim Löw?
Gruppensieg. Zweiter wird Ghana.
klumpenhund 01.06.2010
2.
Zitat von sysopDeutschlands Gegner sind Australien, Serbien und Ghana. Was ist drin für das Team von Bundestrainer Joachim Löw?
1.) Deutschland, wer sonst dahinter wird es eng: 2.) Ghana, haben zwar viele Verletzte, aber dafür eine intakte Mannschaft und Heimkontinentvorteil 3.) Serbien, könnte eine ähnliche Leistungsdifferenz zwischen Quali und Turnier wie Polen aufweisen 4.) Australien
BeckerC1972, 01.06.2010
3.
Hier tippe ich Deutschland Serbien Ghana Australien
Polar, 01.06.2010
4.
Zitat von sysopDeutschlands Gegner sind Australien, Serbien und Ghana. Was ist drin für das Team von Bundestrainer Joachim Löw?
Das wird noch haarig genug! Dennoch: Deutschland Serbien Australien Ghana
ray05, 02.06.2010
5.
Zitat von PolarDas wird noch haarig genug! Dennoch: Deutschland Serbien Australien Ghana
GER 210 7 GHA 030 3 AUS 021 2 SRB 021 2
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