DFB-Präsident Wie viel Neuanfang steckt in Neuendorf?

Der neue DFB-Boss Bernd Neuendorf kann sein Amt unbelastet von den Negativschlagzeilen des Verbandes angehen. Ob er die Chance nutzt, hängt auch von denen ab, die ihre Ämter verloren haben.
Aus Bonn berichtet Peter Ahrens
Sitzt die Brille? Der neue DFB-Boss Bernd Neuendorf

Sitzt die Brille? Der neue DFB-Boss Bernd Neuendorf

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RONALD WITTEK / POOL / EPA

Die Brille. Bernd Neuendorf kommt aus der Politik und weiß daher genau, wie wichtig es sein kann, sich durch vermeintlich kleine persönliche Signaturen Aufmerksamkeit zu sichern. Die Raute von Angela Merkel, der rote Schal vom früheren Berliner Bürgermeister Walter Momper – das sind Äußerlichkeiten, aber wenn es beim DFB an irgendetwas zuletzt wirklich mangelte, dann an der Außendarstellung.

Das ist umso nötiger, wenn man vor Monaten noch ein in der Fußballöffentlichkeit weitgehend Unbekannter war wie Neuendorf. Also hat der neue DFB-Präsident es sich zur Gewohnheit gemacht, die Lesebrille nach oben auf seine Glatze zu schieben, als wäre sie dort festgetackert. Ein kleiner Trick der Aufmerksamkeitsökonomie, der aber offenbar funktioniert.

Das Bild von Bernd Neuendorf, 60, ist jetzt schon darüber geprägt, und in den sozialen Medien wurde während des DFB-Bundestags in Bonn mit Anteilnahme nachgefragt, ob die Brille bereits über einen eigenen Twitteraccount verfüge.

Ein ordentlicher Start

Nun wird es auf Dauer nicht ausreichen, Medien und Öffentlichkeit mit kleinen PR-Kniffen zu bedienen, dazu ist die Baustelle Deutscher Fußball-Bund zu groß. Und mancher DFB-Präsident, der mit Vorschusslorbeeren startete, hat schnell die Grenzen seines Tuns erkennen müssen. Oder selbst dazu beigetragen, dass diese Grenzen immer enger gefasst wurden.

Klar ist aber: Der neue Präsident hat einen ordentlichen Start hingelegt. Neuendorf sind auf dem Bundestag nicht die Herzen der Delegierten zugeflogen, er bekam nach seiner Wahl einen eher nüchternen Beifall, als sei gerade der Kassenprüfer des Verbandes gewählt worden. Aber es ist vermutlich genau die Nüchternheit, die dem in den Vorjahren so durchgeschüttelten Verband guttun kann.

Verlierer Peter Peters (links), Gewinner Bernd Neuendorf

Verlierer Peter Peters (links), Gewinner Bernd Neuendorf

Foto: RONALD WITTEK / EPA

In seiner Bewerbungsrede hatte Neuendorf viel von Respekt, Vertrauen und Geschlossenheit gesprochen, das sind erst einmal Worthülsen, aber die Voraussetzungen, dass sie mit Leben gefüllt werden, sind nach dem Verlauf dieses Bundestages gegeben.

Parteisprecher unter Schröder

Neuendorf war SPD-Parteisprecher in Berlin, als Gerhard Schröder noch das Sagen in der Sozialdemokratie hatte, das allein sollte eine gewisse Stressresistenz gewährleisten. Er war Staatssekretär in Nordrhein-Westfalen, er hat als Bundestagskorrespondent Erfahrungen im Spannungsfeld zwischen Politik und Medien gesammelt und genug Zeit gehabt, sich in der Politik zu vernetzen.

Die Vernetzung im Fußball, sie fehlt ihm dagegen noch, möglicherweise gereicht ihm genau das jetzt zum Vorteil. Neuendorf und sein Präsidium, in dem nicht nur zahlreiche neue Gesichter zu finden sind, sondern das – und das ist für DFB-Verhältnisse schon eine kleine Sensation – zu einem Drittel mit Frauen besetzt ist, können sich unbelastet von dem Vergangenen fühlen, die Belastungen kommen noch früh genug.

Eine Kostprobe, was auf Neuendorf zukommt, hat er schon am Abend nach seiner Wahl bei der ersten Pressekonferenz bekommen. Dort wurde er immer wieder nach Rainer Koch und nach Peter Peters gefragt, den beiden Verlierern dieses Bundestages: Peters, der die Wahl gegen Neuendorf klar verlor, Koch, der ewige Funktionär, der überraschend aus dem Präsidium flog, weil er sich selbst über- und seine Gegenkandidatin Silke Sinning unterschätzt hatte.

Was tun mit Koch und Peters?

Beide sind allerdings noch in wichtigen Ämtern vertreten: Koch ist der DFB-Emissär im Uefa-Exekutivkomitee, Peters sitzt im Fifa-Council. International wird der DFB also durch zwei Leute repräsentiert, die von der Mehrheit des Bundestages nicht mehr gewollt wurden.

Zwei heikle Personalien für den neuen Präsidenten, der zuvor vor den Delegierten bereits beklagt hatte, die Stimme des Fußballs habe in der Politik kaum noch Gewicht, und man müsse sich auch international wieder viel mehr Gehör verschaffen. Ob das mit Peters und Koch noch möglich ist, ist eine der Fragen, mit denen sich Neuendorf jetzt beschäftigen muss.

Haupt-Verlierer Rainer Koch

Haupt-Verlierer Rainer Koch

Foto: Simon Hofmann / Getty Images for DFB

Vor der Presse lächelte der neue Chef diese Fragen noch weg, bat um Verständnis, erst mit allen Beteiligten reden zu wollen. Koch ist bis 2025 in die Uefa-Gremien gewählt, so lange könnte er diesen Sitz auch noch für sich beanspruchen, obwohl der Platz im Exko eigentlich an ein Amt im DFB-Präsidium gekoppelt ist. Im Vorfeld des Bundestages war Neuendorf stets als Kandidat der Amateurvereine genannt worden und damit reflexhaft dem Lager Koch zugeschlagen worden.

Dass dies etwas zu einfach war, zeigt schon seine kühle Reaktion auf die Abwahl Kochs. Das zeige, »dass Demokratie im Verband funktioniert«, kommentierte er lakonisch. Dass bei einer Wahl jemand gewinnt und jemand verliert, sei »ein ganz normaler Vorgang, den ich nüchtern betrachte«. Da spricht der Politiker.

Bei der Wahl Fritz Kellers zum DFB-Boss vor drei Jahren hatten viele gehofft, dass nun endlich Ruhe einkehrt. Es kam genau anders: Das Chaos, die Intrigen, die Streitereien, die Durchstechereien, alles noch einmal in einer neuen Dimension.

Jetzt bekommt Neuendorf den gleichen Rucksack mitgegeben, diesmal soll es wirklich klappen, dass künftig »vor allem über Fußball gesprochen wird«. Die Leute, so Neuendorf, seien es »einfach leid mit den Querelen, sie sind genervt, wenden sich ab«.

All das vorgetragen im netten und freundlichen Tonfall, aber man sollte sich nicht täuschen. Einmal bekam Neuendorfs Stimme dann doch eine vielsagende Schärfe: »Wer diesen Weg nicht mitgeht, der wird mich zum entschiedenen Gegner haben.«

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