DFB-Nachwuchskonzept Es fehlen Egoisten

Ein Team, Zusammenhalt, Geschlossenheit - der DFB hat den Mannschaftsgeist zum Thema der A-Nationalelf erklärt. Sportdirektor Hansi Flick will für den Nachwuchs eine andere Strategie: mehr Eigensinn.

Deutsche Nationalmannschaft mit Markenclaim: Individuum über das Team
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Deutsche Nationalmannschaft mit Markenclaim: Individuum über das Team


Es gibt einfallsreichere Künstlernamen. Aber bei DFB sind sie von der Idee überzeugt: "Die Mannschaft" darf sich Joachim Löws Weltmeistertruppe seit einigen Wochen nennen - und zwar nur dieses Team aus den Reihen des Verbandes. Auf dem Bus, mit dem die deutsche U21 derzeit durch Tschechien tourt, steht "Die Nationalmannschaft".

Der feine Unterschied ist den Marketingexperten um DFB-Manager Oliver Bierhoff wichtig. Das neue Logo "Die Mannschaft" stehe für Zusammenhalt, Teamgeist und Geschlossenheit, sagt Bierhoff. Für jene vermeintlich magischen Kräfte also, die Deutschland im vorigen Jahr den WM-Titel beschert haben sollen.

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Auch die U21, die am Samstag im EM-Halbfinale auf Portugal trifft, ist von dieser Haltung durchdrungen. Berichterstattern, die im Quartier der jungen Profis in Prag zu Gast sind, schlägt eine Atmosphäre der Selbstlosigkeit entgegen. "Klar ist es schön, dass ich einen guten Einstand hatte, aber es ist egal, wer auf dem Platz steht", sagt Innenverteidiger Dominique Heintz. "Jede Position ist doppelt besetzt, jeder hat es verdient zu spielen, hier geht es nicht um Einzelschicksale", ergänzt Christian Günter. Kapitän Kevin Volland ist es "komplett egal", ob er von den Uefa-Experten zum Spieler des Spiels erklärt wird: "Wir wollen als Team fungieren."

Widerspruch zu "Die Mannschaft"

Aber ist diese Haltung wirklich erfolgversprechend? Hans-Dieter Flick zweifelt. Der DFB-Sportdirektor, dessen Job es ist, die Ausbildungsgrundsätze und die Spielphilosophie des Verbandes weiterzuentwickeln, sagt: "Wir sind fußballerisch auf einem richtig guten Weg. Der Spielaufbau ist klasse, der Spielübergang ist hervorragend. Wo wir Probleme haben, ist im letzten Drittel."

In jenen Zonen also, wo immer weniger Mannschaftsspiel gefragt ist, wo die besten Teams der Welt sich auf die ganz speziellen Fähigkeiten sehr besonderer Spieler verlassen, dort wo die Messis, die Neymars, die Ronaldos und die Robbens ihr Spezialkönnen zum Einsatz bringen - dort sieht Flick Defizite.

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Im "Kicker" wurde er noch deutlicher: "Die Maxime 'Abspiel geht vor Dribbling' ist in der Nachwuchsförderung nicht zwingend richtig", erklärt der Sportdirektor, der jahrelang als Assistenztrainer von Joachim Löw arbeitete. "Überspitzt gesagt" müsse man den Mut entwickeln, das Individuum über das Team zu stellen. Das ist ein Paradigmenwechsel - und ein Widerspruch zur "Die Mannschaft"-Doktrin.

Ein geradezu kühner Weg

Die Wende beim DFB kann auch als Zeichen der Stärke verstanden werden. Offenkundig arbeiten die Analysten im Verband autonom von der Marketingabteilung. Flick will Entwicklung, statt alte Erfolgsrezepte zu konservieren.

Individuell, sagt Flick, seien die anderen Nationen den DFB-Teams eine Nasenlänge voraus. In Deutschlands Fußballkultur wird die Suche nach individuellen Lösungen schnell als Egoismus gebrandmarkt. Dribbler, die eben auch mal scheitern, sind oft als Selbstdarsteller verpönt. Die "Mannschaft"-Kampagne fördert dieses Denken, das Flick nun kontert.

In diesen Wochen, in denen ein Juniorenturnier auf das nächste folgt, ist zu sehen, dass die DFB-Teams taktisch und technisch brillant ausgebildet sind. Es mangelt aber auch an Durchschlagskraft. Stürmer, die mit einem genialen Einfall treffen, ohne zuvor freigespielt worden zu sein, die Lücken entdecken, die sonst keiner sieht, die mit einem Dribbling Räume vor dem Tor öffnen, fehlen dem deutschen Fußball derzeit. "Das spiegelt sich auch ein bisschen bei der A-Nationalmannschaft wider", sagt Flick. Die anderen Nationen verfügen über die stärkeren Offensivindividualisten.

U21-Trainer Horst Hrubesch hat die Offensivflügel in allen drei Vorrundenspielen anders besetzt, keine Konstellation überzeugte ihn. Um dieses Problem in den Griff zu bekommen, müsse man den Mut haben, sich in der Ausbildung auch mal vom Kollektivgedanken zu lösen, sagt Flick. Dass er damit den neuen Markenkern des DFB konterkariert, ist Flick offenbar egal.



insgesamt 34 Beiträge
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toxic 25.06.2015
1. :
Dem Profi(t)fußball soll es an Egoisten fehlen? Kaum zu glauben...
fastwriter 25.06.2015
2. Endlich...
Endlich erkennt mal einer der Verantwortlichen, woran die Ausbildung in Fußballdeutschland "krankt". Solche Individualisten werden in den Nachwuchsabteilungen vorschnell aussortiert. Wenn sie es doch in den Profibereich schaffen, werden sie medial abgeschlachtet. Bei Leroy Sané kann man das gerade wieder beobachten. Aber genau diese Typen braucht man im modernen Pressingfußball, wo man oft die gegenseitige Lähmung der Mannschaften durch ihr Defensivverhalten mit Einzelaktionen aufbrechen kann. Die Zeit des totalen Kollektivs ist vorbei. Wir brauchen endlich wieder richtige Dribbler und Spieler, die mit genialen Momenten brillieren.
lupidus 25.06.2015
3.
im grunde könnte man es mit den worten des zeitgenössischens schöngeistes oliver kahn kurz und treffend beschreiben:"eier, wir brauchen eier". schönen abend noch
sued78 25.06.2015
4. Unsinn
Wir sind Weltmeister.... Mal hieß es wir hätten keine Leader .....trotzdem Weltmeister.,.. Mal heißt es die Jungs Singen nicht... Trotzdem Weltmeister..... Bitte schließt das Sommerloch
spon-49j-k5ri 25.06.2015
5.
Es gab da mal nen Jungen bei Dortmund. Der hat mit zarten 18/19 gezeigt dass er locker das Zeug dazu hat. Aber dann bekam er Geld, nen Vertrag in München, verlor den Biss und hat auch noch einen Trainer der ihn nicht motiviert/gefördert bekommt. Aber im Finale sah man ganz kurz dass er genau das kann. Mal sehen ich hoffe er scheitert nicht.
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