Führungskrise beim DFB Außer Rand und Verband

Der Deutsche Fußball-Bund stolpert von einer Krise in die nächste. Mit Fritz Keller steht wieder ein Präsident auf der Kippe, der Verband gilt mittlerweile vielen als unregierbar.
DFB-Boss Fritz Keller ist das Lachen mittlerweile vergangen

DFB-Boss Fritz Keller ist das Lachen mittlerweile vergangen

Foto: Martin Hoffmann Berliner Str.31 / imago images/Martin Hoffmann

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Bei Bayer Leverkusen gab es mal die nicht ganz ernst gemeinte Theorie, dass bei dem Klub irgendetwas in den Wänden sein müsse. Ein Stoff, der dazu beitrage, dass das Team immer, wenn es darauf ankommt, sein großes Ziel mit einer unheimlich anmutenden Zuverlässigkeit verfehlt, völlig egal, wer dort das sportliche Sagen habe. Wenn es tatsächlich so etwas gäbe, dann hätte man beim Deutschen Fußball-Bund an der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt am Main längst den Putz von allen Wänden herunterschlagen müssen.

Es gibt aber auch rationale Erklärungen, warum dieser Verband immer und immer wieder von einer Krise in die nächste taumelt. Im Moment ist es wieder besonders dramatisch.

Der noch amtierende Präsident Fritz Keller hat seine zuvor schon schwierige Position durch einen inakzeptablen Nazivergleich noch einmal deutlich belastet. Seinen Vize, den im ordentlichen Beruf als Richter tätigen Rainer Koch, politisch zudem beheimatet in der SPD, in Zusammenhang mit dem NS-Blutrichter Roland Freisler zu bringen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, absolut unwürdig eines Präsidenten.

Keller hat diese Äußerung mit der hitzigen Auseinandersetzung im DFB-Präsidium begründet, aber so eine Wortwahl darf dem Präsidenten eines Verbandes, der sich Integration, Völkerverständigung und auch die Aufarbeitung des eigenen NS-Erbes auf die Fahnen schreibt, nicht unterlaufen – egal in welcher Situation. Keller selbst präsentiert sich gern als Verbandschef, dem Nachhaltigkeit, Sensibilität, Kampf gegen Rassismus und Fairness wichtig sind. Eine solche Beleidigung ist jenseits jeglicher Fairness.

Fritz Keller und Rainer Koch, sie mögen sich nicht

Fritz Keller und Rainer Koch, sie mögen sich nicht

Foto: Federico Gambarini / dpa

Dass er sich zudem im internen Gerangel um Macht und Einfluss im Verband damit ein Eigentor geschossen hat, ist Keller mittlerweile auch klar geworden. Die Opposition im DFB, verkörpert vom Generalsekretär Friedrich Curtius, Schatzmeister Stephan Osnabrügge und dem ewigen DFB-Vizepräsidenten Koch haben das gern als Steilvorlage aufgenommen. In einer offiziellen Erklärung machten Curtius und Osnabrügge am Dienstag im empörten Gestus die Missbilligung von Kellers Äußerung öffentlich. Ganz in ihrem Sinne.

Es ist nur noch vom Machtkampf die Rede

Seit Monaten wird vom DFB nur im Zusammenhang mit dem Wort Machtkampf geredet und geschrieben, nur der angekündigte Rücktritt des Bundestrainers Joachim Löw hat zwischendurch für ein paar Tage andere Schlagzeilen produziert. Keller und Curtius blockieren sich seit Monaten gegenseitig, Bayern-Pate Uli Hoeneß nutzte einen seiner RTL-Auftritte als TV-Experte vor einigen Wochen dazu, vor einem Millionenfernsehpublikum die gesamte DFB-Spitze als komplett unfähig zu diskreditieren. Vom DFB kam nicht einmal vernehmlicher Widerspruch.

Von den hochfliegenden Plänen, die mit dem Bau der DFB-Akademie verbunden sind, spricht fast niemand mehr. Dabei hängt daran die Zukunft des Verbandes.

Fritz Keller sollte diesen Neuanfang nicht nur begleiten, er sollte ihn auch verkörpern. Endlich mal keiner aus dem Bauch des Verbandes, sondern ein Mann von außen. Einer, der Themen wie Klimawandel, Frauen- und Nachwuchsförderung im DFB verankern könnte, so war die Hoffnung, als der Weinbauer und Präsident des SC Freiburg 2019 sein Amt antrat.

Zwei Jahre später ist von den Erwartungen nur wenig übergeblieben, Keller hat durch fahrige Auftritte in der Öffentlichkeit und durch sein zumindest unglückliches Kommunizieren im Verband fast den gesamten Kredit verspielt. In so einer Situation mit einem NS-Vergleich aufzuwarten, ist nicht nur extrem unprofessionell, es spricht auch dafür, wie wenig Keller sich in solchen Situationen unter Kontrolle hat.

Was käme nach Keller?

Ein Rücktritt des Präsidenten, den Keller selbst derzeit noch ausschließt, wäre zwar gesichtswahrend, aber nicht nur die »Süddeutsche Zeitung« hat fast panikartig davor gewarnt, was dann käme.  Dann könnten sich Curtius und Koch als die wahren Sieger im Verband fühlen, ein Generalsekretär, der damit Schlagzeilen machte, dass er sich seinen Wikipedia-Eintrag gegen viel Geld aufhübschen ließ und der Vize Koch, der Präsidenten kommen und gehen sieht und selbst immer im Amt bleibt.

Generalsekretär Friedrich Curtius

Generalsekretär Friedrich Curtius

Foto: Jan Huebner/Pool/Simon Hoffmann / imago images/Jan Huebner

Koch hat sie alle im Amt überlebt, die Verbandschefs, wie unterschiedlich sie auch aufgetreten sind. Keller, der als sanfter Reformer antreten wollte. Sein Vorgänger Reinhard Grindel, der über die Uhren-Affäre stolperte und vorher schon zielsicher Fettnäpfe ansteuerte. Wolfgang Niersbach, jovial, eloquent nach außen, mit Ellbogen nach innen ausgestattet, aber das alles half ihm nichts, als er in der WM-Affäre um die Vergabe des Turniers 2006 die Übersicht verlor. Und davor gab es Theo Zwanziger, der sich auch um Integration und die Unterstützung des Fußballs der Frauen verdient machte, aber in der Schiedsrichteraffäre um Manfred Amerell an seinem Ego scheiterte, und der heute fast nur noch in der Öffentlichkeit auftaucht, wenn es darum gilt, mit Prozessakten durch die Gegend zu laufen.

Unkultur hat sich etabliert

Sie alle hatten und haben auch ihre Qualitäten, es eint sie, dass sie diesen Verband nie in den Griff bekommen haben. Die DFB-Zentrale mit ihren mehr als 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gilt vielen als unregierbar, über die Jahrzehnte hat sich eine Kultur oder besser Unkultur im Haus etabliert, in denen Karriere mit Karrierismus verwechselt wurde, in der mit Durchstechereien und harten Bandagen gearbeitet wird.

Frühere DFB-Mitarbeiter können von Haus-Intrigen und Seilschaften stundenlang Geschichten erzählen und tun dies gegenüber Medien auch immer wieder mit Passion. Die jeweiligen Führungen haben in der Vergangenheit eher wenig dazu beigetragen, dass sich das ändert. Zum Schaden und zum Ärger der honorigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die es in dem Verband auch immer und überall gab und gibt.

Der DFB befindet sich derzeit in Umzugsvorbereitungen, die Zentrale wechselt künftig auf das Gelände der früheren Galopprennbahn in Frankfurt-Niederrad. Natürlich ging auch das nicht ohne jahrelange Streitereien vor sich, wobei es in diesem Fall vor allen Dingen an dem Rennverein lag, der nicht einsah, sein Areal freizugeben. Erst sollte bereits 2018 umgezogen werden, dann wurde es 2021, jetzt soll das 2022 passieren. Das ist jetzt geklärt, der DFB wird die Otto-Fleck-Schneise verlassen, damit dürfte sich das mit dem Stoff in den Wänden gegeben haben. Ein Neuanfang an anderer Stelle. Ein kompletter personeller Neuanfang würde dazu doch wunderbar passen.

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