DFB-Innenverteidigung Die andere Baustelle

Auf die deutsche Innenverteidigung konnte sich der DFB über Jahrzehnte verlassen. Plötzlich jedoch droht sie zur Schwachstelle zu werden.

Wer kann die Lücke von Abwehrchef Niklas Süle füllen?
Tom Weller/ imago images

Wer kann die Lücke von Abwehrchef Niklas Süle füllen?

Aus Mönchengladbach berichtet


Jahrelang wurden die Außenverteidiger als Schwachstelle der deutschen Defensive ausgemacht, die ewige Baustelle. Seit dem Rücktritt von Philipp Lahm vor fünf Jahren doktert der Bundestrainer daran herum. Dass diese Positionen als das größte Problem in der Fußballnationalmannschaft gelten, ist nun vorbei.

Denn jetzt sind da auch noch die Innenverteidiger.

Die Abwehrzentrale ist so etwas wie eine deutsche Domäne. Es gibt im Fußball nur wenige deutschere Wörter als das des Vorstoppers, kaum deutschere Fußballer als Katsche Schwarzenbeck, die Förster-Brüder oder Jürgen Kohler. Nun ist das mit den deutschen Tugenden lange Vergangenheit, der Vorstopper ist ausgestorben, aber auf die Innenverteidiger, die hierzulande gerne Abwehrchefs genannt werden, konnte sich auch Joachim Löw verlassen. Löw hat bei großen Turnieren schon mal vier Innenverteidiger in einer Linie aufgeboten. Weil er es konnte.

Und jetzt ist Niklas Süle auf lange Sicht verletzt, Mats Hummels, der sich als möglicher Ersatz anböte, wird von Löw nicht mehr berufen, weil der Bundestrainer Entscheidungen, die er einmal gefällt hat, so gut wie nie revidiert. Jérôme Boateng ist keine Option mehr. Plötzlich hat die DFB-Bastion Innenverteidigung ein Problem, wie sie es über Jahrzehnte nicht kannte.

Rüdiger erst langsam auf dem Weg zur Genesung

"Wir haben einige Spieler, die dort eingesetzt werden können. Aber es sticht kein Einzelspieler heraus", fasst Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff den Stand prägnant zusammen. Antonio Rüdiger, der neue zweite Mann neben Süle, ist auch erst langsam wieder auf dem Weg der Heilung, der Profi des FC Chelsea ist einer der Löw-Protegees. Tatsächlich hat Rüdiger in England deutliche Fortschritte gemacht, körperlich kann er einen Gegenspieler einschüchtern, sein Aufbauspiel ist aber immer noch sehr verbesserungsfähig.

Bei den nun anstehenden Länderspielen ist Rüdiger aufgrund einer Leistenverletzung ohnehin noch nicht einsatzfähig, der Fokus liegt daher auf dem Gladbacher Matthias Ginter. Bei ihm wird gern der Hinweis gegeben, dass er einer der wenigen verbliebenen Weltmeister von 2014 im Kader ist. Auch, wenn sein Beitrag zum WM-Triumph in Brasilien denkbar gering war. Seitdem jedoch hat der mittlerweile 25-Jährige an Reife zugelegt, auch er gehört zu denen, die das umfassende Wohlwollen des Bundestrainers genießen. Fast 30 Länderspiele belegen das, zuletzt war Ginter fast immer mit dabei, wenn auch meistens versetzt auf die rechte Abwehrseite - womit sich der Kreis zum Dilemma der deutschen Außenverteidigung schließt.

Die Ruhe von Süle fehlt

Rüdiger, Ginter, der Leverkusener Jonathan Tah, dazu der junge Freiburger Robin Koch oder vielleicht der gegen Weißrussland noch rotgesperrte Emre Can - die Aufzählung sagt vor allem eines aus: Die schwere Verletzung von Süle hat in jedem Fall eine spürbare Lücke gerissen. Der Bayern-Verteidiger hat in der Nationalmannschaft auch nicht nur Gala-Auftritte gehabt. Aber Süle kann Ruhe verbreiten, wenn andere hektisch werden. Die Dauer seines Gesundungsprozesses nach dem Kreuzbandriss vom Oktober wird vor der EM noch ein großes Thema werden.

Löw hat unterschiedliche Erfahrungen damit gemacht, verletzten Spielern lange die Tür offenzuhalten. 2008 bei Christoph Metzelder hat es sich bei der EM nicht ausgezahlt, 2014 bei Sami Khedira in Brasilien schon, 2018 war das sture Festhalten des Bundestrainers am rekonvaleszenten Manuel Neuer einer der Gründe für die mäßige Stimmung im DFB-Team.

Wie sinnvoll ist es, auf einen möglicherweise halbfitten Niklas Süle zu setzen, oder sollte man ihn, wie es Uli Hoeneß als Bayern-Patron umgehend tat, für die EM einfach abhaken? Wie sehr nervt es die anderen, wenn die Personalie Süle bis zur Europameisterschaft über ihnen schwebt? Da kommen noch einige Fragen auf Joachim Löw zu.

Und das Problem der Außenverteidiger ist damit noch gar nicht angesprochen.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
sapalot 16.11.2019
1.
So ein Quatsch: wer den weltbesten Außenverteidiger Lahm oder den sehr guten Kimmich auf der 6 spielen lässt, dem fehlt er halt hinten...
dennis.schroeder1 16.11.2019
2. Boateng und hummels
Löw sollte einfach boateng und hummels zurückholen, schon gibt es wieder eine sichere Abwehr. Der Umbruch klappt bis zur EM eben nicht, da sich Süle verletzte. War ja gut gemeint gewesen von Löwen, nur es ist der falsche Zeitpunkt für den Umbruch.
aggro_aggro 16.11.2019
3. Naja
Weltstars hat Löw außer im Tor auf keiner Position mehr aufzubieten. Und die Außenverteidigerpositionen kann er zumindest mit soliden Champions-League-Achtelfinalisten bestücken. Das kann man auf anderen Positionen nicht behaupten, auch wenn die Gladbacher und Freiburger im Moment sicher nicht schlecht sind.
OhMyGosh 16.11.2019
4.
Plötzlich hat die DFB-Bastion Innenverteidigung ein Problem... das der Teamchef zu verantworten hat, denn e r beruft die Nationalspieler. Und sooo plötzlich kam das Problem nun auch nicht Dass Spitzenvereine gerade auch im Defensivbereich gerne (teure) ausländische Spieler beschäftigen, ist gewiss ein Problem, das der Trainer kreativ lösen muss. Oder aber er hält es mit Friedrich Nietzsche: "Nur im Angriff ist klingend Spiel" bzw. lässt Abwehrspieler das "Dosenöffenr"-Tor schießen ;)
Klinsmeier 16.11.2019
5. Gruppensieger
OhMyGosh, und plötzlich ist die deutsche Gurkentruppe doch Gruppenerster, weil die Niederlande (trotz vonDijk - Thema Innenverteidigung) nicht in Nordirland gewinnen konnte (anders als die Deutschen). Die RTL-Übertragung war dennoch nicht zufrieden, der Experte Steffen Freund (aber sicher kein Löw-Freund) forderte beim Stand von 3:0, dass die Weißrussen noch mehr an die Wand gespielt werden müssten.
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