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11. August 2011, 09:05 Uhr

DFB-Jungstar Götze

Deutschlands neuer Mister Right

Von , Stuttgart

Was für ein Auftritt! Im Länderspiel gegen Brasilien war Mario Götze der Mann des Abends - selbst die Gegner prophezeien ihm eine große Zukunft. Der Dortmund-Spieler ist der wohl coolste 19-Jährige, den der deutsche Fußball je gehabt hat.

Alle klopften ihm auf die Schultern, die Experten waren voll des Lobes, aber Mario Götze muss an diesem Abend erst einmal etwas richtig stellen. "Der Spitzname Götzinho existiert überhaupt nicht, ich weiß gar nicht, wo der plötzlich herkommt", klärte der Mittelfeldspieler auf. Nach diesem Abend gehört allerdings nicht all zuviel Fantasie dazu, sich diesen Rufnamen auszudenken - schließlich war Götze so etwas wie der Mann des Abends beim 3:2-Erfolg der DFB-Elf über Rekordweltmeister Brasilien. Er war möglicherweise der brasilianischste Fußballer, der an diesem Abend in Stuttgart auf dem Rasen stand.

Mario Götze ist in der vergangenen Bundesligasaison Deutscher Meister mit Borussia Dortmund geworden, ihm wird nach seinem ersten Länderspiel von Beginn an von Bundestrainer Joachim Löw zugetraut, künftig eine tragende Rolle in der Nationalelf übernehmen zu können. Der brasilianische Coach Mano Menezes sagte nach der Partie, Götze habe "eine große Zukunft vor sich" - und all das nimmt dieser junge Kerl mit seinen gerade 19 Jahren mit einer Ruhe zur Kenntnis, die einen fast schaudern lässt. Götze ist wahrscheinlich der coolste 19-Jährige, den der deutsche Fußball je gehabt hat.

Zwar betonte er, der Abend von Stuttgart, den er mit dem 2:0-Treffer gekrönt hat, sei für ihn ein "einzigartiges Erlebnis", aber schon zwei Fragen weiter räumte er ein: "Eigentlich gab es keinen großen Unterschied zu einem normalen Spiel im Verein." Die Journalisten mochten das gar nicht recht glauben, versuchten ihm wiederholt zu entlocken, wie ungewöhnlich doch solch ein Abend für einen Spieler seines Alters sein müsse. Aber Götze musste sie enttäuschen: "Ich habe einfach versucht, mich wie immer nur auf mein Spiel zu fokussieren." Er denke, dass "das ganz gut gelungen" sei.

Er habe nun einmal ein gutes Umfeld mit seiner Familie und seinen Freunden: "Die sorgen schon dafür, dass ich nicht abhebe." Lediglich als er mit dem BVB den Meistertitel geholt habe, "da habe ich mir dann auch mal gegönnt, schreiend durch die Gegend zu laufen". Man kann es sich fast nicht vorstellen.

Götze ließ an diesem Abend den eigentlichen Mittelfeldregisseur des DFB-Teams, Mesut Özil, vergessen. Özil und sein Teamkollege Sami Khedira hatten die Reise nach Stuttgart nicht mitgemacht, weil sie mit Real Madrid noch mitten in der Saisonvorbereitung stecken. Mit Götze ist ihm spätestens seit Mittwoch ein ernsthafter Konkurrent erwachsen. Bundestrainer Löw kann sich aber "auch vorstellen, beide gemeinsam spielen zu lassen". Das sei ja nun einmal das Schöne an den vielen jungen Talenten, dass "ich jetzt so viele Optionen habe".

Optionen, in denen künftig Lukas Podolski - bekanntermaßen ein besonderer Schützling Löws - keine große Rolle mehr spielen könnte. Der Kölner enttäuschte in einer ansonsten spielfreudigen und konzentrierten deutschen Elf als einziger - und das jetzt schon zum wiederholten Male. Nach 45 Minuten nahm Löw ihn vom Feld, brachte für ihn den Leverkusener André Schürrle, dem der 3:1-Treffer gelang. Bei einem Mittelfeld mit Götze und Özil wäre Podolski wohl der erste, der seinen Platz in der Stammelf räumen müsste. "Für mich ist das eine ideale Ausgangslage, auf diesen Positionen mehrere Topleute zu haben, die auch auf die WM-Fahrer von 2010 Druck ausüben", so Löw. Ein deutlicher Wink in Richtung Podolski.

Menezes sah Deutschland "in allen Belangen überlegen"

Seit 18 Jahren war es der erste Sieg über den Rekordweltmeister, dazu ein durchaus verdienter. "Deutschland war klar besser und in allen Belangen überlegen", übertrieb Gästetrainer Menezes in seiner Analyse zwar - dennoch war es beeindruckend, wie die deutsche Mannschaft in ihren guten Momenten Dominanz über die Brasilianer ausübte.

Den Südamerikanern gelang zwar dank der überragenden Technik ihrer Einzelspieler auch der eine oder andere schnell vorgetragene Konter. Aber nach dem Führungstreffer durch einen von Bastian Schweinsteiger verwandelten Foulelfmeter war die Partie vorentschieden. Dem danach folgenden deutschen Schwung hatten die Gäste in der Defensive nicht mehr viel entgegenzusetzen.

"Solche Abende bringen uns junge Spieler enorm weiter", wusste zumindest Schürrle, selbst erst 20 Jahre alt, die Dimension des Augenblicks zu würdigen. Götze war in dem Moment schon wieder ganz damit beschäftigt, zu analysieren, wie er auf dem Platz sein Spiel aufzieht: "Es geht immer wieder um die Frage: richtig oder falsch? Die muss ständig neu entschieden werden."

Mario Götze hat sich offenbar für "richtig" entschieden. Vielleicht wäre das noch ein neuer Spitzname für ihn: Mister Right.

Deutschland - Brasilien 3:2 (0:0)
1:0 Schweinsteiger (61.)
2:0 Götze (67.)
2:1 Robinho (71.)
3:1 Schürrle (79.)
3:2 Neymar (90.+3)
Deutschland: Neuer - Träsch, Hummels (88. Boateng), Badstuber, Lahm - Kroos, Schweinsteiger (85. Rolfes) - Müller, Götze (88. Cacau), Podolski (46. Schürrle) - Gomez (46. Klose)
Brasilien: Júlio César - Dani Alves, Lúcio, Thiago Silva, André Santos - Ramires (86. Luiz Gustavo), Fernandinho (69. Ganso), Ralf - Neymar, Pato (77. Fred), Robinho (86. Renato Augusto)
Schiedsrichter: Kassai (Ungarn)
Zuschauer: 54.700 (ausverkauft)
Gelbe Karten: - / Ganso

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