Designierter DFB-Präsident Keller Erbarmen statt Ehrgeiz

Mit der Nominierung von Fritz Keller will der Deutsche Fußball-Bund einen neuen Weg einschlagen: Das Zeitalter allmächtiger Präsidenten scheint zu Ende. Die Bekanntgabe der Personalie gelang überraschend professionell.

Fritz Keller 2014 bei einem Spiel seines SC Freiburg
Ronny Hartmann/ Getty Images

Fritz Keller 2014 bei einem Spiel seines SC Freiburg

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Die Sommermärchen-Affäre. Funktionäre auf teuren Lustreisen. Ein Präsident, der sich eine Uhr von einem Oligarchen schenken ließ. Und immer wieder Ärger mit dem Finanzamt. Der Deutsche Fußball-Bund hat in den vergangenen Jahren wenig ausgelassen, um seinen Ruf zu ruinieren. Dass der DFB in seinen besten Zeiten einen Namen hatte, der von den Sportplätzen ins ganze Land ausstrahlte, als Leuchtturm des gesellschaftlichen Lebens wahrgenommen wurde, erscheint heute nur noch wie das Aufglimmen einer fernen Erinnerung.

Entsprechend groß war die Sehnsucht in der Frankfurter Zentrale, dass die Suche nach einem neuen Präsidenten oder einer Präsidentin zu einer Personalie führt, die mitbringt, was der DFB für den ersehnten Neuanfang braucht: die Seriosität, das Ansehen, jenes Gewicht aus Respekt und Lebenserfahrung, das den Leichtgewichten im Amt, Wolfgang Niersbach und Reinhard Grindel, allzu sehr abging.

Ein großer Name sollte es werden. Als DFB-Interimschef Rainer Koch Anfang Mai in einer Sitzung das Profil der Suche vorstellte, nannte er beispielhaft Klaus-Peter Müller - Ex-Commerzbank-Chef -, und Herbert Hainer, früherer Vorstandsvorsitzender des Weltkonzerns Adidas. Nur mal so, um den versammelten Funktionären eine Ahnung zu vermitteln, wie hoch ins Regal der DFB greifen wollte.

Ein kleiner Name für einen großen Verband

Geworden ist es nun Fritz Keller, Präsident des SC Freiburg, Patron einer Winzerfamilie aus dem Badischen. Ein kleiner Name, gemessen am Anspruch. Er hat sich nach wochenlanger Suche mithilfe der Personalberatung Egon Zehnder als Wunschkandidat herausgeschält. Beim DFB erzählen sie von seinem "großen Herz für den Fußball" und dass er ein Patenkind von DFB-Legende Fritz Walter ist. "Sehr integer", außerdem ein Kind der Bundesliga; schließlich muss auch die Deutsche Fußball-Liga (DFL) die Personalie mittragen.

Am wichtigsten aber: Keller war bereit, bei der Wahl durch den DFB-Bundestag am 27. September anzutreten. Das war, nachdem etwa Hainer schon im Vorfeld abgewunken und Ex-Innenminister Thomas de Maizière angeblich auch keine Lust hatte, keineswegs selbstverständlich.

So respektabel Keller sein mag - neben Trainer Christian Streich die Seele des sehr angesehenen SC Freiburg - die Personalie sagt damit auch einiges darüber, wo der DFB inzwischen steht. Auf Augenhöhe mit dem sehr kleinen SC Freiburg. So tief der DFB gesunken ist, so altmodisch bisher seine Strukturen, so verfilzt die Funktionäre untereinander sind, musste sich jeder Kandidat überlegen, ob er sich das wirklich antun wollte.

Mann mit Rettermentalität

Die Aura der schönen Bilder, großen Momente, in Andacht geführten TV-Interviews, die das Amt früher gerade für mittelmäßige Funktionäre so attraktiv machte, zieht nicht mehr angesichts der Gefahr ständiger Skandale, die auch weiter im DFB lauern dürften. Es brauchte daher schon einen Mann mit einer Rettermentalität, der mehr Erbarmen als Ehrgeiz mit ins Amt bringen muss. Und dazu noch ein gewisses Maß an Demut. Dazu immerhin passt der Name Keller gut.

Denn der "Neue" soll nicht mehr die allmächtige Nummer 1 sein wie seine Vorgänger. Die früher dem DFB-Präsidenten zustehenden Pfründe - die hoch bezahlten Sitze bei Fifa und Uefa - werden wohl nicht an Keller gehen. Sollten die Deutschen die nach dem Rücktritt von Reinhard Grindel aufgegebenen Posten wiederbesetzen dürfen, dann sind dafür eher der Langzeit-Funktionär und Interimspräsident Rainer Koch und Liga-Funktionär Peter Peters die Favoriten.

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DFB: Die Präsidenten, die Skandale

Außerdem trennt die künftige Führungsstruktur des DFB zwischen dem Geschäft und der Repräsentation. In den Geschäften - etwa mit der Nationalmannschaft - wird wohl Generalsekretär Friedrich Curtius das Sagen haben, als Chef einer DFB GmbH, in der fast alles läuft, was Einnahmen bringt. Keller soll dagegen das Gesicht des DFB nach außen werden, er soll an der Spitze des gemeinnützigen Vereins DFB stehen. Manche sehen in der Personalie deshalb einen Grüßaugust, was erklären könnte, dass es zu dem erhofften großen Namen nicht gereicht hat.

Ganz so machtlos wird der Präsident am Ende aber doch nicht sein. Wenn Keller will, kann er Aufsichtsratschef der DFB GmbH werden und damit maßgeblich Curtius und die Geschäfte des DFB kontrollieren. Wenn nicht - die Entscheidung ist noch offen - kann er als Präsident des DFB e.V. Einfluss auf die Betriebs-GmbH nehmen; schließlich ist sie eine hundertprozentige Tochter.

Einen Erfolg kann der DFB mit der Benennung allerdings schon verbuchen. Bereits Anfang Juli hatte sich der Verband intern auf Keller festgelegt. Dem DFB gelang es, den Namen wochenlang bis zur Bekanntgabe geheimzuhalten. Ursprünglich war die Präsentation nun am Mittwoch kommender Woche vorgesehen, am gestrigen Abend hatte sich die Findungskommission aber entschieden, den Namen schon heute öffentlich zu machen, bevor er möglicherweise doch kursiert. Dass es gelingt, die Vertraulichkeit zu wahren, damit hatte selbst in der Verbandsführung nach den zahlreichen Indiskretionen der Vergangenheit kaum einer gerechnet.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes haben wir dem früheren Innenminister Thomas de Maizière einen falschen Vornamen zugeordnet. Wir haben die Stelle korrigiert.

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jazzer 15.08.2019
1. Fritz Keller
wäre der 1. Präsident des DFB seit 120 jahren, der keinen Dreck am Stecken hat.
Micha_Zimmer 15.08.2019
2. Guter Mann
Das ist eine überraschend gute Wahl, finde ich. Ich wünsche Herrn Keller eine ähnlich gute (und ruhige) Hand wie beim SC Freiburg. Auf dass er sich gegen den Funktionärsfilz durchsetzen und das Amt würdig ausfüllen darf.
merty 15.08.2019
3. de Maizière
Sie meinten wohl Thomas, nicht Lothar
Lua-Lua 15.08.2019
4. Keine gute Wahl !....
Jetzt werden Menschen den Mann loben, die vorher noch nie was von Ihm gehört haben. Also ein Patenkind von Fritz Walter. Fritz Walter soll nach eigenen Erzählungen so ehrgeizig verbissen gewesen sein, das er selbst Ihm hohen Alter kein Spiel der Nationalmannschaft sehen konnte, weil er so aufgeregt war. Seine Frau Herta mußte Ihn informieren. Also sein Patenkind steht laut SPON für "Erbarmen statt Ehrgeiz". Meiner Meinung nach sollte es jemand sein, der Seriösität ausstrahlt und von Fußball eher weniger Ahnung hat. Warum denkt man nicht über Lothar Matthäus nach ? Alternativen ? Boris Becker, Hella von Sinnen, Dieter Bohlen, Oliver Poscher, Peter Maffey etc. Oder was ist mit Gesine Schwan, wenn Sie nicht auf den Thron der SPD gelangt ?...Es gibt genug in Deutschland, die es machen könnten.
andycool 15.08.2019
5. Tief gesunken?
Das ist eine wirklich sehr hochmütige und überholte Ansicht, die mehr über den Autor des Beitrags als über die Realität aussagt. Fritz Keller könnte nach all den Gockeln, Selbstdarstellern und Kings of Currywurst endlich mal eine Option auf Zusammenführung eines von grassierendem Turbokapitalismus und maßloser Protzerei zerrissenen Sportverbandes sein. Die Amateurfußballer fanden ja gar nicht mehr statt beim DFB, dessen Funktionäre sich lieber im Windschatten von Tante Jogis Mop und seinem Nivea-Kielwasser aufgehalten haben.
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