DFB-Keeper Lehmann Spielen, um zu spielen

Stammplatz im Verein oder Stammplatzgefahr in der DFB-Elf: Das Quasi-Ultimatum von Löw und Bierhoff an Jens Lehmann überrascht, obwohl es überfällig war. Angst hat der Torwart nicht. Er reibt sich lieber an einem alten Gegner - es geht um den Stammplatz in den Geschichtsbüchern.

Aus Dublin berichtet


Die größte Stärke des Jens Lehmann ist ohne Frage die, dass er mitspielt. Er ist der älteste, aber immer noch beste deutsche Vertreter dieser so genannten mitspielenden Torhüter, von denen es noch nicht so viele gibt in Deutschland. Beim großen Rest der Zunft heißt es, er stehe auf dem Platz, Lehmann aber spielt mit. Er (und noch der Schalker Manuel Neuer, ganz sicher aber nicht Timo Hildebrand vom FC Valencia und auch nicht der Münchner Oliver Kahn) kann antizipieren, heranstürmende Gegner ablaufen und dank seiner technischen Begabung der Ausgangspunkt eines Angriffes sein. Über diese Stärke ist schon oft gesprochen worden, sie war Lehmanns entscheidender Vorteil bei der Bewerbung um den Stammplatz im deutschen Tor.

Doch diesmal half sie dem Torwart nicht.

Gestern liefen drei Gegner auf ihn zu, fast gleichzeitig, und Lehmann stand plötzlich machtlos vor einer Torwartdiskussion . Kein Rauslaufen, kein Konter. Bundestrainer Joachim Löw war der erste. Er ließ erstmals durchblicken, dass es nicht mehr ganz sicher sei, dass sein Keeper plangemäß bei der EM 2008 im deutschen Tor stehen werde. "Noch", so Löw, gebe es zwar "keine Veranlassung, an meinen Planungen zu zweifeln". Doch er wünsche sich von seinen Spielern, "dass sie Spielpraxis in ihren Vereinen haben. Sollte sich die Situation bei Jens nicht verbessern, werden wir im Dezember ein Gespräch führen. Das habe ich mit ihm so vereinbart". Das klingt abgesprochen, aber auch deutlich nach Ultimatum.

Im "Kicker" wurde Oliver Bierhoff noch deutlicher: "Im Hinblick auf die EM ist es uns natürlich wichtig, dass wir einen Torhüter haben, der kontinuierlich spielt. Sollte dieses nicht der Fall sein, würde ich ihm dann raten, sich einen neuen Verein zu suchen, damit er dort im neuen Jahr kontinuierlich spielen kann." DFB-Manager Bierhoff forderte im Prinzip nichts anderes als Löw ("Lehmann muss spielen"), die Aussage ist aber fatalistischer - Bierhoff scheint nicht mehr an eine Rückkehr Lehmanns ins Tor des FC Arsenal zu glauben. Löw verlässt sich noch auf die Ankündigung seines Keepers, bald wieder zu spielen. Torwarttrainer Andreas Köpke wiegelte heute jede Nachfrage zu dem Thema ab - frühestens am Mittwoch will er Stellung beziehen.

Leistung vor Verdienste

Aus all dem kann man eines sicher ableiten: Der 37-Jährige muss sich auf so etwas Ähnliches wie einen Konkurrenzkampf um die Nummer eins einstellen - selbst das schien vor Wochen noch unmöglich. Zwar saß Lehmann beim FC Arsenal auf der Bank, verletzungsbedingt. Doch da war immer noch dieser bei der WM erarbeitete gefühlte Rechtsanspruch auf den Stammplatz. Und die Nummer zwei, Timo Hildebrand, war ja beim FC Valencia auch nur Ersatz. Nun sind die Dinge dabei, sich langsam zu verschieben. Hildebrand spielt in Valencia, Lehmann sitzt in London immer noch auf der Bank.

Die Worte Löws und Bierhoffs passen ins Bild - und sie waren auch überfällig. Einer der Verdienste der beiden ist ja, die Leistung eines Spielers vor dessen Verdienste zu stellen (wie im Fall der Ausmusterung Kahns), selbst wenn sie bei einem so epochalen Ereignis wie der WM in Deutschland erworben wurden. Lehmann zeigt tadellose Leistungen in der Nationalmannschaft, doch er hat sich angreifbar gemacht, weil er sie bisher nicht bei Arsenal zeigen kann.

Um einiges interessanter als die aktuelle Diskussion um Lehmann, die innerhalb der wenig konfliktträchtigen (weil so erfolgreichen) DFB-Elf schon exotisch genug wirkt, ist aber ein anderes Torwartduell, das gerade parallel wieder hoch kocht. Es geht um zwei Männer, die wohl nie Freunde werden, weil sie sich in ihrer Kompromisslosigkeit zu ähnlich sind - und in der öffentlichen Wahrnehmung doch so verschieden. Lehmann gegen Kahn, das sind jede Menge offene Rechnungen, aber auch Ersatzbank gegen Uefa-Cup.

Kahn, der seine Ausbootung in der Nationalmannschaft entgegen aller Beteuerungen wohl auch an seinem 80. Geburtstag noch nicht verwunden haben dürfte, wird von seiner Hauspostille "Sportbild" seit einiger Zeit zu einem Comeback in der DFB-Elf gedrängt und zum Schattenmann Lehmanns aufgebaut. In regelmäßigen Interviews ziert er sich, schwelgt stattdessen in glorreichen Erinnerungen, kritisiert staatsmännisch den Nachwuchs, bringt Tim Wiese als Nachfolger Lehmanns ins Spiel - und feiert sich selbst. Es werde nie wieder eine Ära wie die eines Sepp Maiers, Bodo Illgners "oder meinetwegen auch eines Oliver Kahns geben", sagt Kahn, und man stellt sich vor, wie er dabei Pfeife schmaucht. Es muss ihn umso mehr frustrieren, dass er diese Ära auf Vereinsebene im Uefa-Cup beendet.

Platz in den Geschichtsbüchern in Gefahr

Gut vorstellen konnte sich ganz sicher Kahn, was denn wohl Jens Lehmann denken würde, wenn er dies lesen würde. Und so kam es nicht überraschend, dass die aktuelle Nummer eins im SPIEGEL-Interview zurückschlug und erklärte, er könne es nicht leiden, wenn sich jemand so glorifiziere. Die vorerst letzte Replik Kahns dann gestern im "Kicker": "Anstatt stillos auf frühere Kollegen loszugehen, sollte er eher dankbar sein, dass er überhaupt die Möglichkeit bekommt, in der Nationalmannschaft spielen zu dürfen, während er im Verein nicht spielt. Denn das gab es in dieser Art in der Geschichte des deutschen Fußballs noch nicht."

Es gehört nicht viel Phantasie dazu, Kahns Beweggründe für diese genussvoll abgefeuerte Spitze zu erahnen. Doch womöglich sind es gerade die Attacken des Intimfeindes aus München, die sich für Lehmann sogar als leistungsfördernd herausstellen. Der Mann hat mehr als ein Jahrzehnt seiner Karriere damit zugebracht, um öffentliche Anerkennung und Respekt zu kämpfen - bei der WM färbte von der kollektiven Begeisterung endlich auch etwas auf den ehrgeizigen Torhüter ("Ich habe keine Schwäche") ab.

Mit 35 Jahren das erste Großereignis bestritten, eine erfolgreiche EM und den Platz in den Geschichtsbüchern des DFB vor Augen - Lehmann wird einen Teufel tun, sich das alles durch das vorzeitige Abreißen seiner ganz persönlichen Erfolgsgeschichte zu beschädigen.

Dafür muss er nur endlich spielen. Und im Zweifel wird er dafür auch den Verein wechseln. Immerhin kann er es sich sogar vorstellen, auch bei der WM 2010 im deutschen Tor zu stehen.



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