Krise beim DFB Wenn zwei sich streiten

Die Amateurvertreter des DFB wollen Präsident Fritz Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius loswerden, deren Abgang scheint unausweichlich. Doch die Krise des Verbands wäre damit nicht gelöst.
Schon am Koffer packen? Friedrich Curtius und Fritz Keller haben bei den DFB-Amateuren kein Vertrauen mehr

Schon am Koffer packen? Friedrich Curtius und Fritz Keller haben bei den DFB-Amateuren kein Vertrauen mehr

Foto:

Arne Dedert/ dpa

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Potsdam kann so idyllisch sein. Der Templiner See schmiegt sich friedlich an die Stadt, ganz in der Nähe erstreckt sich der Schlosspark Sanssouci. Hier genau liegt das Kongresshotel, doch von Idyll und Frieden konnte am Wochenende keine Rede mehr sein. Die Landes- und Regionalpräsidenten des DFB, die sich im Kongresshotel versammelt hatten, haben mit ihrer Rücktrittsforderung an Präsident Fritz Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius die nächste Eskalationsstufe in der Dauerkrise des Verbandes gezündet.

Seit Monaten heißt es im DFB-Machtkampf: Keller gegen Curtius, Keller oder Curtius. Die Regionalfürsten haben jetzt eine dritte Variante ins Spiel gebracht: weder Keller noch Curtius.

Der DFB-Präsident, der sich durch seinen Nazi-Vergleich, als er NS-Blutrichter Roland Freisler in Bezug auf DFB-Vizepräsident Rainer Koch setzte, selbst disqualifiziert hat, war bei den Regionalverbänden ohnehin kaum verankert. Keller als langjähriger Präsident des SC Freiburg ist der Mann der Profiklubs, der DFL. Die Amateurvertreter haben ihn von Beginn an mit Argwohn betrachtet. Schon dass er mehr oder weniger ohne ihre Zustimmung 2019 ins Amt gehievt wurde, hatte Unmut erzeugt.

Resultat spricht eine deutliche Sprache

Dass der Präsident selbst durch sein fahriges Handeln nach außen und nach innen nicht viel dazu beigetragen hat, diesen Argwohn zu vertreiben, kommt hinzu. Das Abstimmungsergebnis mit 26 Stimmen, die ihm den Rücktritt nahelegen, und nur neun Voten, die Keller noch auf seiner Seite hat, spricht eine ganz deutliche Sprache.

Curtius seinerseits hat seine Einflussbasis in der DFB-Zentrale, draußen im föderalen Fußball-Lande dagegen hat auch er wenig Bonus. Auch nach fünf Jahren als Generalsekretär hat er bei den Amateurvertretern offenbar kein Vertrauen aufbauen können. Sein Ergebnis war mit 14 Stimmen pro Curtius und 20 gegen ihn zwar nicht ganz so desaströs wie bei Keller. Aber vernichtend genug ist es doch, um ein Verbleiben im Amt auch für ihn kaum noch denkbar werden zu lassen.

Der Mann der Regionalverbände ist und bleibt Rainer Koch, der ewige DFB-Vizepräsident, seit 17 Jahren an der Spitze des bayerischen Verbandes stehend, Sportfunktionär seit 39 Jahren. Er kennt alle, alle kennen ihn. Es ist also keine große Überraschung, dass Koch dem Scherbengericht von Potsdam entgangen ist, wenn auch mit ein paar Schrammen und 13 Gegenstimmen.

Entschuldigung Kellers »entgegengenommen«

Die Landesverbände sind immer Kochs Rückendeckung gewesen. Dass er derjenige ist, der von Keller in jener unakzeptablen Weise mit dem Volksgerichtshof-Hetzer Freisler in Verbindung gebracht worden ist, hat seine Position sicher nicht geschwächt. Koch, so hieß es, habe bei einem Treffen mit dem Präsidenten am Samstag die Bitte um Entschuldigung Kellers für den Vergleich »entgegengenommen«. Das ist etwas anderes als angenommen. Keller selbst hatte schon vor zehn Tagen, als der SPIEGEL über den Freisler-Vergleich berichtet hatte, davon gesprochen, Koch habe seine Entschuldigung akzeptiert. Davon konnte aber keine Rede sein.

Das Votum pro Koch durch die Amateurvertreter ist beides gewesen, der Ausdruck der Missbilligung für Keller und die Stärkung des Landesfürsten Koch. Der Mann, der schon so viele DFB-Präsidenten hat kommen und gehen sehen. Es sieht so aus, als würde er auch diesen Sturm wieder einmal überstehen. Noch am Samstag hatte Ex-DFB-Boss Reinhard Grindel Koch vorgeworfen, er habe frühzeitig Erkenntnisse über die WM-Affäre im DFB um die Vergabe des Turniers 2006 gehabt – und verschwiegen. Koch hat viel Erfahrung darin, solche Vorwürfe an sich abprallen zu lassen.

Das Votum der Regionalpräsidenten bedeutet rein formal dabei nicht, dass Keller und Curtius zwangsläufig gehen müssen. Ihnen wird lediglich der Rücktritt nahegelegt, jetzt ist der Vorstand des Verbandes am Zug. Dort sitzen neben den Mitgliedern des DFB-Präsidiums und Landesvertretern auch Abgesandte der DFL. Der Vorstand könnte den Präsidenten wegen unwürdigen Verhaltens abwählen. Und dann gibt es noch die DFB-Ethikkommission, die sich im Lauf der Woche mit Keller befassen soll. Curtius und Schatzmeister Stephan Osnabrügge hatten in der Vorwoche bereits dazu gedrängt, die Ethikkommission mit dem Fall zu befassen. Denkbar wäre auch, dass die Kommission die Angelegenheit ans Sportgericht verweist, dann könnte sogar eine Sperre für den Präsidenten herauskommen.

Antrag auf Bundestag einstimmig abgeschmettert

All dem könnten Keller und Curtius zuvorkommen, wenn sie dem Votum von Potsdam entsprächen und von sich aus zurückträten. Von vielen im Verband, aber auch außerhalb des DFB würde dies mittlerweile als eine Art Befreiungsschlag empfunden, nachdem sich Keller und Curtius über Monate blockiert haben und den Verband gelähmt hatten.

Keller wollte einen Befreiungsschlag ganz anderer Art, ihm hatte die Einberufung eines außerordentlichen Bundestages im Sommer vorgeschwebt, der den Machtkampf entscheiden solle – am besten zu seinen Gunsten. Die Regionalvertreter haben dieses Ansinnen am Wochenende abgeschmettert und das Abhalten eines solchen Bundestages abgelehnt – einstimmig. Eine schallendere Ohrfeige für Keller ist kaum denkbar.

Bisher hatte der Präsident einen Rücktritt immer abgelehnt, nach diesem eindeutigen Votum der Landesvertreter stellt sich die Rücktrittfrage aber noch einmal ganz neu und viel drängender. Wenn man bedenkt, dass Vorgänger Reinhard Grindel wegen einer angenommenen Uhr gehen musste, dann ist ein Nazi-Vergleich aus dem Mund eines Präsidenten, der sich als nachhaltig, kommunikativ, fair präsentieren wollte, schon eine andere Kategorie. In der Pressemitteilung des DFB vom Sonntagnachmittag heißt es in Bezug auf den Freisler-Vergleich: »Die Äußerung des Präsidenten ist mit den Grundsätzen und Werten der Verbände nicht vereinbar.« Dem ist wenig hinzuzufügen.

Das Kongresshotel am idyllischen Templiner See verließ Keller durch den Hintereingang.

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.