DFB-Krisenmanagement "In jedem Unternehmen wären Köpfe gerollt"

Im größten deutschen Fußballskandal seit 1971 halten sich Vereine und Profis mit Kritik am DFB auffällig zurück. Der Präsident des FC St. Pauli aber, dessen Regionalligateam durch zwei mutmaßlich verschobene Spiele geschädigt ist, macht seinem Ärger über Nachlässigkeiten des Verbandes jetzt Luft.

Von Till Schwertfeger




DFB-Spitzenfunktionär Mayer-Vorfelder: "Unregelmäßigkeiten" sind keine "Manipulation"
DDP

DFB-Spitzenfunktionär Mayer-Vorfelder: "Unregelmäßigkeiten" sind keine "Manipulation"

Hamburg - Rudi Assauer ist um kritische Worte eigentlich nie verlegen, und er weiß, dass fast jedes seiner üblicherweise gepfefferten Statements das Zeug zur Schlagzeile hat. Der Manager des FC Schalke 04 tritt gern wie ein Ruhrpott-Patron auf und legt sich am liebsten mit den Großen und Mächtigen der Fußballbranche an, früher mit Borussia Dortmund, heute mit dem FC Bayern München. Auch auf den Deutschen Fußball-Bund schimpft Assauer lauthals, wenn er es angebracht findet. Wie der DFB vergangenen Sommer in der Bundestrainersuche dilettierte, darüber mokiert Assauer sich noch heute.

Doch obwohl der deutsche Fußball derzeit täglich die Titelseiten fast aller Zeitungen füllt, ist seit einer Woche vom wortgewaltigen Schalke-Manager nichts mehr zu vernehmen. Ein Sprecher des Vereins glaubt, dass das auch so bleiben wird: "Zum Wettskandal will sich Rudi Assauer erstmal nicht äußern." Auch andere prominente Bundesliga-Funktionäre wie die Bayern-Troika Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge sind vergleichsweise kleinlaut geblieben, seit Schiedsrichter Robert Hoyzer zugegeben hat, Fußballspiele gegen Geld manipuliert zu haben, und der DFB in Erklärungsnot geraten ist, wieso er Verdächtigungen gegen Hoyzer nicht konsequent verfolgt hat.

Anderthalb Jahre vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land scheinen sich die Vereinsvertreter und Fußballprofis gemeinsam mit DFB und DFL in einer Wagenburg verschanzen zu wollen in der Hoffnung, den größten Skandal im deutschen Fußball seit 1971 so glimpflich wie möglich und irgendwie zu überstehen. Kritik am Verband? Fehlanzeige.

HSV-Vorstandschef Hoffmann: "Einwandfreies Verhältnis zum DFB"
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HSV-Vorstandschef Hoffmann: "Einwandfreies Verhältnis zum DFB"

Auch Bernd Hoffmann findet diese Ruhe ungewöhnlich, "wohltuend" nennt er sie wenig später. Hoffmann ist Vorstandsvorsitzender des Hamburger SV, jenes Vereins also, der im DFB-Pokal am 21. August 2004 nach einer 2:0-Führung mit 2:4 in Paderborn verlor. Inzwischen haben Referee Hoyzer und der Regionalligist gestanden, vor dieser Begegnung Geld erhalten zu haben, damit die Hamburger verlieren. Bereits zwei Tage nach dieser mutmaßlich geschobenen Begegnung hatte der DFB vom staatlichen Wettanbieter Oddset Hinweise auf "Unregelmäßigkeiten" erhalten, doch ernsthaft aufgegriffen wurde der Manipulationsverdacht erst vor knapp zwei Wochen.

Da seitdem bereits zwei weitere Pokalrunden absolviert wurden, kann der HSV nicht ernsthaft damit rechnen, dass die Partie in Paderborn wiederholt wird, wie er offiziell fordert. Dennoch sagt Hoffmann: "Wir haben keinen Grund, Kritik zu üben. Das bilaterale Verhältnis zwischen dem DFB und dem Hamburger SV ist einwandfrei." Die Begründung seiner versöhnlichen Worte liefert der HSV-Boss nur indirekt: "Der DFB hat erklärt, uns als Hauptgeschädigte nicht im Regen stehen zu lassen." Im Klartext heißt das, dass die Hamburger mit einer hohen Entschädigung rechnen. Angeblich geht es um rund 2,5 Millionen Euro durch entgangene Einnahmen. Nachvollziehbar, dass Hoffmann die Beziehungen zum Verband nicht anspannen will.

Nur wenige Kilometer von der AOL-Arena entfernt schüttelt derweil Corny Littmann den Kopf darüber, wie der DFB mit dem Wettskandal umgeht. "Dieser Krisenfall war nicht vorgesehen. Also gibt es kein Krisenmanagement", so das vernichtende Urteil des FC-St.-Pauli-Präsidenten. "Mich verwundert nicht, dass der DFB, was die öffentliche Aufarbeitung des Skandals angeht, in der Gegend rumrudert."

St.-Pauli-Boss Littmann: "Kein Krisenmanagement"
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St.-Pauli-Boss Littmann: "Kein Krisenmanagement"

Sowohl beim 2:3 in Braunschweig am 5. Juni 2004 und beim 2:3 gegen Osnabrück am 14. August 2004 soll Hoyzer für die Niederlagen des Hamburger Regionalligisten gesorgt haben. Dass Gerhard Mayer-Vorfelder, damals noch allein regierender DFB-Präsident, heute scharf zwischen den Begriffen "Unregelmäßigkeiten" und "Manipulation" unterscheide, um sich und seinen Verband aus der Verantwortung zu ziehen, findet Littmann "abenteuerlich". "Wenn das in einem großen deutschen Unternehmen geschehen wäre, dann wären spätestens am zweiten Tag Köpfe gerollt", sagte der Theater-Unternehmer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, "ganz unvorstellbar, dass die da alle noch so ruhig sitzen."

Als Konsequenz aus der Affäre Hoyzer fordert Littmann einen "nationalen Aufsichtsrat", der den DFB kontrolliert. Das Problem seien aber nicht nur die Strukturen, sondern die handelnden Personen, so St. Paulis Vereinsboss. Mit seiner scharfen Kritik steht Littmann allerdings noch allein auf weiter Flur, als Außenseiter im wahrsten Sinne des Wortes.

Immerhin hat der DFB-Mediendirektor erstmals Fehler des Verbandes eingeräumt. Im Rückblick sei es möglicherweise falsch gewesen, sich zu Beginn des Skandals darauf festzulegen, dass es sich bei Hoyzer um einen Einzelfall handele. Jedoch habe der DFB damals "nach bestem Wissen geantwortet", sagte Harald Stenger der "Zeit". Mittlerweile muss Stenger auch als Sprecher der Soko "Wett- und Spielmanipulationen" beim DFB fungieren.



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