DFB-Gegner Ungarn Orbáns Lieblinge

Die DFB-Elf trifft heute auf Ungarn, es ist das letzte Testspiel vor der EM. Die Stärke des Gegners: ein deutsches Trainergespann. Außerdem gibt es Hilfe vom umstrittenen Regierungschef.

Ungarns Fußballer
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Ungarns Fußballer

Aus Gelsenkirchen berichtet


Versuche, Politik und Fußball voneinander zu trennen, kann man in Ungarn vergessen. Seit Viktor Orbán an der Macht ist, ist Fußball Chefsache. Der rechtskonservative Regierungschef versteht den Sport auch als Instrument, das Land im Glanze stehen zu lassen. Und Hilfe bekommt er dabei von einem deutschen Duo.

Bernd Storck und Assistent Andreas Möller haben ihren Anteil daran, dass die ungarische Nationalmannschaft, Testspielgegner des DFB-Teams an diesem Samstagabend (18 Uhr ZDF, Liveticker SPIEGEL ONLINE) erstmals seit 1986 wieder bei einem großen Turnier dabei sein darf. Storck, früher als Profi von Borussia Dortmund und dem VfL Bochum aktiv, hat seine Erfahrungen mit Trainerjobs in Ländern, in denen es andere Themen gibt als den Sport. Er hat in Kasachstan die Nationalelf trainiert, er war in Griechenland tätig, seit dem Vorjahr ist er als Doppelspitze Sportdirektor und Trainer der Ungarn. Und kann endlich mal aus dem Vollen schöpfen.

Orbáns Regierung hat mehr als 500 Millionen Euro locker gemacht, Steuerermäßigungen eingeführt, um die Mannschaftssportarten im Lande, und hier vor allem den Fußball, zu fördern. Verbandspräsident Sandor Csanyi, ein millionenschwerer Banker, gilt als enger Vertrauter des Regierungschefs. Orbán hat in seiner Heimatstadt Felcsút die Puskas-Akademie aus dem Boden stampfen lassen, hier werden die besten Nachwuchsspieler Ungarns ausgebildet.

Storck verteidigt den Ministerpräsidenten

Storck und Orbán stehen im regelmäßigen Austausch, der Deutsche hat mal kurz und prägnant gesagt: "Ohne Orbán kein Fußball." Und überhaupt werde der Politiker in Europa oft falsch dargestellt, so der Nationaltrainer. In der "Süddeutschen Zeitung" wird Storck zitiert: Orbán "tut alles für sein Land. Und er ist ein großer Fußballfan". Über Politik, über den harten ungarischen Kurs im Umgang mit Flüchtlingen, über das rigide Vorgehen gegenüber Journalisten redet Storck nicht so furchtbar gerne.

Als Fußballfan hat der Ministerpräsident jedenfalls zuletzt viel Spaß an Storcks Werk gehabt. In den Playoffs hat sich Ungarn gegen Norwegen durchgesetzt, das entscheidende Tor erzielte der Bremer Laszlo Kleinheisler, der sich bei Werder zwar bislang nicht durchgesetzt hat, in der Heimat aber seit seinem Treffer eine Art Nationalheld geworden ist, obwohl er erst zwei Länderspiele absolviert hat. Und dann stammt er auch noch aus besagter Puskas-Akademie in Felcsút.

Kleinheisler ist einer von vier Spielern aus der Bundesliga, die mithelfen sollen, sich in der Gruppenphase gegen Österreich, Island und Portugal einigermaßen wacker zu schlagen. Der Hannoveraner Ádám Szalai, einst ein Drittel der berühmten Mainzer Bruchweg-Boys und bei Absteiger 96 zuletzt nur noch Ersatz, gehört dazu. Er teilt im Verein das Schicksal so mancher Mannschaftskollegen, die zwar in der Nationalelf Stammspieler sind, sich in ihren Klubs aber mit den Reservebänken vertraut machen müssen. Das trifft selbst den Star der Mannschaft, Balázs Dzsudzsák, der in der Türkei sein Geld verdient und bei Bursaspor zuletzt keine tragende Rolle spielte.

Die "Goldene Elf" ist längst nur noch Vergangenheit

Es ist lange her, aber der ungarische Fußball, er war mal ganz groß. Die Goldene Elf von einst mit Major Puskas an der Spitze, mit Sándor Kocsis, mit Nándor Hidegkuti, mit Zoltán Czibor in der Offensive, mit Gyula Grosics im Tor und Gyula Lóránt und Jenö Buzánszky in der Abwehr - sie ist bis heute das Maß aller Dinge, die "11 Freunde" haben sie die "beste Elf aller Zeiten" getauft. Der 6:3-Erfolg über England von 1953 im Londoner Wembleystadion ist Teil der ungarischen Geschichte, genauso wie die traumatische Niederlage ein Jahr später in Bern gegen die deutsche Herberger-Elf.

Wenn man ehrlich ist, kam danach nicht mehr allzu viel. In den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren meldeten sich die Ungarn als WM-Teilnehmer zurück, dann ging es nur noch abwärts. Zahleiche Trainer haben sich in Ungarn versucht, Lothar Matthäus war darunter, keiner hat es geschafft, dem Team Stabilität zu vermitteln. Das Scheitern an der Qualifikation war Programm.

Bis der heutige Hertha-Trainer Pál Dárdai zur Mannschaft kam, seinen alten Kumpel Storck dazu bewegte, den Job des Sportdirektors zu übernehmen, und mit dem politischen Rückenwind aus Budapest neue Strukturen entstanden. Da Dárdai auf Dauer nicht beides machen konnte, Hertha-Coach und Nationaltrainer, trat er das Amt an Storck ab. Und Storck, der es als Spieler nur in die U21-Nationalmannschaft geschafft hatte, fährt jetzt mit Ungarn als Trainer zur EM.

Viktor Orbán sieht es mit Wohlgefallen. Eine Geschichte über ihn sagt, dass er mal in einem Spiel mit Parteifreunden, bei dem er mitkickte, so lange hat spielen lassen, bis seine Mannschaft endlich gewonnen hatte. So groß wird sein Einfluss bei der EM noch nicht sein.



insgesamt 24 Beiträge
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clé-serena 04.06.2016
1. Selbst bei nationalen Fussballspielen müssen Sie hier hetzen.
Offenbar gilt die Prämie von interessierter Seite nicht nur für die Polit-Redakteure.
rudlith 04.06.2016
2.
Diesen Trick gibt es seit den Zeiten des Klumpfußes: man erklärt einen Sportler/ eine Mannschaft zum Günstling des politischen Feindes. Wie z.B. bestimmte Sportler Russlands im Zusammenhang mit Putin oder, wie jetzt, die FußballNATIONALmannschaft Ungarns im Zusammenhang mit Orban. Gerät der eine in den Verdacht des Dopens oder (was passieren kann) verliert der andere gegen die Multikultitruppe von Merkel, wird das sofort und unisono der Überlegenheit des bundesrepublikanischen politischen Systems angerechnet.
linkergutmensch 04.06.2016
3. #1 es sind immer die anderen die hetzen
SPON nennt hier lediglich Tatsachen und hetzt nicht. Das ist eher etwas was sehr reizbare "Patrioten" gerne tun. Aber manche kriegen auch immer gleich Schnappatmung, wenn Rechte im Artikel vorkommen.
stoffi 04.06.2016
4. Frau Merkel und Herr Orban
haben da wohl was gemeinsam die Liebe zum Fussball
so what? 04.06.2016
5. Gottseidank instrumentalisiert Merkel
die DFB -Auswahl nicht....
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