DFB-Masseur Katzenmeier Knetende Hände

Er ist der älteste Teilnehmer im DFB-Tross: Adolf Katzenmeier. Der Masseur knetete Gerd Müller und Franz Beckenbauer, nun legt er bei Michael Ballacks Wade Hand an. Katzenmeier feierte schon zwei WM-Titel, auch wenn beim ersten Glück dabei war.

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Die Hände sehen ganz normal aus. Kleine Hände eines kleinen Mannes, kräftig zwar, aber Wundermittel? "Hier habe ich auch diese Verdickung an der Sehne, sehen Sie?" Adolf Katzenmeier zeigt auf den Ansatz des kleinen Fingers der rechten Hand, wo eine leichte Erhöhung zu sehen ist. "Beim Kneten wird die sehr stark gereizt", sagt er. Dabei knetet er seinen Oberschenkel.

Katzenmeier (M.) mit Nationalspielern Podolski und Schweinsteiger: "Aus der Badewanne gesprungen"
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Katzenmeier (M.) mit Nationalspielern Podolski und Schweinsteiger: "Aus der Badewanne gesprungen"

Wenn man Adolf Katzenmeier eine Frage stellt, antwortet er mit seinen Händen. Sie sind sein Werkzeug, er nennt sie "Wundermittel". Wenn er über das Bein eines deutschen Nationalspielers streicht, "palpieren" heißt das, melden ihm die Finger eine Gewebeverhärtung.

Katzenmeier spricht mit den Händen, und die Finger sind seine Ohren. Am liebsten aber knetet er, da, jetzt macht er es schon wieder und drückt kräftig in den Oberschenkel. "Die Sehne ist in ständiger Spannung, dadurch entsteht ein Reiz, und der Körper lagert dann ein bisschen Kalk ein", sagt er.

Nun hat er also Kalk in den Händen, eine Berufskrankheit von Masseuren, vor allem von denen, die lange in dem Beruf arbeiten. Oder sehr lange, wie Katzenmeier, 71. Für den DFB knetet und palpiert er seit 43 Jahren, sieben Fußball-Europameisterschaften, eine Olympiade, diese WM ist seine siebte. Ein Leben für die Massage. "1998 war es mir nicht vergönnt, ich hatte eine schwere Operation. Sonst hätte ich jetzt die achte WM", sagt Katzenmeier leise und streicht mit beiden Händen über seine Oberschenkel.

Menschen wie Katzenmeier wirken im Hintergrund der Erfolgsmaschine DFB, manchmal tauchen sie im Fernsehen auf, wenn die Kamera die Ersatzbank entlangfährt und am Ende ankommt bei den Physiotherapeuten. "Wir sind ein Rad in der Kette, jeder versucht das Beste zu geben", sagt der kleine Mann mit den grauen Haaren, der 1992 bei der EM Guido Buchwald die Zunge aus dem Rachen zog, die der Nationalspieler verschluckt hatte. Katzenmeier musste erst zum Lebensretter werden, dass man von ihm Notiz nahm.

Er zeigt wieder auf seinen kleinen Finger, "sehen Sie, hier läuft der Fingerbeuger entlang". Ein offenes "V" sei die Sehne dort, er spricht jetzt in Fachbegriffen und ist eingetaucht in sein Leben. "Und hier, hier hätte ich mir fast mal den Finger gebrochen." Beim Massieren? "Nein, ich bin aus der Badewanne gesprungen, der DFB hatte mal wieder angerufen." Sein grauer Schnauzbart zieht sich beim Lächeln nach oben, die dunklen Augen leuchten. "Ich bin also raus und um die Ecke rum und bleib genau im Schloss hängen. Ich hab es nur Krachen hören."

Es ist noch mal gut gegangen, damals, aber der DFB ruft immer noch an. "Ich lebe ja in Frankfurt, da liegt es auf der Hand, wenn eine Sitzung ist und jemand einen steifen Nacken hat. 'Können Sie mal gucken, da hat sich der oder der Sitzungsteilnehmer wehgetan' oder 'der hat Schmerzen im Kreuz'". Katzenmeier, der das "Physikalische Zentrum" des Verbandes leitet, kommt dann und erlöst die hohen Herren von ihren Schmerzen. Sein Zentrum liegt praktischerweise auf dem gleichen Gelände wie die DFB-Zentrale. Auch Nähe kann schmerzen - oder zumindest stressen.

Mit dem Mercedes nach Malente

Ein Anruf des DFB machte Katzenmeier 1974 aber auch zum Weltmeister. Franz Beckenbauer, der Kapitän, habe einen weiteren Masseur neben Erich Deuser gefordert, erzählt er, "da kamen sie auf mich". Er sollte sich nicht umziehen an diesem Tag sondern gleich zum Flughafen fahren. "Die Tickets waren schon gebucht, in Hamburg stand ein Mercedes bereit und hat mich nach Malente ins Mannschaftsquartier gefahren. Dann sind wir Weltmeister geworden."

Und 2006? Was kann dieses Team leisten?

"Der Jürgen Klinsmann ist jemand, der seine Linie konsequent durchzieht, das finde ich sehr gut. Und dann mal sehen, was passiert. Wir hoffen auf den Titel, aber verlangen können wir das nicht", sagt Katzenmeier. Diesmal würde es ein Hightech-Titel sein. Amerikanische Fitnesstrainer, Pulsgürtel, Laptops, Entlastung, Belastung, Regeneration - eine neue Welt für den Masseur. "Früher gab es ja nur morgens Training, nachmittags Training und abends das Spiel." Und früher gab es nicht mal Ärzte. "Ich erinnere mich an Gerd Müller, der sich mal den Arm gebrochen hat. Es ging um die Bezahlung durch die Versicherung. Die hat sich dann rausreden können, weil kein Arzt dabei war.

Anno 2006 ist allein die medizinische Abteilung der DFB-Elf fast groß wie die 74er-Mannschaft, aber für Adolf Katzenmeier hat sich nicht viel verändert. Wie immer vor großen Turnieren hat er sich auch in dieser Vorbereitung "jeden Spieler eineinhalb Stunden genommen und eine Entlastungsmassage gemacht", so nennt er das. Er suchte Verhärtungen, Verletzungsbereitschaften. Fand er welche, behandelte er sie gleich. "Wie ein Magnet zieht sie das an", sagt Katzenmeier.

Er hat sich auch sonst von all den technischen Neuerungen unter den Bundestrainer ferngehalten, einen Computer hat er nicht angeschafft. "Den habe ich im Kopf", sagt Katzenmeier. "Ich brauche mir auch bezüglich der Spieler nichts aufzuschreiben. Ich lege da die Hand drauf und weiß meistens schon, aha, das ist der oder der, da war am Oberschenkel was." Seine Hände haben sich dabei schon wieder um das eigene Bein gelegt.



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