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DFB-Stürmer Klose: Torgarant und Chancentod

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DFB-Matchwinner Doktor Klose und Mister Hyde

Klose, Klose, immer wieder Klose: Mit seinen Toren gegen die Türkei hat der Stürmer erneut ein Spiel der DFB-Elf entschieden. Im Verein hingegen trifft er wieder einmal seit Wochen nicht. Der 32-Jährige kennt das schon. Erklären kann er es nicht - aber es ist ihm mittlerweile auch egal.

Auf dem Trainingsgelände des FC Bayern München laufen sich Miroslav Klose und Gerd Müller fast jeden Tag über den Weg. Der eine hat als Profi dort seine Übungseinheiten zu absolvieren, der andere ist Co-Trainer der zweiten Bayern-Mannschaft. Müller ist eine Legende im deutschen Fußball, Klose nennt ihn ein "Phänomen".

Müllers Torrekord von 68 Treffern in Länderspielen schien auf ewig unerreichbar. Schien - denn spätestens nach dem 3:0-Sieg der DFB-Elf über die Türkei in der EM-Qualifikation wackelt Müllers Bestmarke in der Nationalelf. Wenn der militaristische Beigeschmack des Wortes es nicht verbieten würde, müsste man davon sprechen, dass Klose der neue "Bomber der Nation" ist.

Fünf Tore hat der 32-Jährige in der laufenden EM-Quali schon erzielt, traf beim 1:0-Auftaktsieg gegen Belgien und steuerte zwei Treffer beim 6:1 gegen Aserbaidschan bei. Mit den beiden Toren gegen die Türkei hat Klose nun insgesamt 57 Länderspieltreffer auf dem Konto, nur noch elf weniger als Müller. Ein Ende ist nicht abzusehen: Schon am Dienstag gegen Kasachstan (19 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) kann er noch näher an Müller heranrücken.

Kloses Bilanz in der Bundesliga nach sieben Spieltagen: null Treffer.

Es scheint, als habe Bundestrainer Joachim Löw noch einen zweiten Miroslav Klose im Schrank. Wer den Stürmer gegen die Türken hat kämpfen, laufen, passen sehen, der mag nicht glauben, dass das der Miroslav Klose des FC Bayern ist. Jener Klose, der auch gegen Clubs mit bestenfalls mittelmäßigen Abwehrreihen wie Köln oder Kaiserslautern das Toreschießen hartnäckig verweigert.

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DFB-Einzelkritik: Klose trifft doppelt, Podolski nur den Himmel

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So beginnt nach jedem Länderspiel das große Rätselraten, wie es sein kann, dass ein Spieler so unterschiedlich erfolgreich und durchschlagskräftig ist, je nachdem welches Trikot er gerade trägt. Klose hat es nach jetzt 104 Länderspielen aufgegeben, sich an diesem Ratespiel zu beteiligen. "Ich bin nicht der Typ, der grübelt, warum es hier läuft und dort nicht", sagte er nach dem Spiel gegen die Türkei. Er wisse nur eins: "Im Verein wäre mir der Ball vor dem 1:0 mit Sicherheit so vor den Fuß gesprungen, dass ich ihn links oder rechts am Tor vorbeigeschossen hätte - aber hier im Nationalteam fällt er mir direkt auf den Helm."

Das "typische Müller-Tor" ist zum feststehenden Ausdruck im Fußballdeutsch geworden: Man weiß nicht wie, aber plötzlich ist der Ball im Tor. Es ist an der Zeit, die Reportersprache um das "typische Klose-Tor" zu erweitern. Der Führungstreffer gegen die Türkei war wieder so eins: Der Ball kommt nach einem Kopfball von Thomas Müller von der Latte zurück, Klose ist irgendwie dran, 1:0.

Die große öffentliche Anerkennung ist Klose bis heute nicht vergönnt

Weitere Erklärungsmuster für das Doktor-Jekyll-und-Mister-Hyde-Phänomen Klose hat auch der Stürmer nicht parat. "Wir spielen in der Nationalmannschaft fast das gleiche System wie bei Bayern, es sind zum guten Teil dieselben Mitspieler, die Ordnung auf dem Platz ist dieselbe wie in München, ich bemühe mich im Verein genauso wie hier, ich fühle mich bei Bayern genauso wohl wie beim DFB", sagt er. Nur das Ergebnis der kloseschen Bemühungen ist ein komplett anderes.

Klose und die Nationalmannschaft - möglicherweise ist es eine glückliche Sternenkonstellation, vielleicht liegt es auch an unterirdischen Wasseradern. Rational kann der Spieler selbst das alles zumindest nicht mehr herleiten. Seit nunmehr fast zehn Jahren steht Klose im DFB-Sturm, er hat drei WM-Turniere und zwei Europameisterschaften gespielt und dabei in zwei Endspielen gestanden, er war WM-Torschützenkönig 2006 - so einen Stürmer hat der DFB seit Gerd Müller oder Uwe Seeler nicht gehabt.

Und dennoch: Die große öffentliche Anerkennung ist ihm bis heute nicht vergönnt gewesen. Er war nach seinen drei Treffern gegen Saudi-Arabien in seinem ersten WM-Spiel 2002 der größte deutsche Fußball-Liebling. Aber nach diesem Raketenstart ist er oft als Null-Tor-Klose, als Krisen-Klose abgeschrieben worden. Konstanz war selten ein Thema bei dem 32-Jährigen. Auch schon bei Werder Bremen, wo er immerhin sagenhafte 53 Bundesliga-Tore in 89 Spielen erzielte, hatte er seine Auszeiten, wurden ihm seine torlosen Minuten durch die Medien vorgerechnet.

Klose hat das alles mit einer ihm eigenen stoischen Ruhe überstanden. Er sei ein sensibler Fußballer, ist ihm oft nachgesagt worden. Dabei ist der Bayern-Spieler weitaus stabiler, als er wirkt. Bundestrainer Joachim Löw ist einer, der das genau weiß. Löw, der ansonsten älteren Spielern gerne mit mehr oder weniger sanftem Druck den Abschied aus der Nationalelf erleichtert, vertraut Klose, wie er vielleicht sonst niemandem in der Mannschaft vertraut.

Der Bundestrainer hatte im Vorfeld der diesjährigen Weltmeisterschaft, als es für seinen Stürmer mal wieder gar nicht zu laufen schien, gesagt: "Der Miro hat nie an sich gezweifelt." Und tatsächlich weiß der Stürmer mittlerweile so gut über sich und sein Leistungsvermögen Bescheid, dass ihm auch klar ist: Eine Krise ist eine Phase, sie geht vorbei. Ein Wissen, das Klose seinem Bayern-Kollegen Mario Gomez vorauszuhaben scheint, der vor lauter Grübeleien über seine Form nicht mehr in die Spur zurückzufinden droht.

"In der Nationalmannschaft habe ich den Lauf, den ich beim FC Bayern zurzeit nicht habe." Dieser simple Satz reicht Klose zur Erklärung. Den Rest überlässt er den Journalisten. Nur nicht zu viel nachdenken, irgendwann geht der Ball schon wieder ins Tor. Es hat bis jetzt immer funktioniert. 57-mal in 104 Länderspielen. Erfolgreicher war nur Gerd Müller. Noch.

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