DFB-Nationalmannschaft Wie Löw den EM-Thron erobern will

Die deutsche Nationalmannschaft beginnt vor dem Spiel gegen Polen mit der Planung für die kommende EM. Bundestrainer Joachim Löw setzt auf schärfsten Konkurrenzkampf - und zieht damit Parallelen zur erfolgreichsten deutschen Fußball-Historie.

Bundestrainer Löw: Der Konkurrenzkampf ist angeheizt
dapd

Bundestrainer Löw: Der Konkurrenzkampf ist angeheizt

Von , Danzig


Die Vorbereitung auf das Testspiel gegen Polen (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) begann für Joachim Löw am vergangenen Donnerstag. Einen Tag vor dem Spiel gegen Österreich, bei dem die Deutschen ihr Ticket für die Teilnahme an der Europameisterschaft auf beeindruckende Weise lösten, holte der Nationaltrainer zu einem Rundumschlag aus.

Löw tat etwas, was er öffentlich eigentlich nur sehr selten tut: Er nannte Spielernamen, Teile der Aufstellung und verteilte gleichermaßen Lob und Kritik. Er zeigte auf, dass es nicht nur eine Doppelbesetzung, sondern teilweise eine Dreier- oder Viererbelegung auf manchen Position des deutschen Nationalteams gibt. Löw rief etwas aus, was es in einer deutschen Mannschaft in dieser scharfen Form wohl seit dem Europameisterschaftsgewinn von 1972 nicht mehr gab: einen erbitterten Konkurrenzkampf.

Der Nationaltrainer lässt von nun an Spieler wie Lukas Podolski gegen André Schürrle, Kevin Großkreutz oder Marco Reus antreten. Mats Hummels duelliert sich mit Per Mertesacker, Holger Badstuber und Jérôme Boateng. Mesut Özil und Mario Götze, Miroslav Klose und Mario Gomez streiten um jeweils einen Platz im Offensivverbund.

Eine neue Ära bahnt sich an

1972, als Deutschland erstmals Europameister wurde und bis heute stilprägend für den wohl attraktivsten Fußball einer deutschen Eliteauswahl auftrat, waren es Namen wie Günter Netzer, Jürgen Grabowski, Berti Vogts, Paul Breitner oder Jupp Heynckes und Gerd Müller, die miteinander um die Positionen in der Stammelf rangen. Das Team um Franz Beckenbauer dominierte die damalige Fußballwelt, zudem kamen immer weitere Nachwuchsspieler wie die jungen Uli Hoeneß und Rainer Bonhof nach und nahmen die Plätze der Älteren fast nahtlos ein.

Erfolgreich waren DFB-Teams vorher schon gewesen, aber das Jahr 1972 läutete eine neue Ära ein. Deutschlands Kicker schafften bei den darauffolgenden fünf Weltmeisterschaften viermal den Einzug ins Finale.

So weit denkt Löw sicherlich noch nicht. Der 51-Jährige sieht deutlich, dass ihm derzeit eine Generation zur Verfügung steht, wie sie zumindest in der Quantität derzeit kein anderes Team der Welt hat. "Es war wichtig, dass wir uns so früh qualifiziert haben. Jetzt können wir einiges ausprobieren", sagt Löw.

Alle Aufmerksamkeit auf Spanien

Dies ist ein Startschuss zur nächsten Ebene des "Spanien-vom-Thron-schubsen-Plans". Phase eins, in der ein Spielsystem verinnerlicht, ein Spielerstamm gecastet werden musste, ist mit dem glorreichen 6:2-Erfolg über Österreich abgeschlossen. Wenn es hart auf hart kommt, eine immense Drucksituation ansteht, hat Löw von nun an eine Basis, auf die er jederzeit zurückgreifen kann. Im Zweifel werden es seine alten Verbündeten, Spieler wie Philipp Lahm, Podolski, Klose oder Bastian Schweinsteiger richten. Ihnen vertraut der Nationaltrainer.

Trotzdem wird er das kommende Jahr nutzen, um nicht noch einmal so hilflos dazustehen wie im Finale der EM 2008 oder im Halbfinale der WM 2010. Beide Male sahen die Deutschen nicht gut aus, beide Male zeigte Spanien, dass es knifflige Situationen intelligenter lösen kann. Vor allem fehlten Löw die personellen Alternativen, den Ausfall des gesperrten Thomas Müller im Halbfinale 2010 konnte er nicht kompensieren.

"Uns haben im Vorfeld des Turniers nur wenige Tage zum perfekten Einspielen gefehlt. Mit etwas mehr Vorbereitung hätten wir sie heute gehabt", sagte Schweinsteiger damals. Der Taktgeber im Mittelfeld merkte auch an, dass man 2010 zu viel reagiert, zu wenig agiert habe.

Götze statt Özil - später vielleicht gemeinsam

Löw sieht es ähnlich. Er weiß, dass sein 4-2-3-1-System gegen fast alle Mannschaften der Welt bestehen kann. Er weiß aber auch, dass er noch etwas in der Hinterhand braucht, um die Spanier, aber auch die Niederländer überraschen zu können. "Wir müssen noch flexibler werden. Unsere Passstruktur muss noch mehr reifen", sagt Löw.

Er wird die Partie gegen Polen nutzen, um personelle Optionen zu testen. Dafür schickte er nach dem Österreich-Spiel Schweinsteiger, Manuel Neuer und Özil nach Hause. Stattdessen erhalten Spieler wie Christian Träsch, Simon Rolfes oder Mertesacker eine erneute Chance. Auch Götze soll einen weiteren Schritt in Richtung Stammspieler machen dürfen. Für Letzteren überlegt Löw sogar, in Zukunft das System auf ein sehr offensives 4-1-4-1 umzustellen. Özil und Götze sollen gemeinsam harmonieren dürfen, eine der Absicherungen im Mittelfeld wie Toni Kroos, Sami Khedira oder Schweinsteiger müsste weichen. "Özil und Götze zusammen können in manchen Spielen schon den Unterschied machen", sagt Löw.

Bei den in diesem Jahr noch ausstehenden fünf Testspielen hat der Bundestrainer genug Gelegenheit zu experimentieren. Er wird den Konkurrenzkampf nicht nur mit Spielern aus der derzeitigen zweiten Reihe befeuern, sondern auch Akteure wie die Bender-Zwillinge, Ilkay Gündogan oder Lewis Holtby unter Belastung testen. "Wir haben sehr viele, sehr ehrgeizige Spieler. Jeder will sich beweisen", sagt Löw.

Bei den etablierten Spielern stehen deshalb die Stammplätze auf der Kippe. Die Helden der Europameistermannschaft von 1972 sollten hingegen um ihre Plätze in den Geschichtsbüchern bangen.

Polen - Deutschland
(voraussichtliche Aufstellungen, Anstoß Dienstag, 20.45 Uhr, in Danzig)
Polen: Szczesny - Wasilewski, Perquis, Glowacki, Wawrzyniak - Murawski, Dudka - Blaszczykowski, Obraniak, Mierzejewski - Lewandowski
Deutschland: Wiese - Träsch, Mertesacker, Boateng, Lahm - Rolfes - Schürrle, Götze, Kroos, Podolski - Klose

insgesamt 38 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Mr.Playbook 06.09.2011
1. 4-1-4-1 wäre fatal...
"Für Letzteren überlegt Löw sogar, in Zukunft das System auf ein sehr offensives 4-1-4-1 umzustellen. Özil und Götze sollen gemeinsam harmonieren dürfen, eine der Absicherungen im Mittelfeld wie Toni Kroos, Sami Khedira oder Schweinsteiger müsste weichen." Gegen das bescheidene Österreich hat man schon den Unterschied von Kroos zu Khedira gesehen. Die entscheidenden Fehler mögen in der Abwehr gemacht worden sein (Lahm rückt zu spät raus etc.), aber die Spielsituationen sind durch die langsame Rückwärtsbewegung entstanden. Bei nur noch einem Sechser wäre das gegen Spitzenmannschaften fatal. Warum nicht Götze für Podolski? Podolskis Abschlussstärke in allen Ehren, aber seine Defensivarbeit hemmt Lahm völlig und zwingt einen der Doppelsechs immer auf der linken Seite auszuhelfen. Götze ist schneller, besser in der Rückwärtsbewegung und mindestens genauso torgefährlich.
Boris Feinbrandt 06.09.2011
2. Neuer raus!
Zitat von Mr.Playbook"Für Letzteren überlegt Löw sogar, in Zukunft das System auf ein sehr offensives 4-1-4-1 umzustellen. Özil und Götze sollen gemeinsam harmonieren dürfen, eine der Absicherungen im Mittelfeld wie Toni Kroos, Sami Khedira oder Schweinsteiger müsste weichen." Gegen das bescheidene Österreich hat man schon den Unterschied von Kroos zu Khedira gesehen. Die entscheidenden Fehler mögen in der Abwehr gemacht worden sein (Lahm rückt zu spät raus etc.), aber die Spielsituationen sind durch die langsame Rückwärtsbewegung entstanden. Bei nur noch einem Sechser wäre das gegen Spitzenmannschaften fatal. Warum nicht Götze für Podolski? Podolskis Abschlussstärke in allen Ehren, aber seine Defensivarbeit hemmt Lahm völlig und zwingt einen der Doppelsechs immer auf der linken Seite auszuhelfen. Götze ist schneller, besser in der Rückwärtsbewegung und mindestens genauso torgefährlich.
Warum nicht Götze für Neuer? Nein, ohne Spaß: wenn Löw 4-1-4-1 spielen lässt, dann auch erfolgreich. Und die Abwehrfehler gegen Österreich darf man meines Erachtens nicht so ernst nehmen. Sowas passiert gegen andere Gegner nicht.
frubi 06.09.2011
3. .
Zitat von Boris FeinbrandtWarum nicht Götze für Neuer? Nein, ohne Spaß: wenn Löw 4-1-4-1 spielen lässt, dann auch erfolgreich. Und die Abwehrfehler gegen Österreich darf man meines Erachtens nicht so ernst nehmen. Sowas passiert gegen andere Gegner nicht.
Mr. Playbook hat schon nicht unrecht wenn er von der Rückwertsbewegungsschwäche (was ein Wort) des Prinz Lukas schreibt. Aber ob Götze mit 19 (bzw. dann 20) Jahren soweit ist, um in einem Turnier voll durchzustarten, wird man sehen. Ich finde es sowieso etwas vermessen wenn man sich jetzt schon den Kopf über die Startaufstellung zerbricht. In 10 Monaten können noch einige Bänder reissen, Gelenke verdrehen oder Knochen brechen. Ich will den Teufel nicht an die Wand malen aber es kann einiges passieren und dann wird man ggf. andere Spieler brauchen, die dann einspringen. Khedira hat Ballack gut ersetzt. Hätte ihm vor der WM kaum einer zugetraut. Zudem entwickelt sich eine (vor allem die deutsche) Manschaft erst während eines Turniers.
Chris110 06.09.2011
4. 80 Mio Bundestrainer
dieser Artikel ist leider im Stil eines der 80 Mio Hobby-Bundestrainer geschrieben. Seit wann weiß der Autor, was der Bundestrainer denkt oder plant? Und seit wann muss Mertesacker um einen Stammplatz kämpfen?
khe1965 06.09.2011
5. ich bin sicher
die Chancen steht sehr gut für 2012! Löw bietet den, in Ihren Clubs oft bescheiden aufspielenden, jungen Spielern eine, vielleicht, einzigartige Atmosphäre. Trotz "Konkurrenzkampf" fühlen sie sich pudelwohl. In Ihren Vereinen dominiert meist ein oder sogar mehrer Platzhirsche (siehe Bayern mit den Diven Ribery und Robben oder Madrid mit gleich Reihenweise Machos)so das sie sich nie wirjlich entfalten können. Ganz nach dem 96er Motto, der Star ist die Mannschaft!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.