DFB-Neuling Oliver Baumann Der Torwart hinter dem Torwart hinter dem Torwart

Oliver Baumann steht seit zehn Jahren in der Bundesliga im Tor, jetzt wurde er in den Kader der Nationalelf berufen - und profitiert davon, dass Joachim Löw auf dem Posten des dritten Keepers gern Ruhe hat.
Aus Stuttgart berichtet Peter Ahrens
Oliver Baumann hängt sich rein beim DFB-Training

Oliver Baumann hängt sich rein beim DFB-Training

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KAI PFAFFENBACH / REUTERS

Man muss wohl schon Torwart sein, um mit 329 Bundesligaspielen auf dem Buckel seine erste Nominierung bei der Fußball-Nationalmannschaft zu bekommen. Um genauer zu sein: Man muss schon als dritter Torwart beim DFB nominiert werden. Es gibt keinen Posten, den der Bundestrainer so taktisch besetzen kann wie diesen. Oliver Baumann profitiert jetzt davon.

Mit 30 ist der Keeper von 1899 Hoffenheim erstmals in den Kader der Nationalelf berufen worden, das ist ein Alter, in dem andere Profis ihre Karriere zuletzt schon beendet haben. Seit zehn Jahren steht er in der Bundesliga im Tor, erst vier Jahre beim SC Freiburg, seit 2014 bei Hoffenheim, meist solide, manchmal überragend, selten schwächelnd, einer von der Sorte Mister Zuverlässig.

Einer von denen, bei denen man das Gefühl hat, man kennt sie schon ewig. Es gibt sie in der Bundesliga immer wieder, diese konstant gewissenhaften Torleute, die man aber als Nationaltorwart nie so wirklich mitdenkt. So einer ist Oliver Baumann.

Löws Weg des geringsten Widerstandes

2013 gehörte er noch zum U21-Kader, dann verschwand er mehr oder weniger aus dem Fokus der Nationalmannschaft. Dass er jetzt dort wieder auftaucht, hat er den besonderen Umständen zu verdanken.

Manuel Neuer wird nach seiner Champions-League-Gala noch von DFB-Einsätzen verschont, Stellvertreter Marc-André ter Stegen ist am Knie verletzt, da war es naheliegend, dass der Bundestrainer hinter Arsenal-Torwart Bernd Leno und Frankfurts Kevin Trapp personell einen Impuls setzen würde. Und mit Baumann geht Löw den Weg des geringsten Widerstandes.

Er hätte auch Alexander Nübel berücksichtigen können, den jetzt ehemaligen Schalker, der bei Bayern München hinter Neuer Platz zu nehmen hat und dessen Ehrgeiz sich auf Sicht nicht damit begnügen wird, als Dauerreservist in die deutsche Torwartgeschichte einzugehen. Aber dieses Fass will Löw nicht aufmachen: Neuer gilt seit seinen starken Auftritten in der Champions League wieder als unantastbar, seinen Ersatzmann im Verein nun in der Nationalmannschaft aufzuwerten, würde nur Schlagzeilen produzieren, es wäre ein potenzieller Unruheherd beim FC Bayern. So etwas wird beim DFB tunlichst vermieden.

"Für mich eine Ehre und Auszeichnung"

Baumann dagegen steht im Frühherbst seiner Karriere, ihn jetzt noch zu berufen, ist nicht nur eine Belohnung seiner langjährigen Dienste. Löw holt sich damit auch einen Spieler ins Aufgebot, der mit so einer Nominierung nicht mehr rechnen konnte und entsprechend dankbar sein wird. "Die Nominierung ist für mich eine große Ehre und Auszeichnung für die Leistungen in der Vergangenheit, aber auch Ansporn zugleich, weiter auf diesem Niveau zu arbeiten", reagierte Baumann denn auch entsprechend. Er ist erfahren genug, um selbst zu wissen: Wenn Neuer und ter Stegen zurückkommen, wird für ihn kein Platz mehr sein.

Der Konkurrenzkampf zwischen Torleuten hat eine lange Geschichte, auch und gerade beim DFB, Harald Schumacher gegen Uli Stein, Oliver Kahn versus Jens Lehmann, Neuer versus ter Stegen, das ist nicht nur immer über Monate eine dankbare Geschichte für die Journalisten, es sorgt zudem für Lagerbildung, für Reibungen und für Konflikte im Team. So etwas hasst der Bundestrainer.

Die Baustelle, sich eine Nummer drei einzuholen, die auch noch Ansprüche anmeldet, das will Löw in keinem Fall. Das war auch ein Grund, warum er zur WM 2018 den damaligen selbstbewussten Neuer-Vertreter beim FC Bayern, Sven Ulreich, zu Hause ließ.

Stattdessen nutzte der Bundestrainer die Personalie in der Vergangenheit wiederholt, um für sich gefahrlos gut Wetter zu machen - zum Beispiel, als er den damaligen Bayern-Routinier Jörg Butt als dritten Keeper mit zur WM nach Südafrika nahm und damit die Verantwortlichen in München zufriedenstellte. Butt bekam bei dem Turnier sogar noch einen Einsatz - bezeichnenderweise im Spiel um Platz drei.

Dass Baumann am Donnerstag gegen Spanien (20.45 Uhr) oder am Sonntag gegen die Schweiz (20.45 Uhr, beide Spiele im Liveticker bei SPIEGEL.de; TV: ZDF) wirklich zum Einsatz kommt, ist eher unwahrscheinlich.

Leno und Trapp haben lange hinten angestanden, Leno ist schon seit fünf Jahren bei der Nationalmannschaft und ist dennoch erst auf sechs Einsätze gekommen, Trapp wurde auch schon 2015 erstmals berufen, bis heute hat er drei A-Einsätze. Das ist wenig. Am Mittwoch hat sich der Bundestrainer schon festgelegt, dass Trapp gegen Spanien in der Startelf steht. Wenn Leno und Trapp nicht jetzt spielen, wenn Neuer und ter Stegen nicht zur Verfügung stehen, wann dann?

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