Rostocks Niederlage Trotzdem ein bisschen Sieger

Im Alltag herrscht bei Hansa Rostock Drittliga-Tristesse. Im Pokal gegen Kaiserslautern konnten die Rostocker trotz der Niederlage zufrieden sein - die starke Vorstellung soll dem Klub Auftrieb geben.
Rostocker Gottschling: Ärger nach der vergebenen Torchance

Rostocker Gottschling: Ärger nach der vergebenen Torchance

Foto: Bernd Wüstneck/ dpa

Gleiche Erfahrungen verbinden, vor allem schlechte. Deshalb verwunderte es nicht, dass sich Marcel Gottschling von Hansa Rostock und Erik Thommy vom 1. FC Kaiserslautern einander nahe fühlten nach dem Duell ihrer Mannschaften in der ersten Runde des DFB-Pokals. Die beiden Profis standen im Kabinentrakt des Rostocker Stadions, plauderten und lachten wie alte Freunde, tauschten ihre Trikots und ließen ein gemeinsames Foto machen. Gottschling im roten Trikot des Kaiserslauterers, Thommy im blauen Leibchen seines Schicksalsgenossen.

Sie verband, dass beide eine Chance vergeben hatten, die im Fußballjargon den Begriff "tausendprozentige" verdient.
Kurz vor der Halbzeitpause war Thommy aus wenigen Metern am prächtig reagierenden Rostocker Torwart Marcel Schuhen gescheitert.
Gottschling war in der 79. Minute frei auf Kaiserslauterns Tor zugelaufen, die Zuschauer hatten sich schon aus ihren blauen Klappsitzen erhoben und waren zum Torschrei bereit, doch Gottschling schob den Ball am Ziel vorbei.

Dass beide nach dem Spiel wieder lachen konnten, hatte gute Gründe: Thommys Fehlversuch brachte keine Konsequenzen, durch ein 5:4 im Elfmeterschießen nach 120 torlosen Minuten zog Kaiserslautern in die zweite Pokalrunde ein. Und Gottschlings Rostocker konnten sich trotz des Ausscheidens als Sieger fühlen. Ein bisschen zumindest.

"Wir haben gehofft, dass es so viele werden"

Man muss etwas ausholen, um die Bedeutung des Abends für Hansa zu erfassen. Der Klub war letzter Meister der DDR, spielte von 1996 bis 2005 in der Bundesliga. Danach ging es in den Fahrstuhl zwischen den Klassen. Bundesliga, zweite Liga, dritte Liga. Zwischenzeitlich drohte sogar die Insolvenz. Seit 2012 spielen die Rostocker drittklassig, in der vergangenen Saison wären sie beinahe abgestiegen. Im Pokal war der Verein zuletzt nicht vertreten. Dazu machen die Fans immer wieder Ärger und erfüllen das Klischee, wonach Fußball im Osten immer auch Gewalt bedeuten würde.

Zur neuen Saison kürzten die Rostocker das Budget für die Profi-Mannschaft um 800.000 Euro, die Ansprüche sind geschrumpft. Nicht wieder bis zur letzten Sekunde um den Klassenerhalt zittern, das ist Hansas Ziel für die neue Drittliga-Saison. Nach zwei Spieltagen ist die Mannschaft allerdings noch ohne Sieg. Der Rostocker Fußballalltag ist ziemlich trist.

Das Pokalspiel gegen Kaiserslauterern war dagegen ein Festtag. Das Stadion war fast voll, 20.100 Zuschauer waren da. In der Liga sind es oft nur die Hälfte. Der Stadionsprecher wäre beinahe in Tränen der Rührung ausgebrochen, als er die Zuschauerzahl verkündete, so schien es: "Wir haben gehofft, dass es so viele werden. Toll! Danke!", rief er in sein Mikrofon.

Toll war auch die Leistung der Rostocker, zumindest im Verhältnis dazu, was die Mannschaft im Liga-Alltag abliefert. Hansa war dem Zweitligisten aus Rheinland-Pfalz phasenweise drückend überlegen und hätte gut gewinnen können. Stürmer Julius Perstaller (16., 26. und 63. Minute), Christian Bickel (19. und 21.) und eben Gottschling hatten beste Chancen.

"Beim Fußball gewinnt nicht immer der Bessere"

Doch weil die Rostocker ihre Gelegenheiten verstreichen ließen und der ehemalige Kaiserslauterer Marcel Ziemer bei der Elfmeter-Lotterie als einziger Schütze scheiterte, endete der Abend mit einer bitteren Erkenntnis. "Beim Fußball gewinnt nicht immer der Bessere", sagte Trainer Karsten Baumann, früher Profi in Köln und Dortmund. Hansa ist seine vierte Trainer-Station in der dritten Liga.

Trotz der Niederlage hoffen die Rostocker, dass die Partie gegen Kaiserslautern eine Art Gründungsmythos wird für die neu sortierte Mannschaft, und dass der leidenschaftliche Auftritt das Zuschauerinteresse hebt. "Solche Spiele braucht der Verein", sagte Torwart Marcel Schuhen.

Und Trainer Baumann war bei seiner Schwärmerei gar nicht mehr zu stoppen: "Jeder Rostocker kann stolz sein. Es war ein überragendes Spiel, eine überragende Stimmung. Ich würde mich freuen, wenn die Zuschauer wiederkommen würden."

So unterhaltsam wie bei der Partie gegen Kaiserslautern dürfte es in der Liga aber selten zugehen bei Hansa. Am Samstag kehrt schon wieder der Alltag ein. Dann ist Fortuna Köln zu Gast in Rostock.

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