Bayerns umstrittener Elfmeter gegen Werder Aneinander vorbeigeredet

Nach Werders Elfmeter-Ärger wird klar: Schiedsrichter und Videoassistent hatten "unterschiedliche Details des Zweikampfs beurteilt". Über ein Missverständnis, Bremens Erfolgschancen bei einem Protest und eine offene Frage.

Daniel Siebert steht im Mittelpunkt des DFB-Pokalhalbfinals in Bremen
Martin Meissner / AP

Daniel Siebert steht im Mittelpunkt des DFB-Pokalhalbfinals in Bremen

Von Alex Feuerherdt


Als sich auch am Tag nach dem Pokalhalbfinale zwischen Werder Bremen und dem FC Bayern München (2:3) die Aufregung über den spielentscheidenden und umstrittenen Elfmeter für den Rekordmeister in der 80. Minute nicht gelegt hatte, meldete sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) zu Wort. "Drees: 'Muss unbedingt zu einem On-Field-Review kommen'" so ist die Mitteilung überschrieben, die der Verband am Donnerstagnachmittag veröffentlichte.

Jochen Drees ist der Projektleiter des DFB für die Videoassistenten, und auch er sieht es als Fehler an, dass Schiedsrichter Daniel Siebert den Zweikampf zwischen Theodor Gebre Selassie und Kingsley Coman im Bremer Strafraum nicht noch einmal unter die Lupe genommen hat. Mit dem Elfmeter machte Robert Lewandowski Bayerns Pokal-Finaleinzug perfekt.

"Aus schiedsrichterfachlicher Sicht halten wir die Strafstoßentscheidung für nicht korrekt", auch wenn es "einen Aspekt" gebe, "der für ein strafstoßwürdiges Vergehen spricht", wird der frühere Bundesliga-Referee in der Erklärung zitiert. Die Kommunikation zwischen dem Unparteiischen und seinem Videoassistenten Robert Kampka sei jedenfalls "nicht gut abgelaufen". Deshalb habe es kein Review am Spielfeldrand gegeben, obwohl das aus Sicht von Drees zwingend erforderlich gewesen wäre.

"Unterschiedliche Details des Zweikampfs beurteilt"

Worin das Problem in der Kommunikation zwischen Siebert und Kampka genau bestand und welcher Aspekt für den Elfmeter sprechen soll, ist der Stellungnahme nicht zu entnehmen. Im Gespräch mit dem SPIEGEL präzisiert Drees: "Der Videoassistent ist davon ausgegangen, dass der Schiedsrichter auf Strafstoß entschieden hat, weil Gebre Selassie seinen Gegenspieler weggedrückt hat. Damit war für ihn die Elfmeterentscheidung nicht klar und offensichtlich falsch. Das kann man so sehen", sagt Dress und ergänzt: "Daniel Siebert hatte das Wegdrücken aber gar nicht bemerkt, sondern nur auf den Beinbereich geschaut und dort ein Vergehen wahrgenommen." Diese Wahrnehmung sei jedoch eindeutig falsch gewesen.

Zur Person
  • Stefanie Fiebrig
    Der Publizist Alex Feuerherdt ist Mitgründer und -betreiber von "Collinas Erben", einem Podcast, der sich mit der Schiedsrichterei beschäftigt. Zudem ist er seit 1985 selbst Schiedsrichter und hat Spiele bis zur Oberliga geleitet. Er ist seit Jahren verantwortlich für die Aus- und Fortbildung der Referees in Köln sowie Schiedsrichter-Coach im Fußballverband Mittelrhein. Als Experte tritt er regelmäßig in Radio- und TV-Sendungen auf.

Schiedsrichter und Videoassistent hätten also "unterschiedliche Details des Zweikampfs beurteilt", darüber jedoch nicht miteinander gesprochen. Wenn Siebert gegenüber Kampka kommuniziert hätte, dass er ein Beinstellen gesehen hat, dann hätte der Videoassistent ihm ein Review empfehlen müssen, so Drees, "denn dieser Wahrnehmung widersprachen die Bilder klar und deutlich". Deshalb hätte es die Notwendigkeit gegeben, den Unparteiischen an den Monitor zu schicken. "Bei einem On-Field-Review hätte der Schiedsrichter immer noch die Möglichkeit gehabt zu entscheiden, ob ihm das Wegdrücken für einen Strafstoß genügt." Drees geht allerdings davon aus, dass Siebert sich dann korrigiert hätte.

Ein Protest der Bremer wäre aussichtslos

Der Unparteiische und sein Helfer in Köln hätten "einfach nicht auf die Art und Weise miteinander kommuniziert, wie wir das erwarten", sagt der Projektleiter. Ein Einspruch der Bremer gegen die Spielwertung mit dem Ziel eines Wiederholungsspiels wäre allerdings trotz dieses Fehlers aussichtslos. Denn zum einen hat der Referee im Rahmen seines Ermessens eine sogenannte Tatsachenentscheidung getroffen, und die ist nicht anfechtbar. Daran ändert auch ein Missverständnis in der Zusammenarbeit mit dem Videoassistenten nichts.

Zum anderen heißt es in den Regularien des International Football Association Board (Ifab) für den Einsatz von Videoassistenten, die weltweit gültig und verbindlich sind, unmissverständlich: "Ein Spiel ist nicht ungültig aufgrund falscher Entscheidungen, die den Videoassistenten betreffen (da der Videoassistent ein Spieloffizieller ist)". Aussicht auf Erfolg hätte ein Bremer Protest nur dann, wenn der Schiedsrichter einen Regelverstoß begangen, also die Fußballregeln auf den von ihm festgestellten Sachverhalt falsch angewendet hätte. Das aber war nicht der Fall.

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Bayerns Sieg gegen Bremen: Erzwungenes Glück

Bleibt die Frage, warum der Schiedsrichter nicht von sich aus auf die Idee gekommen ist, den Zweikampf zwischen Gebre Selassie und Coman in der Review Area zu begutachten. Zu vermuten ist, dass der Unparteiische sich seiner Sache völlig sicher war - und auch sein konnte, nachdem sein Videoassistent keine Einwände geltend machte.

Zulässig und sinnvoll gewesen wäre der Gang zum Monitor jedenfalls. Denn im Handbuch des Ifab für die Videoassistenten wird dem Unparteiischen ausdrücklich die Möglichkeit gegeben, in "wichtigen, spielentscheidenden Situationen gegen Ende des Spiels" ein Review vorzunehmen, "um eine Entscheidung zu 'verkaufen'", wenn es der Spielkontrolle und der Akzeptanz einer Entscheidung dienlich ist. Eine taktische Option, von der die Schiedsrichter jedoch nur äußerst selten Gebrauch machen, obwohl sie dazu beitragen kann, die Spieler zu beruhigen.

Kampka wird von Bundesligapartie abgezogen

Hat der Fehler im Pokalspiel Konsequenzen für Siebert und Kampka? Der Berliner Referee wird am Montagabend die Drittligabegegnung zwischen Wehen Wiesbaden und dem 1. FC Kaiserslautern leiten. Das ist jedoch keine "Strafversetzung", sondern eine Ansetzung, die schon vor dem Pokalspiel feststand.

Kampka dagegen wird nicht, wie ursprünglich vorgesehen, als Vierter Offizieller in der Bundesligapartie zwischen Düsseldorf und Werder am Samstag fungieren. Der DFB ersetzte ihn kurzfristig durch Florian Heft - mit Sicherheit auch, um weiteren Ärger zu vermeiden. Bremens Sportchef Frank Baumann nannte die Entscheidung jedenfalls "eine kluge".



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Seite 1
heissSPOrN 26.04.2019
1.
"Bleibt die Frage, warum der Schiedsrichter nicht von sich aus auf die Idee gekommen ist, den Zweikampf zwischen Gebre Selassie und Coman in der Review Area zu begutachten. Zu vermuten ist, dass der Unparteiische sich seiner Sache völlig sicher war..." Das ist es doch, was den deutschen Fussball seit Jahrzehnten zu einer langweiligen One-team-Show macht: "In dubio pro FC Bayern München"! Und es wird nach Möglichkeit immer so lange nachgespielt, bis die Bayern den Siegtreffer geschossen haben. Oder wenigstens den Ausgleich.
gnarze 26.04.2019
2. Unfassbar
Mit seinen verschwurbelten Äußerungen hat Drees die beiden Schiedsrichter zum öffentlichen Abschuss freigegeben. Die asozialen Netzwerke quellen schon vor Hass und Häme über. Und nachher sind wieder alle ganz betroffen, wenn sich ein Schiedsrichter im Hotel aufhängt.
legeips62 26.04.2019
3. Die "DFB Sieger Pokalprämie"
beträgt immerhin 13,1 Millionen Euro und die Einnahmen aus der Europa League sind somit für Werder Bremen auch "futsch". Aber was sind schon 13,1 Millionen im Fußball wert.. Dafür gibts doch nur noch einen "Busfahrer".
kodu 26.04.2019
4. Das Spiel müsste wiederholt werden...
...denn es geht um zuviel. Die Bayern sollten sich überlegen, einen entsprechenden Antrag zu stellen. Denn ihr ohnehin nicht gerade gutes Image in ganz Deutschland wird nach diesem Spielverlauf sicher nicht besser. Und das wäre ein ganz große Geste. Andererseits...so wie das Pokalfinale jetzt aussieht, kann ich mir für den Abend etwas anderes vornehmen, denn ich mag beide Vereine nicht besonders.
Simmentaler 26.04.2019
5. Erklärung?
Ich habe mir gerade im anderen Artikel (die Partykiller) die Szene nochmals mehrfach mit zwischenzeitlichen stops angesehen. Coman zieht an Gebre Selassie links aussen vorbei, legt den Ball nach innen un dreht sich im Lauf Richtung Tor. Coman blickt auf den Ball und versucht diesem zu folgen. Gebre Selassie schaut nicht auf den Ball, sondern auf Coman, versucht gar nicht, die Richtung zu ändern, sondern gibt mit der rechten Hand Coman in dessen rechtem Achselbereich einen kleinen Schubs. Muss Coman deshalb fallen? Keine Ahnung, vielleicht nicht. Hat er dadurch keine Chance mehr, den Ball zu erreichen? Klares Ja. Ist es ein normaler Zweikampf, wenn ein Spieler keine Chance hat, den Ball zu bekommen und nicht zum Ball, sondern gezielt zum Gegenspielr geht? Coman war in dem Spiel etliche male an Gebre Selassie vorbeigezogen - dass Coman den Ball wahrscheinlich behaupten würde, war Gebre also wohl klar. Also die Frage an alle hier, die ganz offenbar keinerlei Fehlverhalten des Bremer Spielers sehen: Ist das im Fussball so üblich, dass Schubsen ohne Aussicht auf den Ball (also nicht innerhalb des normalen Gerangels, z.B. beim Eckball) zum normalen Spiel gehört? Wie heftig darf denn geschubst werden? Muss der Geschubste umfallen, sich verletzen, wegfliegen? Spielt der Grössen- oder Gewichtsunterschied eine Rolle bei der Beurteilung? Reicht als Beurteilungsmassstab die Frage, ob das Schubsen die weitere Ballkontrolle verhindert, oder muss eine starke Richtungsänderung des Spielers zu sehen sein? Und, wo wir schon dabei sind: Ist Trikotziehen ähnlich zu beurteilen oder sollte das wieder komplett freigegeben werden. So, ich freue mich auf Antworten, die klar belegen, dass Gebre Selassie sich korrekt verhalten und somit der Schiedsrichter falsch gepfiffen hat. Kann dies nämlich nicht mit dem Regelwerk klar belegt werden, ist Drees` Aussage äusserst merkwürdig - er sagt nämlich indirekt, dass es den Schubser gegeben hat, unterstellt aber, der Schiri hätte das nach Studium der Bilder nicht gepfiffen.
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