Bayerns knapper Sieg im Pokal "Das kleine Zittern der Großen"

Eine Woche vor dem Bundesligastart hat sich der FC Bayern in Drochtersen in die nächste Pokalrunde gequält. Trainer Niko Kovac ist froh, dass sein neuer Verein mehr Glück hatte als sein Ex-Klub.
Von Tim Scholz
Javi Martínez, Mats Hummel und Thomas Müller (v.l.)

Javi Martínez, Mats Hummel und Thomas Müller (v.l.)

Foto: Bongarts/Getty Images

Die Nachricht, dass Titelverteidiger Eintracht Frankfurt in der ersten Runde aus dem DFB-Pokal ausgeschieden ist, traf Niko Kovac wie ein Schlag. Für wenige Sekunden stockte seine Stimme, die Augen wurden groß. Kovacs Ex-Klub ist am SSV Ulm gescheitert, einem Viertligisten. Kovac schluckt, sagt zu den Journalisten: "Sehen Sie, da sind wir weiter."

Auch in Drochtersen, einer 11.000-Einwohner-Gemeinde nordwestlich von Hamburg, hätte es einen Favoriten erwischen können - Kovacs Bayern. Weil aber Robert Lewandowski einen verunglückten Schuss von Leon Goretzka in der 81. Minute ins Tor lenkte, blieb dem Vorjahresfinalisten und Rekordpokalsieger die Blamage erspart. Vor zwei Jahren hatte sich Borussia Mönchengladbach gegen die Niedersachsen ähnlich schwergetan und ebenfalls mit 1:0 in die zweite Runde gezittert.

"Abhaken, vergessen. Unterm Strich zählt das Weiterkommen", sagte Kovac. Die Freude darüber hielt sich jedoch in Grenzen. Jérôme Boateng flüchtete nach Schlusspfiff direkt in die Kabine. Auch Arjen Robben huschte mit finsterer Miene an allen vorbei, nachdem er sein Trikot einem Regionalliga-Kicker geschenkt hatte. "Wir haben uns das 1:0 selbst zuzuschreiben", sagt Kapitän Manuel Neuer. "Das war sehr minimalistisch."

Von den Werten her hätte der FC Bayern der klare Sieger sein müssen: 28 Torschüsse, 84 Prozent Ballbesitz, fast 700 angekommene Pässe. Auf dem Platz jedoch wirkten die Münchner knapp eine Woche vor dem Bundesliga-Start gegen 1899 Hoffenheim (Freitag, 20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ZDF) ideenlos.

"Wäre sicherlich mehr drin gewesen"

Sie zogen das Angriffsspiel in die Breite, fanden aber keine Lücken in der gegnerischen Abwehr. Sie kombinierten ungenau, leisteten sich einfache Fehlpässe oder schlugen ungefährliche Flanken aus dem Halbfeld in den gegnerischen Strafraum - kein Problem für die Verteidiger aus der Provinz, die viermal in der Woche nach Feierabend trainieren.

Dass die Partie keinen anderen Verlauf nahm, war Neuer zu verdanken: Nach einem Einwurf tauchte Drochtersens Spielmacher Florian Nagel frei vor dem Bayern-Tor auf und scheiterte an Neuers Fuß. "Hätte Flo die nötige Ruhe gehabt, wäre sicherlich mehr drin gewesen", sagte sein Mitspieler Jasper Gooßen.

Florian Nagel (l.), Franck Ribéry

Florian Nagel (l.), Franck Ribéry

Foto: WOLFGANG RATTAY/ REUTERS

Drochtersen stemmte sich mit defensiver Ordnung beachtlich gegen die Mannschaft, die eine Woche zuvor souverän den Supercup gewonnen hatte und nun mit "voller Kapelle" (Kovac) angetreten war. Auch Boateng stand nach Patellasehnen-Problemen wieder in der Startelf und lieferte einen schwerfälligen Auftritt ab.

Der wechselwillige Innenverteidiger war zuletzt immer wieder mit Paris Saint-Germain in Verbindung gebracht worden. Kovac traf keine endgültige Aussage zum Verbleib Boatengs, ging aber "erstmal davon aus, dass nichts passiert." Sollte Boateng den Verein bis zum Ende der Transferperiode am 31. August doch noch verlassen, werde der FC Bayern über Ersatz nachdenken.

"Überraschungen sind immer gut"

Tags zuvor hatte sich Kovac noch als Liebhaber des DFB-Pokals geoutet. "Das kleine Zittern der Großen vor einer Blamage gefällt jedem. Das soll so bleiben", sagte er. "Und Überraschungen sind immer gut im Fußball." Nach dem Spiel in Drochtersen bekannte Kovac, dass er heilfroh gewesen sei, als es 1:0 stand.

Und die Regionalligisten? Die sind bei ihrem "Jahrhundertspiel" um ihr Leben gelaufen. Jasper Gooßen, der gegen Arjen Robben und Joshua Kimmich verteidigte, war nach der Pause fast am Ende seiner Kräfte und bekam es dann mit Kingsley Coman zu tun. "Der ist 10 km/h schneller als Robben, das ist unglaublich."

Dieser Kräfteverschleiß kam den Bayern zugute. Sie machten in der zweiten Hälfte mehr Druck. Thiago zirkelte den Ball an die Latte, Thomas Müller erzielte ein Abseitstor, und als der eingewechselte Goretzka von der Strafraumkante flach abzog, hielt Lewandowski seinen Fuß zum Siegtreffer in die Schussbahn.

Die Drochterser haben ihr Volksfest vor 7.800 Zuschauern genossen, demnächst spielen sie wieder gegen Werder Bremen II, Havelse oder den LSK Hansa. Die Münchner sind in sechs Tagen gegen Hoffenheim gefordert. Bis dahin, sagt Kovac, "hat die Mannschaft noch ein bisschen was zu tun".