Bayerns Sieg auf Schalke Neuer ist nicht Hopp

Das Pokal-Viertelfinale auf Schalke war für Juristen spannender als für Fußballfans. War die Bewertung der Banner noch einfach, wurde es bei den Beleidigungen gegen Bayerns Torwart kniffliger.
Aus Gelsenkirchen berichtet Marcus Bark
Manuel Neuer (l.) und Teamkollege Thomas Müller nach dem Pokalspiel auf Schalke

Manuel Neuer (l.) und Teamkollege Thomas Müller nach dem Pokalspiel auf Schalke

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Bernd Thissen/ dpa

Nach welchen Kriterien der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Spiele an seine Schiedsrichter vergibt, das behält der Verband für sich. Der Beruf des Schiedsrichters dürfte jedenfalls keine Rolle spielen, denn warum sollte Harm Osmers eine Partie leiten, weil er Betriebswirt ist. Oder Benjamin Cortus, weil der wiederum Informatikkaufmann ist.

Als jedoch bekannt wurde, dass Tobias Stieler das Viertelfinale des DFB-Pokals zwischen dem FC Schalke 04 und dem FC Bayern München leiten würde, lohnte durchaus die Überlegung, ob der DFB ihn wegen seines erlernten Berufes ausgesucht habe. Stieler ist Jurist, er muss wissen, welche Botschaften noch von der Meinungsfreiheit gedeckt sind, welche diskriminierend sind und welche einer Person Gewalt androhen.

Seit dem vergangenen Bundesliga-Wochenende und dem Eklat um Beleidigungen gegen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp und gegen den DFB sind Fußballspiele in Deutschland für Juristen plötzlich ebenso interessant wie für Taktikliebhaber oder jene, die sich schlicht am Spiel erfreuen wollen, hatte der DFB doch in einem "FAQ zur Anwendung des Drei-Stufen-Plans" zu erklären versucht, wo künftig die rote Linie verläuft.

Der DFB hatte die Anwendungsmöglichkeiten dieses Drei-Stufen-Plans, der ursprünglich zur Bekämpfung von Rassismus in Stadien entworfen und eingeführt worden war, kürzlich erweitert. Auf "Personifizierte Gewaltandrohungen" und "Diskriminierungen". Mit der Interpretation allerdings wird der Leser allein gelassen.

Das Spiel zwischen Schalke und den Bayern war nichts für Menschen, die sich am Fußball erfreuen wollen. Die Münchner Seriensieger gewannen schnöde mit 1:0 bei den Gelsenkirchener Serienverlierern, die - dies kurz für Taktikliebhaber - in einem tiefen 5-4-1 verteidigten, mit dem Trainer David Wagner aus Mangel an gesunden Spielern seine eigentlich offensive Spielphilosophie verleugnete.

Für die Juristen und solche, die sich seit den Vorfällen bei den Spielen in Sinsheim, Dortmund und Berlin an den Einordnungen auf beiden Seiten der roten Linie versuchen wollen, ging es recht einfach los:

"Dementer Fußball-Bund: Eure Zusage gegen Kollektivstrafen vergessen? Wollt ihr uns nun mit Spielabbruch erpressen?", stand auf drei Bannern, die die Schalker Fans in der Nordkurve zu Beginn der Partie hochhielten. Meinungsfreiheit, keine Unterbrechung. Weiter.

Als die Mannschaften zur zweiten Hälfte wieder auf den Platz kamen, war auf neuen Bannern Kritik am Schalker Vorstand zu lesen, der sich auf die Seite von Hopp geschlagen hatte. Auf wieder anderen wurde Bezug auf den Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies genommen, der für eine rassistische Äußerung nach Ansicht vieler Schalker Fans viel zu leicht davongekommen war. Jurist Stieler hatte keine Einwände.

Was zu Beginn der zweiten Hälfte und kurz vor dem Schlusspfiff ebenfalls zu hören war: Aus der Schalker Kurve wurde Bayerns Torwart Manuel Neuer als "Hurensohn" beleidigt. Das hatte sich nicht nur der Ex-Schalker zuvor zigfach anhören müssen. Auch Hopp wird damit gern aus Ultra-Kreisen geschmäht, zuletzt eben am vergangenen Wochenende, als plötzlich der Drei-Stufen-Plan umgesetzt wurde und die Partie der Bayern in Sinsheim gar kurz vor dem Abbruch gestanden hatte. Diskriminierung kann hier allerdings nicht der Grund gewesen sein.

Auf Schalke ließ Jurist Stieler weiterspielen. Möglicherweise hatte er es nicht gehört, wie auch Schalkes Trainer David Wagner behauptet und anschließend gesagt hatte: "Wir können ja jetzt nicht bei jedem Ruf unterbrechen." Leon Goretzka aber hatte es gehört. Der ehemalige Schalker und heutige Mannschaftskollege von Neuer tat es ab: "Vermutlich gehören Beleidigungen gegen Manu einfach dazu."

Treffen vor dem Spiel

Wahrscheinlicher ist, dass Stieler schlicht besonnen entschieden hatte. Auf Initiative des FC Schalke hatte es vor dem Spiel ein Treffen der Vereine mit dem DFB und den Schiedsrichtern gegeben. Dort sei beraten worden, dass "situativ" entschieden werden solle, vor allem mit dem Ziel, "deeskalierend" zu wirken, wie Schalkes Sprecher Thomas Spiegel sagte. Insofern sprach viel dafür, weiterspielen zu lassen, denn es waren wenige, die riefen, und sie riefen auch nur kurz.

Am Samstag hat der FC Schalke 04 erneut ein Heimspiel, in der Bundesliga geht es gegen Hopps TSG Hoffenheim. Vielleicht wird Felix Brych der Schiedsrichter sein. Auch er ist Jurist.