BVB-Sieg gegen Union Feuer und Fehlschüsse

Pyroshow und Elfmeterschießen: Im Pokalspiel von Dortmund und Union war Feuer. Chaos gab es beim Anlass. Waren Organisationsmängel oder die Aggression Berliner Fans die Ursache?

Von , Dortmund


Noch vor allen anderen wusste Nuri Sahin, dass die Sache mit dem Achtelfinaleinzug klappen würde. "Als ich gesehen habe, dass wir das Elfmeterschießen auf die Süd schießen, habe ich zu den Jungs gesagt: Wir gewinnen definitiv", sagte der erfahrene Mittelfeldspieler, der abgesehen von kleinen Unterbrechungen seit elf Jahren für den BVB spielt. Ein Elfmeterschießen im Westfalenstadion hatte er bisher zwar noch nicht erlebt, aber er ahnte, welch eine Macht die berühmte gelbe Wand in diesem finalen Entscheidungsschießen entfalten würde.

Direkt vor dem dröhnenden Soundteppich einer ekstatisch pfeifenden und wild brüllenden Menschenmasse mussten die Berliner ihre Schüsse durchführen. Kein einziger traf. Aus dem 1:1 in der regulären Spielzeit wurde so am Ende ein 4:1-Sieg für den Gastgeber. "Das war brutal laut", sagte Union-Verteidiger Toni Leistner beeindruckt. BVB-Trainer Thomas Tuchel fand ebenfalls, dass das Publikum im Elfmeterschießen "ein entscheidender Faktor" gewesen sei, und das traf nicht nur auf die Dortmunder unter den 79.037 Besuchern zu.

Am Gästebereich war es vor dem Anpfiff zu Tumulten beim Einlass gekommen. Während Borussia Dortmund von einem versuchten "Sturm" der Union-Fans aufs Stadion sprach, stellte Union Organisationsmängel als Ursache der Unruhen dar. Auf die erneute Kritik hat der BVB mittlerweile mit einer weiteren Stellungnahme reagiert.

Während der Partie wurden dann zahlreiche Feuerwerkskörper gezündet. Ständig stand der Berliner Block in Flammen - wie im Vorfeld bereits angekündigt. Es war klar, dass der Schiedsrichter das Elfmeterschießen auf der anderen Seite durchführen würde. Wenn man so will, haben die Berliner ihre Spieler der gelben Wand zum Fraß vorgeworfen. Die Dortmunder Ousmane Dembélé, Matthias Ginter und Mario Götze trafen jeweils souverän, Felix Kroos und Stephan Fürstner scheiterten an Dortmunds Torhüter Roman Weidenfeller, Philipp Hosnier schoss an die Latte.

Improvisationen erschweren Spitzenleistung

So war zumindest das Elfmeterschießen von einer Eindeutigkeit, die zuvor lange gefehlt hatte. "Wir haben uns heute nicht mit Ruhm bekleckert und müssen froh sein, dass wir eine Runde weiter sind", sagte Weidenfeller. Tuchels durch die vielen Verletzungen, Erkrankungen und auch Formschwächen erzwungenen Improvisationen machen Spitzenleistungen derzeit offenbar schwer.

Sahin, dem wenig gelang, ist in Tuchels Konzept nur eine Notlösung, der schwache Adrián Ramos ersetzte den an einer Wadenblessur leidenden Pierre-Emerick Aubameyang in der Spitze. Felix Passlack durchläuft nach gutem Saisonstart ein kleines Leistungstief, Götze spielt zwar stabil aber unauffällig, und Emre Mor trieb die Zuschauer an diesem Abend noch mehr in den Wahnsinn als sonst.

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DFB-Pokal: Pyrotechnik und Elfmeterschießen

Der junge Türke ist in der Lage, jeden Gegner schwindelig zu dribbeln, er hat ein atemberaubendes Tempo, oft wirkten seine Aktionen geradezu entfesselt. Zugleich war sein Spiel jedoch unfassbar wirkungslos. Auf das Dribbling folgte zuverlässig ein Fehlpass oder eine falsche Entscheidung bei der Spielfortsetzung. Außerdem spielte gegen die Berliner erstmals der 18-jährige A-Jugendliche Jacub Bruun Larsen, dessen Schuss in der 44. Minute von Berlins Michael Parensen zum 1:0 ins eigene Tor gelenkt wurde.

Doch die Dortmunder versäumten es, einen zweiten Treffer zu erzielen, und so war das 1:1 per Sonntagsschuss des unmittelbar zuvor eingewechselten Steven Skrzybski nicht ganz unverdient (81.). Nach drei schwächeren Partien in der Bundesliga setzte sich der Dortmunder Problemherbst also auch an diesem Abend fort.

Schalker Freude über Dortmunder Überstunden

Das große Thema heißt derzeit ohnehin Entwicklung, und vermutlich hat sich die Schalker Gemeinde vor dem Hintergrund des am Samstag anstehenden Derbys spontan über die Dortmunder Überstunden gefreut. Ein müder Gegner kann schließlich nicht schaden.

Tuchel gelangte nach dem finalen Drama allerdings zu einer anderen Einschätzung. Das gemeinsame Erlebnis habe eher einen zusätzlichen Energieschub freigesetzt, als Müdigkeit und Erschöpfung hinterlassen. "Ich habe das Gefühl, dass der Verlauf des Abends uns geholfen hat, mit den Emotionen und den Verbindungen, die entstanden sind", sagte der Trainer.

Natürlich waren die 120 Minuten anstrengend für die Köpfe und für die Körper, doch "das sind Spiele, die den Jungs einen Riesenschub geben können, diese Hitze im Stadion, diese Kulisse", sagte Sahin und sprach von einer "Feuertaufe". Der Türke durfte nach vielen Partien auf der Tribüne erstmals in dieser Saison spielen, und es war schon deutlich zu sehen, dass seinem Passspiel verglichen mit dem Stil von Julian Weigl Tempo und mitunter auch Klarheit fehlten.

Am Ende war es ein Sieg der "Hartnäckigkeit" und des "Willens", sagte Tuchel, der irgendwann aufgehört hatte, ständig ins Spiel hineinzurufen. Den strategisch anspruchsvollen Ballbesitzfußball besserer Tage kann er im Moment nicht von seinem Team erwarten. Die Erfahrung, dass seine Mannschaft auch andere Mittel hat, empfand er allerdings als "sehr gute Lektion".

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Texts war zu lesen, die Berliner Fans hätten versucht, das Stadion zu erstürmen. Das entsprach der Darstellung von Borussia Dortmund. Über die Ursache der Unruhen gibt es jedoch unterschiedliche Versionen, daher haben wir die entsprechende Passage umformuliert und stellen die verschiedenen Standpunkte dar.

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insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
aurichter 27.10.2016
1. Nur folgendes
was ich ehrlich gesagt nicht begriffen und verstanden habe, ist die Festsetzung des Unparteiischen, auf welches Tor geschossen wird! Bislang, so meine Erinnerung, wurde auch dies immer durch Münzwurf und Gewinn durch den entsprechenden Spieler bestimmt. Warum wurde hier anders verfahren? War mir unverständlich.
ryan-grey 27.10.2016
2. Öhm...
Man kann von den Aktionen der Berliner Fans nun halten, was man will. Aber für die Seitenwahl beim Elfmeterschießen dürften nicht sie, sondern immer noch der Münzwurf bzw die daran beteiligten Kapitäne beider Mannschaften verantwortlich sein. Oder lief das gestern anders?
basecape-man 27.10.2016
3. als von des bvb komme ich nur noch ins grübeln und warte eigentlich darauf
das ein journalist mal die dinge beim namen nennt.natürlich hat der bvb verletzte aber nimmt man die namen die auf dem platz standen für sich und vergleicht sie mit dem gegner ist das spiel und das ergebnis unbefriedigend .irgend etwas stimmt seit wochen(ausser dem spiel in lisabon)nicht mehr.von tuchel hätte ich auch eine andere erklärung zu den madrid gerüchten erwartet .klopp hätte gesagt ich hab hier ein so spannendes projekt mit jungen tollen spielern ,dass kann mir madrid garnicht geben.und tuchel ?
ich_hier 27.10.2016
4. Der Schiedrichter entscheidet
Das ist halt so. Und wenn sich die Union-Fans nicht unter Kontrolle haben, gibt es eben eine klare Entscheidung. Der Münzwurf entscheidet darüber, wer zuerst schießen darf. Übrigens gewinnt die Mannschaft, die beginnt, zu 60% das Elfmeterschießen.
Crom 27.10.2016
5.
Zitat von ryan-greyMan kann von den Aktionen der Berliner Fans nun halten, was man will. Aber für die Seitenwahl beim Elfmeterschießen dürften nicht sie, sondern immer noch der Münzwurf bzw die daran beteiligten Kapitäne beider Mannschaften verantwortlich sein. Oder lief das gestern anders?
Nein, mit dem Münzwurf wurde nur entschieden wer anfängt. Der Schiedsrichter kann selbst entscheiden auf welches Tor geschossen wird oder ob's er den Münzwurf verwendet.
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