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Carsten Ramelow: Zweiter Sieger

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Ramelow über Siegeszug der "Hertha-Bubis" "Der ganze Bus hat getobt"

Es ist eine kuriose Geschichte: Die Profis von Hertha BSC standen noch nie im Pokalfinale im heimischen Olympiastadion - die Amateure des Klubs schon. Ex-Nationalspieler Carsten Ramelow über den Siegeszug der "Bubis".
Ein Interview von Benjamin Knaack
Zur Person
Foto: Stuart Franklin/ GettyImages

Carsten Ramelow, 41, ist ein ehemaliger deutscher Fußball-Nationalspieler. Der gebürtige Berliner begann seine Karriere bei Hertha BSC und wechselte später zu Bayer Leverkusen. Ramelow wurde viermal Vizemeister, zweimal Vizepokalsieger, WM-Zweiter 2002 sowie Zweiter in der Champion-League-Saison 2002 (1:2 im Finale gegen Real Madrid). "Im Laufe meiner Karriere habe ich gemerkt, dass auch ein zweiter Platz ein Erfolg ist", sagt er heute.

SPIEGEL ONLINE:Herr Ramelow, am Mittwoch können die Hertha-Profis mit einem Sieg gegen Borussia Dortmund das erste DFB-Pokal-Finale im eigenen Stadion erreichen. Das haben im Verein bislang nur die Amateure geschafft, in der Saison 1992/1993. Sie waren damals dabei. Wie war die Stimmung?

Ramelow:Das Klima in der Mannschaft war sensationell. Vom ersten Spiel an bis ins Finale hatten wir alle eine Lockerheit, wie ich sie danach als Profi nie wieder erlebt habe. Wir hatten echt gute Jungs dabei, der ein oder andere, wie etwa Christian Fiedler, hat es ja auch später geschafft.

SPIEGEL ONLINE:Sie selbst stiegen erst im Halbfinale in den Wettbewerb ein. Warum?

Ramelow:Ich war damals verletzt. Ich habe bei der A-Jugend, den Amateuren und den Profis gespielt, das war etwas viel: Ich hatte kurz hintereinander zwei Mittelfußbrüche, erst links, dann rechts. Deshalb konnte ich die ersten Spiele nur zuschauen.

SPIEGEL ONLINE:Bei Ihrer Rückkehr, im Halbfinale gegen den damaligen Zweitligisten Chemnitz, schossen Sie gleich das 1:0. Können Sie sich an das Tor erinnern?

Ramelow:Na klar, ganz genau. Das war, glaube ich, in der sechsten Minute, oder?

SPIEGEL ONLINE:In der fünften.

Ramelow:Ja, genau. Ich weiß noch: ein langer Einwurf, der irgendwie rausgeköpft wurde von einem Chemnitzer, dann Gewühl im Strafraum. Und dann habe ich darauf spekuliert, dass einer von den Schmidt-Zwillingen den Ball wieder in den Raum reinköpft. So kam es auch glücklicherweise, ich konnte ihn mit links volley nehmen, und er ging dann dem Torhüter durch die Beine. Ein bisschen glücklich, aber mir wars egal. Ich habe unendlich gejubelt und hätte auch noch etwas weiterjubeln können.

SPIEGEL ONLINE:Verständlich.

Ramelow:Als Berliner Junge im großen Olympiastadion - und dann mache ich auch noch das 1:0! Das war einmalig. Ich hatte ja schon ein paar Mal bei den Profis in der zweiten Liga spielen dürfen, da sind wir teilweise vor fünftausend Zuschauern aufgelaufen. Und nun standen die "Hertha-Bubis" im Halbfinale - vor fast 80.000 Zuschauern! Wir hatten in der Pokalrunde ja vorher erst an der Osloer Straße und später im Mommsenstadion gespielt. Eine solche Atmosphäre war für uns alle neu. Gigantisch.

SPIEGEL ONLINE:Hatten Sie Rituale vor den Spielen?

Ramelow:Es gab da diesen Italiener, ich weiß gar nicht mehr, wie der hieß. Das war in Spandau irgendwo. Da waren wir essen vor dem ersten Spiel. Und dann hat unser Trainer gesagt: Da gehen wir jetzt immer hin, das hat ja gut funktioniert.

SPIEGEL ONLINE:Gegen Chemnitz siegten Sie 2:1. Dann kam das Finale

Ramelow:Die Fahrt zum Endspiel war schon großartig. Wir wurden von der Polizei eskortiert und haben jede rote Ampel bejubelt. Der ganze Bus hat getobt. So etwas würde es heute gar nicht mehr geben, da sind alle auf sich fokussiert und haben Kopfhörer auf.

Ramelow im DFB-Pokalfinale gegen Leverkusen: "Blödes Tor"

Ramelow im DFB-Pokalfinale gegen Leverkusen: "Blödes Tor"

Foto: Bongarts/ Bongarts/Getty Images

SPIEGEL ONLINE:Leverkusen war im Endspiel die klar bessere Mannschaft. Trotzdem konnten Sie bis eine Viertelstunde vor Schluss das 0:0 halten.

Ramlow:Wir wussten, was uns da erwartet. Dass sie sehr gute Einzelspieler haben, die ein Spiel allein entscheiden konnten. Wir haben alles versucht und wollten uns über die 90 Minuten retten und dann vielleicht über die Verlängerung ins Elfmeterschießen. Und dann, mit ein bisschen Glück...

SPIEGEL ONLINE:Doch Ulf Kirsten schoss das 1:0, und Sie verloren.

Ramelow:Leverkusen hatte schon vorher gute Chancen, aber es war dennoch ein blödes Tor. Kirsten stützt sich ein bisschen auf, unser Abwehrspieler geht nicht richtig hoch. Das hätte der Schiedsrichter auch pfeifen können. Wenn man so lange das 0:0 hält, dann ärgert so ein Gegentor natürlich. Nach dem Treffer war mir klar, dass es vorbei ist.

SPIEGEL ONLINE:"Weine nicht, wunderbare Hertha", schrieben die Zeitungen und: "Hertha-Bubis, Ihr seid Riesen". Wie haben Sie sich nach dem Spiel gefühlt?

Ramelow:Wir haben trotz der Niederlage mindestens genauso viel gefeiert wie Leverkusen. Eskorte durch Berlin, Empfang beim Bürgermeister: Da haben wir wirklich alles mitgenommen. Wir wurden überall bejubelt, als ob wir den Pokal geholt hätten. Egal wo man hingekommen ist und auch noch Wochen später. Klar, man hat zwar verloren, aber im Laufe meiner Karriere habe ich gemerkt, dass auch ein zweiter Platz ein Erfolg ist.

SPIEGEL ONLINE:Später sind Sie nach Leverkusen gegangen. Haben Sie mal erfahren, ob Bayer-Manager Rainer Calmund Sie im Pokalfinale entdeckt hat?

Ramelow:Der Calmund hat ja auch schon vorher den ein oder anderen Berliner weggeholt. Ich glaube, ich stand schon länger auf seinem Zettel. Eigentlich wollte ich als Berliner in Berlin bleiben. Das war mein großer Wunsch. Aber es ist halt schwierig, wenn ein Erstligaklub anklopft. Es war meine zweite Chance, nachdem ich vorher schon Bayer Uerdingen abgesagt hatte. Hinzu kam, dass die Hertha in Geldnöten steckte. Es war für den Klub enorm wichtig, Geld durch meinen Verkauf zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE:Haben Sie noch mit den Kollegen von damals Kontakt?

Ramelow:Selten. Ein wenig mit Christian Fiedler, dem Torhüter. Oder mit Andreas Schmidt. Bei Hallenturnieren oder Benefizspielen trifft man sich mal. Aber je länger man aus Berlin weg ist, desto weniger wird das.

SPIEGEL ONLINE:Mit Bayer standen Sie 2002 im Champions-League-Finale. Mit der Nationalmannschaft im selben Jahr im WM-Finale. Wie würden Sie diese Endspiele mit dem DFB-Pokalfinale vergleichen?

Ramelow bei der WM 2002: "Überall auf der Welt"

Ramelow bei der WM 2002: "Überall auf der Welt"

Foto: Gunnar Berning/ Bongarts/Getty Images

Ramelow:Die WM und das Champions-League-Finale hatten natürlich eine ganz andere Aufmerksamkeit. Das gucken die Menschen überall auf der Welt, in jeder Ecke, wo ein Fernseher steht. Trotzdem: Berlin ist immer eine Reise wert.

SPIEGEL ONLINE:Glauben Sie, dass die Hertha ins Finale kommt?

Ramelow:Ich kann es mir gut vorstellen.

Bayer Leverkusen - Hertha BSC II 1:0 (0:0)
am 12. Juni 1993 im Berliner Olympiastadion
1:0 Kirsten (77.)
Leverkusen:Rüdiger Vollborn, Franco Foda, Christian Wörns, Martin Kree, Andreas Fischer, Heiko Scholz, Ioan Lupescu, Pavel Hapal, Markus Happe, Andreas Thom, Ulf Kirsten
Hertha BSC II:Fiedler, Meyer, O. Schmidt (ab 73. Höpfner), Nied, A. Schmidt, Kolczyk, Holzbecher, Klews, Ramelow, Kaiser, Gezen
Gelbe Karten:Kirsten / -

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