Nicht gegebener BVB-Treffer "Wie kann man das nicht sehen?"

Bayern Münchens Triumph im DFB-Pokal hat einen Makel: Den Treffer von Dortmunds Mats Hummels hätte der Schiedsrichter geben müssen. Nun wird wieder über technische Hilfen diskutiert. Aber hätten die im konkreten Fall geholfen?

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Aus Berlin berichten und


Im Rücken von Mats Hummels tobten die Spieler des FC Bayern München vor Freude über den 2:0-Sieg im DFB-Pokalfinale, rannten und sprangen auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions herum. Hummels' Mannschaftskollegen von Borussia Dortmund sanken einer nach dem anderen mit hängenden Köpfen zu Boden. Hummels selbst ging kopfschüttelnd auf direktem Wege in die Kabine. Er wollte so schnell wie möglich weg.

Hummels hatte gegen den FC Bayern München ein herausragendes Spiel gezeigt. Abgeklärt, ohne Extraeinlagen, die ihm sonst manchmal unterlaufen, wenn er zu ungeduldig mit sich oder dem Spielverlauf ist. Diesmal stand Hummels sicher in der Abwehrzentrale und konnte mit seinem Stellungsspiel zahlreiche Angriffe der Münchner bereits im Ansatz beenden.

Das Lob für den Dortmunder hätte noch größer ausfallen können, wenn die Szene in der 64. Minute vom Schiedsrichter anders bewertet worden wäre. Doch Florian Meyer ließ Hummels' Jubel abrupt verstummen, als er den Kopfball des Verteidigers nicht als Tor wertete.

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Hummels' nicht gegebenes Tor: Dante, der Ball und die Torlinie

Hummels hatte zuvor eine Kopfballverlängerung von Robert Lewandowski so auf das Tor der Münchner gewuchtet, dass Bayerns Verteidiger Dante den Ball nur mit größter Mühe klären konnte. Sowohl der Brasilianer als auch das Spielgerät waren dabei deutlich hinter der Torlinie, es hätte 1:0 für die Borussia stehen müssen. Womöglich hätte der gesamte Spielverlauf durch dieses Tor eine neue Dramaturgie erhalten.

"Es war ein klares Tor"

Hummels, der als Erster die Dortmunder Kabine verließ, stellte sich in den Katakomben des Olympiastadions den Journalistenfragen. "Es war ein klares Tor. Die Entscheidung ist für uns sehr enttäuschend. Ich frage mich schon, wie man das nicht sehen konnte", sagte Hummels. Schiedsrichter Meyer selbst sagte über die Szene auf dfb.de: "Im realen Ablauf war es sowohl für meinen Assistenten als auch für mich nicht zweifelsfrei erkennbar, ob der Ball die Torlinie vollständig überschritten hat oder nicht. Somit haben wir entschieden, das Spiel weiterlaufen zu lassen."

Die Fehlentscheidung des Schiedsrichters führt nun wieder unweigerlich in eine Debatte, die in den vergangenen Jahre ungefähr so häufig angestoßen wurde, wie die Bayern Titel holen. Ist der Einsatz von technischen Hilfsmitteln notwendig, um den Sport gerechter zu machen? Hilft die Torlinientechnologie, um menschliche Fehler zu vermeiden?

"Ja", sagt BVB-Außenverteidiger Marcel Schmelzer: "Die Leute, die sich gegen den Videobeweis aussprechen, sollten einfach mal darüber nachdenken, wie es sich anfühlt, ein so wichtiges Endspiel auf diese Art zu verlieren." Jérôme Boateng, Hummels' Pendant auf Seiten des FC Bayern, sah die Szene und ihre Auswirkungen deutlich pragmatischer: "Das ist Fußball. Wir hatten Glück und die Dortmunder diesmal eben Pech."

Die Technik ist einigen Vereinen zu teuer

Vor wenigen Monaten diskutierte die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hitzig und ausführlich über die Einführung der Torlinientechnologie. Eine Mehrheit für das Hilfsmittel konnte der Fußballverband aber nicht erreichen. Klubs wie dem Hamburger SV war die Einführung eines solchen Werkzeugs (Kosten: etwa 150.000 Euro) zu teuer, andere Vereine fanden die Technik noch nicht ausgereift genug.

Die Diskussion hatte damals auch eine andere Ebene: Gehört das Debattieren über Fehlentscheidungen nicht eigentlich zum Kern der Fußballkultur? Würde der Sport mit der Einführung der Technologie nicht auch seinen Reiz verlieren?

Der Fall in Berlin zeigt aber, dass auch die Einführung der Torlinientechnik den Sport nicht zwingend gerechter machen würde. Denn obwohl der Ball die Linie - wie man in den Zeitlupen klar sehen konnte - eindeutig überquert hatte, benötigte man zahlreiche weitere TV-Aufnahmen, um eine mögliche Abseitsposition von Hummels vor dem Kopfballtor ausschließen zu können.

Was aber wäre gewesen, wenn die Torlinientechnologie den Kopfballtreffer anerkannt, Hummels aber tatsächlich im Abseits gestanden und Meyer dies nicht gesehen hätte?

Klopp und der Cirque du Soleil

"Deshalb bin ich eher dafür, dass jedes Team pro Halbzeit zwei Mal einen Videobeweis wahrnehmen darf", sagte Hummels. Also bis zu acht Zeitlupen für den Schiedsrichter pro Partie, die die strittigsten Szenen klären könnten. Der Spielfluss wäre gehemmt, aber Fehlentscheidungen wie die Phantomtore von Hoffenheim oder Nürnberg wären nahezu ausgeschlossen.

In Berlin fand sich kein Spieler, Trainer oder Manager, der nicht zumindest angemerkt hätte, dass die Fußballfunktionäre noch einmal über die technischen Hilfsmittel nachdenken sollten. "Denn eigentlich fühlt sich doch niemand mit einem Sieg wohl, auf dem so ein Makel lastet", sagte BVB-Torwart Roman Weidenfeller.

Sein Trainer Jürgen Klopp appellierte lieber mit seiner mittlerweile berühmten Polemik an das Ausschöpfen der Schiedsrichterkompetenzen: "Ich hab zwar eine Brille, aber die hätte ich echt nicht nötig gehabt, um das zu sehen. Wenn ein Verteidiger mit seinem rechten Bein auf der Linie steht und den Ball mit links klärt, dann muss er schon beim Cirque du Soleil angestellt sein, um das hinzukriegen, ohne dass der Ball hinter der Linie ist."

Borussia Dortmund - Bayern München 0:2 n.V. (0:0, 0:0)
0:1 Arjen Robben (107.)
0:2 Thomas Müller (120.+3)
Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Sokratis, Hummels, Schmelzer - Jojic (83. Aubameyang), Sahin - Mchitarjan (60. Kirch), Reus, Großkreutz (110. Hofmann) - Lewandowski
München: Neuer - Jérôme Boateng, Martínez, Dante - Højbjerg (102. van Buyten), Lahm (31. Ribery, 109. Pizarro), Toni Kroos, Rafinha - Thomas Müller - Robben, Götze
Schiedsrichter: Florian Meyer
Zuschauer: 76.197 (ausverkauft)
Gelbe Karten: - Toni Kroos, Højbjerg, Jérôme Boateng, van Buyten, Robben
Ballkontakte: 697 / 1142
Ballbesitz in Prozent: 34 / 66
Schüsse: 15 / 15
Torschüsse: 3 / 8
Gewonnene Zweikämpfe in Prozent: 49 / 51

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insgesamt 870 Beiträge
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frank_w._abagnale 18.05.2014
1. Malaga-Spiel ansehen.
Jürgen Klopp, seine Spieler und alle BVB-Fans sollten sich das Champions League-Spiel gegen Malaga nochmal in Ruhe ansehen und einfach schweigen. Dortmund ist einfach ein schlechter Verlierer.
malepocahontas 18.05.2014
2. Schande!
Es is ja klar, dass Vereine wie der Noch-Bundesligist HSV die 150.000 € nicht aufbringen können. Sie sind ja schließlich damit beschäftigt, Millionenabfindungen für entlassene Trainer und Manager aufbringen zu müssen.
fliegendertiger 18.05.2014
3. Was macht..
.. Hummels denn im Olympiastadion?
dieter 4711 18.05.2014
4. Bayern kann sich alles erlauben
Wenn der Ball nicht im Netz zappelt, wird er vom Schiedsrichter, der ein Bayernspiel zu betreuen hat nicht anerkannt. Hoeneß geht für 28 Millionen Steuerschulden nur drei Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Bei Bayern ist hier in Deutschland alles möglich.
ultrapit 18.05.2014
5. Betrug
Betrug - mehr gibt es nicht zu sagen.
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