DFB-Pokal Katerstimmung vor der Mutter aller Derbys

Erstmals seit 19 Jahren kommt es wieder zum Hessen-Klassiker. In der ersten Runde des DFB-Pokals muss Kickers Offenbach gegen Eintracht Frankfurt ran. Die Fans fiebern voller Begeisterung dem Spiel der ewigen Rivalen entgegen, aber hinter den Kulissen herrschen Streit und Unruhe.

Von Andreas Lampert, Offenbach


 Sport und Politik im Derby-Fieber: Alexander Schur (Profi von Eintracht Frankfurt), Matthias Dworschak (Profi von Offenbacher Kickers), Petra Roth (Oberbürgermeisterin von Frankfurt) und Gerhard Grandke (Oberbürgermeister von Offenbach) werben für ein faires Lokalderby
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Sport und Politik im Derby-Fieber: Alexander Schur (Profi von Eintracht Frankfurt), Matthias Dworschak (Profi von Offenbacher Kickers), Petra Roth (Oberbürgermeisterin von Frankfurt) und Gerhard Grandke (Oberbürgermeister von Offenbach) werben für ein faires Lokalderby

Offenbach - An den 5. Juli 2003 werden die Fans der Offenbacher Kickers noch lange denken. Am Vormittag wurde die Mannschaft der Öffentlichkeit vorgestellt und rund 300 Fans verfolgten voller Spannung das erste Trainingsspiel der neuen Helden. Sieben Neuzugänge waren dabei, teilweise Spieler mit Bundesliga-Erfahrung wie Bruno Akrapovic, die mutig den Aufstieg in die Zweite Liga als sportliches Ziel ausgaben. Auch Sponsoren, die über Jahre auf dem Bieberer Berg nicht mehr gesehen wurden, standen plötzlich wieder Schlange und wollten helfen.

Es herrschte Aufbruchsstimmung in Offenbach - und das nach einer Saison, in der die Mannschaft seine Anhängerschaft mit Defensivfußball der verzweifelten Sorte in den Wahnsinn getrieben hatte. Fachleute behaupteten, gegen das, was die Kickers zuletzt in der Regionalliga Süd gespielt hätten, sei der der berüchtigte italienische catenaccio eine geradezu butterweiche Angelegenheit.

"Antje, was für ein Feeling! Da wird etwas los sein"


Dennoch waren die Menschen optimistisch, was den neuen OFC-Kader anging - und es sollte noch besser kommen. Im ZDF-"Sportstudio" stand am selben Abend die Auslosung der ersten Runde des DFB-Pokals an, für die sich Kickers Offenbach als Hessenpokalsieger durch eine 3:2-Erfolg über den SV Wehen qualifiziert hatte. Ein Spiel übrigens, in dem die Kickers sich keine klare Chance erspielt hatten und nach drei Standardsituationen zu den Toren kamen - auch eine Art von Fußballkunst.

Die deutschen Weltklasseschwimmer Antje Buschschulte und Thomas Rupprath standen neben Conferencier Wolf-Dieter Poschmann bereit, um die Auslosung vorzunehmen. Als Rupprath für die sechste Partie die Offenbach aus dem Topf der Amateurteams zog, ging ein Raunen durch den Saal, der wenig später tobte, als Antje Buschschulte Eintracht Frankfurt als Gegner ausloste. Zum ersten Mal seit März 1984, als beide Teams noch gemeinsam in der Bundesliga spielten, würde es wieder zu einer Partie zwischen beiden Rivalen kommen.

"Antje, was für ein Feeling! Da wird etwas los sein", lautete Poschmanns Kommentar zum "Los der Lose", wie diese Paarung seitdem im Rhein-Main-Gebiet getauft wurde.

Doch knapp zwei Monate später ist von der Euphorie des 5. Julis nicht mehr viel zu spüren. Zu beschäftigt sind beide Vereine mit hausgemachten Problemen, als dass sie dem Pokalderby ihre volle Aufmerksamkeit widmen könnten. In Frankfurt wird seit Saisonbeginn in der Vorstandsetage voller Leidenschaft gestritten, während die Mannschaft auf dem Platz Kampfgeist vermissen lässt. Nach nur 20 Tagen Amtszeit wurde der AG-Vorstandsvorsitzender Peter Schuster von denselben Leuten, die ihn ins Amt hievten, gefeuert, und in der Presse war in der Woche vor dem Pokalhit die Rückkehr von Andreas Möller zur Eintracht fast ein größeres Thema als das Spiel.

Selbst bei der gemeinsamen Pressekonferenz von OFC und Eintracht am vergangenen Donnerstag glänzte Eintracht-Coach Willi Reimann durch Abwesenheit. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" stellte besorgt die Frage, ob das Vielvölkerteam der Eintracht sich eigentlich darüber im Klaren sei, was es im Derby gegen den OFC erwarte.

OFC-Coach Berndroth musste gehen


 Ex-OFC-Profi Lars Schmidt (M.) sitzt jetzt auf der Offenbacher Trainerbank
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Ex-OFC-Profi Lars Schmidt (M.) sitzt jetzt auf der Offenbacher Trainerbank

Doch auch in Offenbach kriselte es in der Woche vor dem Spiel der Spiele. Am vergangenen Montag musste Trainer Ramon Berndroth nach zwei Niederlagen in Folge gehen. Die Volksseele am Bieberer Berg hatte im Trainer den Schuldigen ausgemacht, das Präsidium sah sich zur Maßnahme gezwungen. Manager Lars Schmidt übernahm darauf das Ruder und hofft, die Köpfe bis zum Spiel gegen die Eintracht frei zu bekommen.

So treffen am Montag um 17.30 Uhr zwei Mannschaften aufeinander, die nicht gerade voller Selbstvertrauen in das mit 20.500 Zuschauern seit Wochen ausverkaufte Stadion am Bieberer Berg einlaufen werden. Dabei waren Derbys zwischen Eintracht Frankfurt gegen Kickers Offenbach Spiele, die einst deutsche Fußballgeschichte schrieben. 1959 standen sich beide Mannschaften in Berlin im Endspiel gegenüber und kämpften um den deutschen Titel. 5:3 (2:2, 2:2) siegte die Frankfurter nach Verlängerung, und noch heute wird im Rhein-Main-Gebiet diskutiert, ob der Elfmeter, der zum 3:2 der Eintracht führte, ein berechtigter gewesen sei.

Offenbach führt in der Derby-Statistik


 Am 28. Juni 1959 erzielt der Offenbacher Rechtsaußen Kraus (2.v.r.) den Ausgleichstreffer zum 1:1 in der Finalbegegnung Eintracht Frankfurt - Kickers Offenbach im Berliner Olympiastadion. Frankfurt besiegt den OFC mit 5:3 (2:2, 2:2) und wurde zum erstenmal in seiner Vereinsgeschichte deutscher Fußball-Meister
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Am 28. Juni 1959 erzielt der Offenbacher Rechtsaußen Kraus (2.v.r.) den Ausgleichstreffer zum 1:1 in der Finalbegegnung Eintracht Frankfurt - Kickers Offenbach im Berliner Olympiastadion. Frankfurt besiegt den OFC mit 5:3 (2:2, 2:2) und wurde zum erstenmal in seiner Vereinsgeschichte deutscher Fußball-Meister

Bei Auseinandersetzungen zwischen dem OFC und der Eintracht prallen auch zwei Fußballwelten aufeinander. Während den Offenbachern das Image der leidenschaftlichen Kämpfer anhaftet, heißt es von der Eintracht, sie hat sich den Ruf der Diva vom Main durch elegantes Spiel erarbeitet. Interessanterweise führt in der Derby-Statistik aber immer noch der OFC, der sich in 122 Spielen bislang 51 Male durchsetzen konnte, 25-mal trennten man sich Unentschieden und 46-mal siegte die Eintracht. Sogar in den sieben gemeinsamen Bundesligajahren hatten die Offenbacher stets die Nase vorne (7 Siege, 2 Remis, 5 Niederlage), obwohl sie während dieser Zeit nur einmal in der Tabelle vor der Eintracht landeten. "Wie oft muss ich das noch mitmachen", stöhnte 1975 Jürgen Grabowski, als er mit seiner Eintracht wieder einmal auf dem Bieberer Berg besiegt wurde.

So gehen die Kickers, obwohl sie als Drittligist Außenseiter sind, nicht ganz chancenlos in die Partie. Zumal der DFB-Pokal so etwas wie ein Lieblingswettbewerb der Offenbacher ist. 1970 feierte sie mit einem 2:1 im Endspiel über den 1. FC Köln den größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Auch später setzte der Pokalwettbewerb ungeahnte Kräfte frei. 1990 gelang dem OFC als Oberligist der Durchmarsch bis ins Halbfinale. Im vergangenen Jahr zählte der Karlsruher SC zu den Opfern der ersten Runde, der 1. FC Nürnberg setzte sich in der zweiten Runde erst in der Verlängerung durch. Kickers-Präsident Dieter Müller hofft deshalb auf eine Außenseiterchance unter besonderen Umständen: "Die Atmosphäre auf dem Bieberer Berg ist nicht zu unterschätzen." Der 1. September 2003 soll der nächste Gedenktag für die OFC-Fans werden.

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