Kampl mit RB Leipzig im Pokalfinale Der Konzernspieler, der erst mal Klinken putzen musste

Im Pokalfinale gegen Dortmund könnte RB Leipzig seinen ersten großen Titel gewinnen. Kevin Kampl ist der Motor des Teams und steht stellvertretend für den RB-Fußball – aber auch für seinen eigenen Weg.
Kevin Kampl: Trifft im Pokalfinale auf seinen ehemaligen Klub Dortmund

Kevin Kampl: Trifft im Pokalfinale auf seinen ehemaligen Klub Dortmund

Foto: KH / imago images/Karina Hessland

Im Leben von Kevin Kampl und seiner Familie ging es oft um Autos. In den Achtzigerjahren waren seine Eltern aus Slowenien nach Solingen gekommen, dort hatten sie Arbeit in einem Autohaus gefunden. In Solingen kam auch Kampl zur Welt – und damit sein Traum vom Profifußballer einmal wahr werden konnte, musste ihn Mutter Anica oft ins 20 Kilometer entfernte Leverkusen bringen, wo Kampl bei Bayer 04 ausgebildet wurde.

In einem alten Golf sei man hingetuckert, erzählte Kampl »Sportbuzzer«. Von seinem ersten Profigehalt kaufte er der Mutter ein neues Auto. »Das war so ein Moment, den vergisst man einfach nicht.«

Kevin Kampl, 30, hat noch immer eine besondere Beziehung zu Autos. Der Profi von RB Leipzig fährt heute allerdings gern schnelle Wagen, protzige Schlitten, das tun viele Fußballprofis, nur drückt er lieber auf die Bremse als auf das Gaspedal. »Das schnelle Auto habe ich nur für die ersten zehn Meter, ich höre den Sound des starken Motors so gern«, sagte er 2016 im »Sportschau-Club«.

Das Fahrverhalten passt nicht wirklich zum Fußballer Kampl, auf dem Platz scheut der Mittelfeldspieler keine Gefahr, selbst unter Druck geht er ins Dribbling und Risiko. Er ist immer mutig, macht Tempo und bringt den Ball schnell nach vorn. Kampl wird gern als Motor der Pressingmaschine RB Leipzig bezeichnet, das am Abend gegen Borussia Dortmund (20.45 Uhr, TV: ARD; Liveticker SPIEGEL.de) um den Sieg im DFB-Pokal spielt.

Seit 2009 läuft das von Red Bull finanzierte Projekt in Leipzig; es ist auch das Jahr, als Kampl die Fußballbühne betreten hat, damals in der zweiten Mannschaft von Bayer Leverkusen. Nun könnten sie gemeinsam, Leipzig und Kampl, ins Ziel kommen und ihren ersten größeren Titel gewinnen. »Der Pokalsieg wäre das i-Tüpfelchen für die letzten Jahre harter Arbeit«, sagte Kampl dem Sport-Informations-Dienst vor dem Endspiel.

Über Osnabrück und Aalen in die RB-Schule

RB verkauft seinen Weg gern als märchenhaft, wenn in der Champions League große Duelle angestanden haben, hat die PR-Abteilung an die Zeit in der Regionalliga erinnert, wo man noch vor wenigen Jahren gespielt hatte. Als wäre die Entwicklung ein Wunder, in Wahrheit hat natürlich auch sehr viel Anschubhilfe den Vormarsch des aktuellen Tabellenzweiten der Bundesliga ermöglicht.

Märchenhafter erscheint dagegen der Weg von Kevin Kampl. Er musste erst mal Klinken putzen und sich bei den Junioren von Bayer Leverkusen beweisen, er ging zur Leihe nach Fürth und wurde dort fast ausschließlich in der zweiten Mannschaft, im Regionalliga-Team eingesetzt, es ging weiter in die dritte Liga zum VfL Osnabrück. Im Jahr 2012, Kampl war 22, hatte er immerhin schon in den Niederungen der zweiten Liga gespielt. Er war zum VfR Aalen gewechselt, um sich als Zweitliga-Fußballer zu etablieren. »Genau der richtige Schritt«, nannte Kampl diesen Wechsel damals. Es ging voran, aber nur im Tucker-Tempo.

2015 spielte Kampl ein halbes Jahr für den BVB

2015 spielte Kampl ein halbes Jahr für den BVB

Foto: AP/dpa

Und plötzlich folgte doch die Beschleunigung. Zwei Wochen nach der Aussage stand Kampl in Salzburg unter Vertrag, das ebenfalls von Red Bull finanziert wird. Und, bei aller berechtigten Kritik an den Schwesterklubs aus Salzburg und Leipzig, das RB-Fußballimperium kann Spieler entwickeln. Kampl steht dafür stellvertretend. Vor allem der damalige Salzburg-Trainer Roger Schmidt sah in ihm ein besonderes Talent. Er hatte ihn bereits beobachtet, als Kampl noch in Osnabrück spielte und Schmidt 90 Kilometer weiter den SC Paderborn trainierte.

Beim VfL hatte Kampl oft auf den Außenpositionen gespielt, nun wurde er von Schmidt zum Herzen des Zentrums aufgebaut. Kampl fand in Salzburg auch ein Team vor, das offensiv ausgerichtet war, zu seinem Stil passte, damals spielte unter anderem der heutige Liverpool-Star Sadio Mané für Salzburg. Zusammen beherrschten sie die österreichische Liga, sie wurden besser und selbstbewusster.

Eine Demütigung für Guardiola

Wie schnell und kreativ der slowenische Nationalspieler am Ball ist, durfte auf etwas größerer Bühne erstmals der FC Bayern im Januar 2014 erfahren. Mit Salzburg hatte Kampl die Münchner in einem Testspiel gedemütigt, nach 45 Minuten lag die damalige Mannschaft von Pep Guardiola bereits 0:3 zurück – und immer wieder passte Kampl in die Gefahrenzone.

Kampl ging ein Jahr später nach Dortmund, wo er nicht glücklich wurde. Nach sechs Monaten folgte der Wechsel nach Leverkusen – und der plötzliche Bruch, als sein damaliger Salzburg-Trainer und Förderer Roger Schmidt im Frühjahr 2017 bei Bayer 04 gehen musste. Im anschließenden Sommer war auch Kampl weg, zuerst hatte er noch überlegt, Schmidt zu dessen neuen Verein nach China zu folgen, doch er ging nach Leipzig, in das vertraute Red-Bull-Umfeld. Zurück zum Konzern.

Für diesen Spieler hatte RB Leipzig mit bisherigen Prinzipien gebrochen, Kampl war bei seiner Verpflichtung bereits Ende 26, eigentlich hatte sich der Klub eine Altersgrenze von 24 Jahren bei Neuverpflichtungen gesetzt. Aber er war eben einer aus der RB-Schule, er wusste, welcher Fußball auf ihn wartete – und der Verein wusste, welcher Spieler kommt.

Gut am Ball, aber auch ohne ihn

Gut am Ball, aber auch ohne ihn

Foto: Simon Hofmann/ Bongarts/Getty Images

Kampl spielt heute viele vorletzte Pässe bei RB Leipzig, oft ist er es, der für eine gefährliche Situation verantwortlich ist. Er ist der Spieler, der für das Tempo sorgt – und der die Dynamik des Gegners stört.

Kein anderer RB-Profi foult mehr als Kampl, kaum ein anderer geht so oft ins Tackling. Er ist ein fleißiger Spieler, den man aber auch immer wieder an seiner Qualität am Ball misst. In bisher 36 Pflichtspielen in dieser Saison ist Kampl gerade einmal auf zwei Torbeteiligungen gekommen, das wirkt wenig für einen so spielstarken Typen wie ihn. In einer von Redaktionen zusammengestellten Mannschaft des Bundesliga-Spieltags sieht man ihn fast nie, ein Schlüsselspieler bei RB Leipzig ist er dennoch.

Für Kampl ist es der dritte Anlauf im Pokalfinale. Bei der 1:3-Niederlage des BVB vor sechs Jahren gegen Wolfsburg musste er das Finale als Zuschauer verfolgen, er war zuvor im Halbfinale vom Platz geflogen. Vor zwei Jahren ging er mit RB gegen den FC Bayern 0:3 unter. Er hat viel Lehrgeld gezahlt, aber seine Karriere hat auch gezeigt, dass sich Ausdauer am Ende oftmals auszahlt.

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