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26. Februar 2013, 17:43 Uhr

Pokal-Viertelfinalist Offenbach

Sensationeller Skandalclub

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Abstiegskampf in Liga drei, Trainerwechsel, Schulden in Millionenhöhe: Kickers Offenbach hat schon bessere Zeiten erlebt. Jetzt kommt der VfL Wolfsburg zum Pokal-Viertelfinale - und die Kickers hoffen auf das vierte Wunder vom Bieberer Berg.

Mathias Fetsch war am Montag im Stress. Hier ein Interviewtermin, dort ein Fernsehauftritt, alle wollten etwas vom Kapitän und Torjäger von Kickers Offenbach. Ungewöhnlich für den Spieler eines Drittligisten, aber nicht ungewöhnlich für jemanden, der mit seinem Team die größte DFB-Pokal-Sensation dieser Saison ist. Offenbach steht im Viertelfinale und trifft am Abend auf den VfL Wolfsburg (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

"Natürlich haben wir eine Chance, auch wenn wir klarer Außenseiter sind. Wir sind im Pokal-Modus und wollen das nächste Wunder", sagt Fetsch im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Kickers sind der letzte verbliebene Drittligist im Wettbewerb, und Fetsch hat daran großen Anteil: Sowohl im Achtelfinale gegen Fortuna Düsseldorf (2:0) als auch in der Runde zuvor gegen Union Berlin (2:0) hatte der 24-Jährige zur 1:0-Führung getroffen. Als ersten Club hatte es in der ersten Runde Greuther Fürth (2:0) am Bieberer Berg erwischt.

Trainer Arie van Lent hatte nach dem Triumph gegen Düsseldorf gesagt, die Kickers hätten ein "schönes und ein hässliches Gesicht". Weil die Mannschaft ihr schönes Gesicht aber fast ausschließlich im Pokal zeigt, musste der niederländische Coach vor knapp drei Wochen gehen.

"Der Erfolgsdruck im Pokal ist nicht so groß, vielleicht ist das der Grund für die unterschiedlichen Leistungen", mutmaßt Fetsch. In der Liga ist Offenbach Zwölfter und hat nur sechs Zähler Vorsprung auf die Abstiegsränge. Bei seinem Abschied sagte van Lent: "Wenn man weiß, wie es hier zugeht, dann kann ich auf meine Arbeit schon stolz sein."

Kickers-Präsident löst 1971 den Bundesliga-Skandal aus

Skandalclub mit großer Tradition: Das ist Kickers Offenbach. Der Bundesliga-Aufstieg 1968 und der Sieg im DFB-Pokal 1970 sowie prominente Namen in der Galerie ehemaliger Spieler ragen sportlich aus der Clubhistorie heraus. Rudi Völler und Uwe Bein, die beiden Weltmeister von 1990, begannen ihre Profi-Karriere bei den Kickers. Dieter Müller stürmte für Offenbach, Oliver Reck hütete das Tor am Bieberer Berg.

Doch es gibt auch die andere Seite des Kultclubs. Schließlich war es Offenbachs Präsident Horst-Gregorio Canellas, der bei der Feier zu seinem 50. Geburtstag am 6. Juni 1971 jenes Tonband abspielte, das den Bundesliga-Skandal auslöste. Darauf zu hören waren Mitschnitte von Telefonaten, bei denen es um Spielmanipulationen und Schmiergeldzahlungen ging. Offenbach wurde im Zuge des Skandals die Bundesliga-Lizenz entzogen.

Seit dem Zwangsabstieg vor mehr als 40 Jahren haben die Offenbacher Fans so ziemlich alles mitgemacht: Von der Rückkehr in die erste bis zum Absturz in die vierte Liga, Lizenzentzüge inklusive. Positive Schlagzeilen machten die Kickers in den vergangenen Jahren kaum, im Gegenteil: Selbst nach dem größten Erfolg der jüngeren Vereinsgeschichte, dem Einzug ins Pokal-Viertelfinale, schaffte es der Club, medial schlecht dazustehen.

Posse um van Lent nach dem Viertelfinal-Einzug

Van Lents Entlassung war schon beschlossene Sache, da kam den Vereinschefs der Sieg im Pokal gegen Düsseldorf in die Quere. Einen Trainer nach einem Achtelfinalerfolg gegen einen Erstligisten zu entlassen ist schwierig zu verkaufen. Van Lent durfte bleiben, allerdings nur wenige Wochen. Nach einem Unentschieden und zwei Niederlagen in den ersten drei Spielen dieses Jahres trennte sich der Club von dem Niederländer, Ricco Schmidt übernahm. "Wir haben in der Außendarstellung Verbesserungsbedarf", räumte Kickers-Sportdirektor Oliver Roth in der "Frankfurter Rundschau" im Zuge der van-Lent-Posse ein.

Auch finanziell könnte es dem Club besser gehen, auf knapp fünf Millionen Euro beläuft sich der Schuldenberg. "Der Verein kämpft jeden Tag ums Überleben", sagt Roth. Daher wäre ein Erfolg gegen Wolfsburg umso wichtiger: Den Kickers wären im Falle des Halbfinaleinzugs knapp 1,9 Millionen Euro sicher, dazu kommen die Zuschauereinnahmen und mögliche zusätzliche Werbegelder.

Für den finanziell potenten Gegner Wolfsburg sind solche Zahlen eher nebensächlich. Dafür ist der Pokal für den VfL die einzige Möglichkeit, diese Saison noch zu retten. Der Club steht in der Tabelle auf Platz 15, neun Punkte vor dem Relegationsplatz. Nur über den Pokal wird sich Wolfsburg doch noch für das angepeilte internationale Geschäft qualifizieren können.

"Wenn es uns gelingt, den Pokal zu holen, wäre die gesamte Saison positiv", sagte VfL-Spielmacher Diego der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", und ergänzte: "Aber die Fehler, die wir gemacht haben, lassen sich dadurch nicht auslöschen." Der zweite Satz trifft auch auf Kickers Offenbach zu.

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