Kiels Lee Jae-sung im DFB-Pokal Ein außergewöhnlicher Spieler in einer außergewöhnlichen Mannschaft

Holstein Kiel steht erstmals im Pokalhalbfinale und hat beste Chancen auf den Bundesliga-Aufstieg. Das liegt auch an der Spielintelligenz von Lee Jae-sung – einem der besten Spieler der zweiten Liga.
Aus Essen berichtet Christoph Ruf
Lee Jae-sung (Mitte) gegen Essen: Mann mit Intuition

Lee Jae-sung (Mitte) gegen Essen: Mann mit Intuition

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LEON KUEGELER / AFP

Sechs Stunden, bevor ihre Mannschaft eintraf, begannen in Kiel die Feierlichkeiten. Gleich nach dem Schlusspfiff des 3:0 gewonnenen Viertelfinales im DFB-Pokal gegen Rot-Weiss Essen hatten sich mehrere Dutzend Holstein-Fans in ihre Fahrzeuge gesetzt, um mit einem Autokorso das »historische Ereignis« (Kiel-Trainer Ole Werner) zu feiern. Erstmals in der Vereinsgeschichte steht eine Kieler Mannschaft im Pokal-Halbfinale. Illuminiert wurde das Ganze von einem großen Feuerwerk, das hinter der Osttribüne des Kieler Stadions abgebrannt wurde.

Lange vor Mitternacht waren die Feierlichkeiten dann vorbei – zu einem Zeitpunkt, als die Kieler Mannschaftsbusse gerade mal auf halber Strecke zwischen Essen und der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt waren. Dichter Nebel im Großraum Kiel hatte die ursprünglichen Pläne, den Flieger zu benutzen, durchkreuzt. Immerhin: »Ein paar Flaschen Bier« hatte Werner für die Busfahrt erlaubt. Man habe schließlich »etwas zu feiern«.

Trotz eines zu Unrecht gegebenen Elfmeters zum 1:0 waren die Kieler gegen Essen die verdienten Sieger und schreiben damit ihre außergewöhnliche Geschichte in dieser Pokalsaison weiter. In der zweiten Runde hatten die Norddeutschen sensationell den Rekordpokalsieger Bayern München aus dem Wettbewerb geworfen. Damals hatten sie sich bis zur absoluten Erschöpfung auspowern müssen. Gegen den Viertligisten Essen reichte ein konzentrierter Auftritt einer Mannschaft, die taktische Disziplin und Spielkultur vereint.

Selbst an diesem Abend, als am Schluss wütend anstürmende Essener jeden ballführenden Kieler wie ein Schwarm Hornissen attackierten, unterlief Werners Team kaum ein Fehlpass. Auch unter Druck und in Unterzahl baute Kiel das Spiel sauber und gekonnt von hinten auf. Gerade diese Ballsicherheit ist es, die Holstein zu einem Spitzenteam der zweiten Liga hat werden lassen. Dort steht der Klub punktgleich mit Tabellenführer Bochum auf Platz zwei.

Es gibt ein paar interessante Spieler in dieser Mannschaft: Der ehemalige Bremer Fin Bartels etwa, der mit 34 Jahren bei seinem Jugendklub Kiel noch einmal neu aufblüht. Oder der Abwehrchef Hauke Wahl, dessen Spielaufbau erstaunlich souverän ist. Aber dann ist da auch noch ein Profi, der zwar nicht allzu bekannt sein mag, bei dem sich das aber bald ändern könnte: Lee Jae-sung.

Am deutschen WM-Aus 2018 mitgewirkt

Der 28 Jahre alte Offensivspieler fiel auch gegen Essen durch seine Spielintelligenz auf. Der Südkoreaner weiß intuitiv, wann er das Tempo herausnehmen muss, wann eine Seitenverlagerung angezeigt ist und wann ein Dribbling. Er ist der Taktgeber in Kiels Offensive. In Essen gelang Lee zwar weder Tor noch Assist. Und auch in der Liga steht er erst bei vier Treffer in 23 Spielen (plus vier Vorlagen). Aber von den 37 Kieler Saisontoren fielen viele nach einem vorletzten Pass von Lee. In der Offensive ist er einer der besten Spieler der zweiten Liga.

2018 holte ihn Kiel aus der südkoreanischen K-League 1 an die Förde. Es war der Sommer, in dem der deutsche Fußball eine schmerzliche Erfahrung verarbeiten musste: das Vorrunden-Aus bei der WM in Russland. Lee Jae-sung hatte seinen Anteil daran. Er stand beim 2:0 der Südkoreaner im letzten Gruppenspiel gegen Deutschland in der Startelf.

Im Pokal-Halbfinale steht Kiel schon. Aber es könnte sogar noch besser kommen in dieser Saison. Am Montag trifft Holstein im direkten Aufstiegsduell auf den Hamburger SV, der auf Tabellenrang vier abgerutscht ist. Sollte Kiel gewinnen, hätte man sechs Punkte zwischen sich und den HSV gebracht. Nach der vorvorletzten Heldentat im Pokal, dem Sieg gegen die Bayern, verlor man prompt das nächste Heimspiel gegen den KSC. Vier Wochen später, nach dem Pokal-Achtelfinale in Darmstadt, machte Kiel es besser und gewann das darauffolgende Ligaspiel in Düsseldorf 2:0. Die Dynamik der vergangenen Wochen spricht sowieso für Holstein. In den sechs Spielen seit Beginn der Rückrunde holte Kiel 13 Punkte, beim HSV waren es sechs.

Lee Jae-sung wartet bislang mit einer Vertragsverlängerung in Kiel. Es halten sich Gerüchte, dass der HSV ihn im Sommer verpflichten will. Der Spieler selbst hat erklärt, dass er Holstein allenfalls dann verlässt, wenn er sich sportlich verbessern kann. Möglicherweise spricht das schon am Montagabend nicht mehr für den HSV als künftigen Arbeitgeber.