Wolfsburg-Profi Arnold vor Pokalspiel in Leipzig Den »Maxi« gibt es nicht mehr

Wolfsburg ist eines der Überraschungsteams der Liga. Nun trifft der VfL im Pokal auf Leipzig und setzt auf Maximilian Arnold. Er ist zum Schlüsselspieler geworden, weil ihm eine doppelte Wandlung gelungen ist.
Von Leonard Hartmann, Wolfsburg
Maximilian Arnold (vorn) im Zweifkampf mit Herthas Mattéo Guendouzi

Maximilian Arnold (vorn) im Zweifkampf mit Herthas Mattéo Guendouzi

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Swen Pförtner / dpa

Die Autofahrt von der Akademie des VfL Wolfsburg bis zum Trainingsplatz der Bundesliga-Mannschaft dauert etwa sieben Minuten. Aber auch diese kurze Zeit kann lang werden, wenn man sie als junges Talent mit einem erfahrenen Fußballer verbringt, der etwas zu mäkeln hat.

Als Maximilian Arnold im Alter von 17 Jahren regelmäßig zum Training des VfL-Bundesligateams unter Felix Magath geladen wurde, holte ihn der damals schon gestandene Profi Marcel Schäfer von der Akademie ab. Die gemeinsame Zeit im Auto nutzte der Nationalspieler nicht selten, um dem Jungen »klipp und klar zu erklären, was er besser machen kann«, wie sich Schäfer heute erinnert. »Das ist sicher auch mal unangenehm gewesen.«

Arnold war damals noch ein ziemlich schüchterner junger Mann. Aber seine fußballerischen Qualitäten sind trotzdem deutlich hervorgetreten. »Er hatte schon ein extrem gutes Passspiel, blieb in brenzligen Situationen unaufgeregt und machte wenige Fehler«, sagt Schäfer dem SPIEGEL. Die erzieherischen Maßnahmen von damals zahlen sich jedenfalls bis heute für Schäfer aus. Der 36-Jährige ist mittlerweile Sportdirektor beim VfL Wolfsburg, einem Klub, der gerade mit acht Partien ohne ein einziges Gegentor durch die Bundesliga rauscht, auf Platz drei steht und am Abend beim DFB-Pokal-Viertelfinale gegen den Tabellenzweiten RB Leipzig (20.45 Uhr/TV: ARD) Chancen auf das Halbfinale hat.

Einen nicht unwesentlichen Anteil an dieser für Wolfsburg erfreulichen Zeit hat Maximilian Arnold.

Mittlerweile ist der zentrale Mittelfeldspieler 26 Jahre alt. Gegen Leipzig wird Arnold sein 300. Pflichtspiel für den VfL bestreiten – kein aktueller Wolfsburger Profi hat mehr. Im 4-2-3-1-System von Wolfsburgs Trainer Oliver Glasner spielt er auf der Doppelsechs mit dem sehr zweikampfstarken Abräumer Xaver Schlager. Arnold gibt dort den unaufgeregten Ballverteiler. Mit 87,9 Prozent angekommener Zuspiele ist er nach Herthas Mattéo Guendouzi und Gladbachs Christoph Kramer der passsicherste Mittelfeldspieler der Liga .

Wolfsburg ist ein zwischen Angriff und Abwehr extrem gut ausbalanciertes Team. Keine Mannschaft hat in dieser Spielzeit weniger Gegentore kassiert (19 bei 23 Partien). Genauso oft zu null spielte nur Pokalgegner Leipzig (elfmal).

Für die Balance einer Mannschaft sind nicht selten die zentralen Mittelfeldspieler vor der Abwehr maßgeblich: Sie stabilisieren mit Passsicherheit sowie Stellungsspiel und sind gleichermaßen häufig die Profis, über die Umschaltmomente nach vorn initiiert werden. Arnold füllt diese Rolle beim VfL im Moment außerordentlich gut aus. »Er ist, und das meine ich positiv, ein Aggressive Leader, der unangenehm für den Gegner ist und immer gewinnen will«, schwärmte Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann vor der Pokalpartie und verriet, dass er Arnold selbst gern verpflichtet hätte: »Er war auch schon mal auf meinem Zettel, hat sich dann aber immer wieder zu einer Verlängerung entschieden. Ich glaube, er hat seine Heimat gefunden.«

Aber dafür musste Maximilian Arnold erst eine doppelte Wandlung durchleben: eine persönliche und eine sportliche.

»Er war auch schon mal auf meinem Zettel, hat sich dann aber immer wieder zu einer Verlängerung entschieden. Ich glaube, er hat seine Heimat gefunden.«

Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann über Maximilian Arnold

Unter Glasner als Trainer ist Arnold ein Schlüsselspieler. Unter Bruno Labbadia war er es auch. Doch davor in den Fast-Abstiegs-Jahren des VfL lief es unter den Trainern Martin Schmidt, Andries Jonker und Valérien Ismaël viel schlechter für ihn. Nach dem DFB-Pokalsieg und der Vizemeisterschaft 2015 ging es in Wolfsburg abwärts: Diesel-Gate im VW-Werk, Leistungsabfall und viele, viele personelle Fehleinschätzungen beim VfL. Großmannssucht und Missmanagement trafen auf fußballerische Stagnation und einen unausgewogen zusammengestellten Kader, was zwei Relegationsteilnahmen 2017 und 2018 zur Folge hatte. Mittendrin: Arnold, damals noch Anfang 20, der die Last des gesamten Vereins zu schultern versuchte, wie VfL-Sportdirektor Schäfer heute sagt.

Arnold (rechts) feiert nach seinem Tor gegen Bielefeld

Arnold (rechts) feiert nach seinem Tor gegen Bielefeld

Foto: INA FASSBENDER / AFP

»Daraus habe ich viel mehr gelernt als aus den erfolgreichen Spielzeiten. Ich habe realisiert, dass man sich nicht wegen allem verrückt machen darf«, sagt Arnold dem SPIEGEL. Er habe jetzt eine gewisse Ruhe gefunden. Bei diesem Reifeprozess habe ihm auch geholfen, dass er eine Familie gegründet habe. »Dadurch habe ich noch eine andere Verantwortung. Mich wirft so schnell nichts mehr aus der Bahn«, sagt Arnold. »Andere wären an dem Druck in der Relegationszeit vielleicht zerbrochen, Maximilian ist stärker geworden«, sagt Schäfer.

In dieser Phase trennte sich Arnold von einem ewigen Begleiter: dem Maxi. Er wollte fortan Maximilian oder Max genannt werden, Maxi klinge zu niedlich, zu kindlich, erklärte er damals.

Persönlicher und sportlicher Reifeprozess

Auch spielerisch entwickelte sich Arnold weiter. Als Talent war er ein offensiver Mittelfeldspieler. Über die Jahre wurde er von seinen Trainern immer weiter zurückgezogen ins defensive Mittelfeld. Dass jemand, der eigentlich ein Dribbler und Vorbereiter war, plötzlich in der neuen Rolle als Stratege aufblüht, hat man im Fußball schon öfter gesehen. Bastian Schweinsteiger ist dafür das Paradebeispiel. Und auch der Weltmeister von 2014 ließ seinen damaligen Spitznamen »Schweini« irgendwann hinter sich.

Für Arnold war es ein persönlicher und sportlicher Reifeprozess. Das bedeutet aber nicht, dass er an Torgefahr verloren hat. Sie stellt sich mittlerweile nur anders dar: Schon in der vergangenen Saison steuerte Arnold neun Vorlagen bei, oft durch Freistöße und Ecken. In dieser Spielzeit steht er bei fünf. Gegen Hertha am Wochenende schlug er einen Eckball so präzise, dass Maxence Lacroix zum 2:0 einköpfen konnte. In den vergangen zwei Spielzeiten gehörte er zu den besten Standardschützen der Liga.

Kurz vor der WM 2014 gab Arnold mit 19 bei einem Testspiel gegen Polen sein Debüt in der deutschen Nationalelf. Danach kam kein Spiel mehr dazu. In der U21-Auswahl war er zwar stets wichtig (23 Spiele). Aber für mehr reichte es nicht. Auf die Frage, ob eine Rückkehr in die Nationalmannschaft realistisch sei, antwortete Arnold zuletzt: »Wenn nicht jetzt, wann denn dann?« Unwahrscheinlich bleibt es wohl trotzdem, denn die Konkurrenz auf seiner Position ist zu groß. Aber dass Maximilian Arnold so offensiv an die Sache herangeht, zeigt, wie sehr er sich entwickelt hat.