Pokal-Niederlage gegen Hertha "Das war des FC St. Pauli wieder würdig"

Trainer Ewald Lienen hatte mit einer Wutrede seine Mannschaft unter Druck gesetzt - und sich selbst auch. Zwar schied der FC St. Pauli im DFB-Pokal gegen Hertha BSC aus, dennoch gab das Spiel dem Kiez-Klub neue Hoffnung.

Diskutierende St.Pauli-Spieler
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Diskutierende St.Pauli-Spieler

Aus dem Millerntorstadion berichtet


Er sprach im Flüsterton. Die wenigen Worte, die Ewald Lienen wählte, ergaben kaum einen vollständigen Satz. Der Coach des FC St. Pauli wippte auf seinem Stuhl, etwas nervös blickte er in die Journalistenrunde. "Wenn wir nicht reagiert hätten, dann müssten wir das Buch zuklappen", sagte der 62-Jährige mit sanfter Stimme und meinte damit wohl auch seinen Verbleib als Trainer der Kiez-Elf.

Nach dem 0:2 im DFB-Pokal gegen Hertha BSC ging es noch einmal um seine jetzt schon legendäre Wutrede. "Ich glaube, sie haben es begriffen", sagte Lienen etwas erleichtert über den Auftritt seines Teams, das dem Bundesliga-Dritten gerade ein leidenschaftliches Duell geboten hatte.

Es war Spiel eins nach dem Lienen-Ausraster. Einen Tag zuvor noch hatte der Coach seine Elf scharf kritisiert und ihr mangelnde Einstellung vorgeworfen. Es war beinahe eine öffentliche Vernichtung seiner Mannschaft, die in der zweiten Liga aktuell auf dem letzten Platz steht. Vier Minuten lang tobte der Trainer. Das Video zur Pressekonferenz ist in sozialen Netzwerken längst ein Hit und beinahe so kultverdächtig wie einst der Auftritt von Giovanni Trapattoni als Bayern-Trainer.

Sehen Sie hier die Wutrede im Video:

Angesichts der ernüchternden Situation beim Vorjahres-Vierten war die drastische Maßnahme wohl notwendig. Doch sie war auch mit Risiko verbunden. Denn wie würde eine noch so junge und verunsicherte Auswahl auf eine derart deutliche Kritik reagieren? Dass sie dem Druck nicht gewachsen sein und ihren Trainer und Klub erneut im Stich lassen könnte, war zumindest denkbar.

"Der Trainer hatte völlig recht"

Die Elf bestand den Charaktertest und stellte sich auch in den Dienst des Trainers, der nach der jüngsten Pleitenserie selbst unter Druck geraten ist. Schnörkellos, mit langen Pässen und ständigem Doppeln des Gegners spielte St. Pauli - so engagiert hatten die Fans ihr Team schon seit Wochen nicht mehr gesehen. Erst das Tor kurz vor der Pause durch Mitchell Weiser (42. Minute) ließ die Anhänger verstummen. "Der Trainer hatte völlig recht", sagte Verteidiger Christopher Avevor, nach der Partie angesprochen auf die Lienen-Kritik, und schob nach: "Jetzt müssen wir so weiterspielen." Torwart Robin Himmelmann sprach von "einem Schritt in die richtige Richtung". Das größte Lob kam abschließend vom Trainer. "Das war des FC St. Pauli wieder würdig", sagte er.

Am Ende stand aber auch eine Niederlage, die fünfte Pflichtspielpleite in Folge. Zum elften Mal in Serie war für den Klub zudem spätestens nach der zweiten Pokalrunde Schluss. Für eine furiose Pokalsaison wie einst im Jahr 2005/2006, als die Hamburger noch als Regionaligist bis ins Halbfinale vordrangen, unter anderem Berlin bezwangen und erst von Bayern München gestoppt worden waren, reicht es aktuell nicht.

Mitchell Weiser: Ein Mann für Bundestrainer Joachim Löw

Auch weil der Gegner Hertha BSC hieß. Die Mannschaft aus Berlin beeindruckt seit Wochen in der Bundesliga, zuletzt überzeugte das Team von Trainer Pál Dárdai im Top-Spiel gegen den 1. FC Köln, davor hatte Hertha beim BVB einen Punkt geholt. Berlin ist im Flow und darf sich durchaus zu den Spitzenteams der Liga zählen, den Nachweis dafür lieferte die Mannschaft beim Treffer zum 2:0. Das Tor zur Vorentscheidung fiel inmitten einer Drangphase der Hamburger. Als es im Stadion hektisch wurde, die Fans den Ausgleich ihres Team schon witterten, konterte Hertha den Gegner eiskalt über Weiser und Valentin Stocker aus (54.).

Besonders der umtriebige Weiser steht mit seiner Spielfreude stellvertretend für den Berliner Erfolg. "Kompliment an mein Team. Sie haben sich von der Euphorie im Stadion nicht anstecken lassen", sagte Dárdai, unter dessen Leitung die Hertha allmählich zu einer Pokalmacht reift. Nach dem Vormarsch im Vorjahr bis ins Halbfinale (0:3-Niederlage gegen Borussia Dortmund) träumen sie in der Hauptstadt diesmal vom ganz großen Wurf: dem Endspiel im Olympiastadion. Es wäre Premiere für die Hertha-Profis.

St. Pauli hingegen hat nun im Wochentakt sogenannte Endspiele im Abstiegskampf. Mit erst fünf Punkten nach zehn Partien brauchen das Team und sein Trainer dringend ein Erfolgserlebnis. Im tristen Liga-Alltag und im kommenden Spiel gegen 1. FC Nürnberg kann die Auswahl den Beweis antreten, dass sie die Worte ihres Trainers wirklich verstanden hat.



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jeepster 26.10.2016
1. ♪♪ ©2016
Das war okay. Danke.
sautreiber 26.10.2016
2. Und nu?
Wenn Hertha cool bleibt, dann kann diese Saison interessant werden.
hilfesteller 26.10.2016
3. Die Rückrunde wird kommen.
Und Platz 9 für Hertha.
franz.wirtz 26.10.2016
4. Erst 'mal abwarten ...
Ich mag's noch nicht glauben. Die sind noch nicht über'n Berg.
retterdernation 26.10.2016
5. Man weiß es nicht ...
was kommt - das macht es halt auch aus, dieser ungewisse Spiegel des Lebens im Fußball. Betrachtet man es rein vom Liga-Marketing, wäre ein starker Hauptstadtklub wünschenswert! Gleiches gilt für St. Pauli auf anderer Ebene. Wir werden es erleben, das was da noch im Ungewissen vor uns liegt ...
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