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18. April 2013, 09:51 Uhr

Stuttgarts Sieg über Freiburg

"Wir können alles, auch Berlin"

Aus Stuttgart berichtet

Die Erleichterung ist riesig in Stuttgart. Aber wie so oft jubeln im Club diejenigen am lautesten über den Einzug ins Pokalfinale, die der Mannschaft lange jede Unterstützung versagt haben. Trotz des Erfolgs ließ Trainer Labbadia seinem Ärger freien Lauf.

Sie tanzten und hüpften ausgelassen vor der Fankurve, bedankten sich bei den Anhängern, die ihren VfB Stuttgart bei dessen Halbfinal-Erfolg im DFB-Pokal über den SC Freiburg so laut angefeuert hatten, wie es das Stuttgarter Stadion seit seinem Umbau noch nicht erlebt hat. Die gegenseitige Zuneigung war an diesem Abend mehr als die ritualisierte Freude von Fußballprofis und deren Fans, die gerade ein erfolgreiches Spiel hinter sich gebracht haben. Es war, als sei da jemand aus dem Koma erwacht, einer, der merkt, dass er doch noch beide Arme und Beine bewegen kann.

2:1 (2:1) hatte der VfB gegen einen SC Freiburg gewonnen, der eine Halbzeit lang ordentlich mitgespielt, über 90 Minuten aber zu wenig gezeigt hatte, um den wild entschlossenen Stuttgartern den Sieg streitig zu machen. VfB-Kapitän Christian Gentner - "Ich könnte heute im Stadion übernachten" - war nach dem Schlusspfiff völlig gelöst, zum Interviewmarathon erschien er mit Torschütze Martin Harnik in einem T-Shirt mit der Aufschrift "Wir können alles, auch Berlin". Das Team habe losgelegt "wie die Feuerwehr", sagte Harnik, "jetzt wollen wir alles versuchen, um auch gegen die Bayern zu bestehen".

Labbadia lässt Frust freien Lauf

In völlig anderer Gemütsverfassung schien Bruno Labbadia zu sein. Der Stuttgarter Coach hatte schon kurz nach Spielende im Sender Sky gesagt, wie sehr ihm die negative Stimmung der vergangenen Monate zugesetzt hatte. "Ich bin mit der einen oder anderen Berichterstattung definitiv nicht zufrieden, weil wir seit zweieinhalb Jahren Probleme bewältigen müssen. Wir sind zweimal in die Europa League eingezogen, und man hat manchmal das Gefühl, es ist nur Dreck", sagte er.

Der Frust musste offenbar raus an diesem Abend, auch auf der Pressekonferenz. "Hier wird seit Monaten über alles gesprochen, nur nicht über den Sport. Und wenn, dann nur negativ", sagte Labbadia. Man habe die Abgänge des vergangenen Jahres kaum ersetzen können, trotzdem werde die Mannschaft an viel zu hohen Ansprüchen gemessen. "Tut mir leid, aber mit der Champions League kann ich momentan nicht dienen", sagte der Trainer. Selbst im Moment dieses großen Triumphs war sein Sarkasmus nicht zu überhören.

Man könnte es sich einfach machen und von der zweiten "Wutrede" des Bruno Labbadia nach seinem Ausraster im Oktober schreiben - obwohl er nicht ausrastet, sondern seinen Unmut in ganz sachliche Worte fasst. Einen Unmut, der sich über mehrere Wochen angesammelt hat. Es ist der Frust über ein Präsidium und einen Aufsichtsratsvorsitzenden, die in den letzten Monaten immer wieder von eigenen Fehlern ablenkten, indem sie Druck auf die Mannschaft ausübten, deren Schwächung sie zuvor angeordnet hatten.

Verschworen gegen Vorstand und Aufsichtsrat

Sie haben so eine Stimmung angefacht, die ziemlich grausam und kalt sein kann, wenn mal wieder ein Sündenbock gesucht wird. Die aber im Falle eines Erfolgs ebenso schnell wieder umschlagen kann.

Wozu diese Gemengelage geführt hat, wurde am Mittwoch deutlich: Der Druck hat Trainer, Manager und Spieler zusammengeschweißt. Die Mannschaft weiß, dass sie bei der sportlichen Leitung den Rückhalt besitzt, den ihr Vorstand und Aufsichtsrat so oft versagt haben.

Was ebenfalls deutlich wurde: Sowohl Labbadia als auch Bobic freuen sich auf die nahe Zukunft. Auf die nächste Saison, in der man "wieder in drei Wettbewerben antritt" (Labbadia), darauf, dass offenbar der ein oder andere Wunschspieler verpflichtet werden könnte. Und natürlich sind sie - auch wenn sie das mit keiner Silbe angedeutet haben - heilfroh, dass Präsident Gerd Mäuser seinen Rücktritt angekündigt hat. Der Mann hatte es geschafft, in wenigen Monaten Medien und Mitarbeiter fast unisono gegen sich aufzubringen. Seine Amtszeit endet am 3. Juni - zwei Tage nach dem Pokal-Finale.

VfB Stuttgart - SC Freiburg 2:1 (2:1)
1:0 Boka (10.)
1:1 Rosenthal (13.)
2:1 Harnik (29.)
Stuttgart: Ulreich - Sakai, Rüdiger, Niedermeier, Molinaro - Gentner, Boka - Harnik, Maxim (90.+2 Holzhauser), Traore (87. Okazaki) - Ibisevic
Freiburg: Baumann - Mujdza, Krmas, Diagne, Sorg (58. Santini) - Ginter, Schuster - Schmid, Daniel Caligiuri (84. Makiadi) - Rosenthal, Max Kruse
Schiedsrichter: Meyer
Zuschauer: 60.000
Gelbe Karten: Boka, Niedermeier, Molinaro - Mujdza, Diagne (2)

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