Verzicht aufs Heimrecht im Pokal "Wir sind Amateure, wir beklagen uns nicht"

Zur ersten Pokalrunde gehören winzige Arenen und olle Kabinen. Im Corona-Jahr ist das anders. Der Chef des MTV Eintracht Celle erklärt, warum kleine Vereine diesmal lieber bei den Profis antreten.
Ein Interview von Jan Göbel
So ähnlich wie hier bei Germania Halberstadt im DFB-Pokal vor einem Jahr hätte es auch bei Eintracht Celle gegen Augsburg ausgesehen - nicht aber im Corona-Jahr

So ähnlich wie hier bei Germania Halberstadt im DFB-Pokal vor einem Jahr hätte es auch bei Eintracht Celle gegen Augsburg ausgesehen - nicht aber im Corona-Jahr

Foto: Matthias Koch/ imago images / Matthias Koch

SPIEGEL: Herr Cohrs, die Nationalmannschaft ist für ein Länderspiel 250 Kilometer mit dem Flugzeug von Stuttgart nach Basel geflogen und geriet dafür in die Kritik. Wie reist der MTV Eintracht Celle zur ersten Runde im DFB-Pokal ins 650 Kilometer entfernte Augsburg?

Stefan Cohrs: Spieler, Trainerteam und der sportliche Leiter fahren mit Bussen. Alle sind im Vorfeld auf Corona getestet worden, so wie es seitens des DFB erforderlich ist. 32 Leute fahren mit. Die Vorstandsmitglieder fahren dem Team mit eigenen Fahrzeugen hinterher.

SPIEGEL: Der DFB rechtfertigte die Flugreise der Nationalelf unter anderem mit der Regeneration der Spieler, die im Bus oder Zug in Gefahr gewesen wäre. Wie schnell werden die Beine der Celler Spieler müde gegen den FC Augsburg?

Cohrs: Wir sind Amateure, wir beklagen uns nicht. Zwischendurch wird der Busfahrer mal anhalten, damit sich die Spieler die Beine vertreten können und wenn wir am Freitagabend in Augsburg angekommen sind, absolviert die Mannschaft noch ein abendliches Training, um die Müdigkeit aus den Beinen zu bekommen. Am Spieltag am Samstag sind wir dann bereit. Die Situation ist bestimmt nicht optimal, aber wir machen das Beste draus.

Stefan Cohrs ist seit 2018 Fußballabteilungsleiter beim MTV Eintracht Celle. Vorher war er bereits als Vorstandsmitglied für den Verein aus der Oberliga Niedersachsen tätig.

SPIEGEL: Ihr Klub spielt in der Oberliga, er ist ein Amateurverein und hätte gemäß der Pokalregeln Heimrecht gehabt. Warum hat Celle, wie fast alle anderen Amateurvereine in diesem Jahr, das Heimrecht an den Profiklub abgegeben?

Cohrs: Durch die Corona-Situation ist es so, dass man einen enormen Aufwand betreiben muss, um eine Veranstaltung durchführen zu können, wir hätten Sicherheitsabstände im Stadion gewährleisten oder Fieber messen müssen, all diese Dinge. Man sollte bedenken, dass wir uns hier im Ehrenamt engagieren, Fußball ist nicht unser Beruf. Also haben wir vor dem Druck der Auflagen und Sicherheitsbestimmungen entsprechend reagiert und das Heimrecht getauscht, wie fast alle anderen Amateurvereine auch. Ausnahme ist nur der SV Todesfelde aus der Nähe von Hamburg.

SPIEGEL: Man hört, bei diesem Verein soll mehr Geld zur Verfügung stehen, deswegen wolle man es mit dem Heimspiel durchziehen. Was hätte Ihr Verein mit einem Heimspiel überhaupt in dieser Zeit verdienen können?

Cohrs: Es wäre ein Verlustgeschäft geworden. Die Stadt Celle hätte uns ein Spiel vor 500 Zuschauern erlaubt, von dieser Zahl muss man noch Ordnungskräfte, Journalisten, Ehrengäste und so weiter abziehen. Wir hätten ungefähr 400 Karten verkauft, möglicherweise wäre dadurch ein überschaubarer Betrag zusammengekommen. Allerdings hätten wir auch Kosten gehabt: Die Schiedsrichter und der Sicherheitsdienst wollen Geld, Podeste für die Kamerateams hätten angeschafft werden müssen - das kostet alles, wir wären bestimmt bei 30.000 Euro gelandet.

SPIEGEL: Hätte man das nicht sogar verschmerzen können? Immerhin ist es das erste Pokalspiel einer Celler Mannschaft seit 23 Jahren und vom DFB gibt es eine Antrittsprämie.

Cohrs: Wir hätten aber nahezu bis zum letzten Tag vor dem Spiel nicht gewusst, ob wir überhaupt vor ein paar Hundert Zuschauern hätten spielen dürfen. Und wir mussten lange vorher entscheiden, wo tatsächlich gespielt wird. Vorher hat uns die Zuschauerzahl niemand versichern können, das Risiko ohne Fans hätte die ganze Zeit über uns geschwebt. Und dann wäre da noch der gewaltige Organisationsaufwand gewesen. Wir haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht, die Summe der unterschiedlichen Risiken hat schließlich zu dieser Entscheidung geführt.

So kennt man die Auftaktrunde im DFB-Pokal: Superstars zu Gast beim Dorfklub - Hier tritt Franck Ribéry im Jahr 2018 mit dem FC Bayern bei Drochtersen/Assel an

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Foto: Carmen Jaspersen/ dpa

SPIEGEL: Können Sie sich denn überhaupt freuen auf dieses Spiel?

Cohrs: So schade das alles ist, auch, dass unsere Fans nicht dabei sein können - ja, wir freuen uns schon. Es ist doch etwas Besonderes, bei einem Profiverein mal zu Gast zu sein. Für die Spieler ist es ein wahrscheinlich einmaliges Erlebnis, wir Vorstandsmitglieder bekommen im Stadion eine eigene Loge, von der wir das Spiel verfolgen können. Klar ist aber auch, dass sich die Spielregeln geändert haben. Im Pokal hat der Außenseiter zwar immer nur eine kleine Chance, aber jetzt wird es noch einmal schwieriger.

SPIEGEL: Über die lange Busfahrt haben wir bereits gesprochen. Was ist noch ein Nachteil?

Cohrs: Augsburgs Trainer Heiko Herrlich hat zum Beispiel im Interview gesagt, dass der Rasen jetzt so vorbereit, so geschnitten und bewässert wird, wie ihn seine Mannschaft braucht, damit Ball und Spiel schnell werden. Bei uns hätte es das nicht gegeben, bei den Amateuren sieht es auf dem Platz einfach anders aus. Das bringt den Profiklub leider in eine noch komfortablere Situation. Aber ich will jetzt keine Ausreden suchen und Augsburg hat uns im Vorfeld auch wirklich sehr unterstützt.

SPIEGEL: Hat der DFB-Pokal in dieser Situation noch seine berühmten eigenen Gesetze?

Cohrs: Immer! Wenn wir keine Chance hätten, würden wir nicht nach Augsburg fahren. Jedes Spiel muss erst mal gespielt werden. Ich möchte unsere Chance nicht in Prozenten beziffern, die sind ganz, ganz klein. Aber wir befinden uns nicht von vornherein auf der Verliererstraße. Vielleicht bleiben wir lange ohne Gegentor, vielleicht gehen wir überraschend in Führung, dann kommen andere Faktoren zum Tragen als das spielerische Potenzial und die Klasse eines Profiklubs, wie sie der FC Augsburg nun mal hat.

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