Pokal-Halbfinale beim HSV RB Leipzig ist das Team der Zukunft

Die Schlagzeilen der Saison gehören Bayern und Dortmund. Doch dahinter entwickelt sich Leipzig zum echten Widersacher der nächsten Jahre. RB scheint erwachsen geworden zu sein. Und Julian Nagelsmann kommt erst noch.

Wie kein anderer Verein in Deutschland kämpft RB Leipzig aufgrund seiner Gründungsgeschichte um Akzeptanz. Gegen Gladbach gab es zuletzt wieder diffamierende Plakate.
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Wie kein anderer Verein in Deutschland kämpft RB Leipzig aufgrund seiner Gründungsgeschichte um Akzeptanz. Gegen Gladbach gab es zuletzt wieder diffamierende Plakate.

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Rein von der Logik, wie Fußball in Leipzig funktioniert, muss es jetzt schon mindestens der Pokalsieg sein. Ansonsten stünde RB Leipzig im Schatten anderer Klubs der Stadt.

Zehn Jahre hat der VfB Leipzig nach seiner Gründung 1893 gebraucht, um seinen ersten Titel zu gewinnen: 1903 wurde er deutscher Meister. Zehn Jahre benötigte auch der 1. FC Lokomotive Leipzig, gegründet 1966. 1976 gewann Lok den FDGB-Pokal, den Pokal der DDR.

Der RasenBallsport Leipzig e.V. feiert am 19. Mai sein Zehnjähriges. Sechs Tage später wird in Berlin das DFB-Pokalfinale angepfiffen, und es ist wahrscheinlich, dass RB dann um den ersten Titel der Vereinsgeschichte spielen wird. Am Abend tritt das Team von Trainer und Sportdirektor Ralf Rangnick im Pokal-Halbfinale beim Zweitligisten Hamburger SV an (20.45 Uhr/Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ARD). Passiert da nichts Außergewöhnliches, wird Leipzig zum ersten Mal in ein Endspiel einziehen.

Und es ist zu vermuten, dass es mittelfristig nicht dabei bleiben wird. Denn RB hat sich heimlich zur Mannschaft der Stunde entwickelt - und birgt das Potenzial, zum Team der Zukunft zu werden.

Die vergangenen sechs Spiele hat RB alle gewonnen

Die Schlagzeilen dieser Saison gehören dem FC Bayern und Borussia Dortmund im ersten offenen Titelrennen nach sechs Jahren Bayern-Dominanz. Doch im Hinterland der Tabellenspitze hat sich Leipzig zu einer Topelf gemausert, die vielleicht sogar um die Meisterschaft hätte mitspielen können, wäre die Hinrunde weniger kompliziert verlaufen.

13 Spiele in Serie hat RB in der Bundesliga nicht verloren. Die vergangenen sechs Partien wurden allesamt gewonnen. Bei jedem Auswärtsspiel seit Weihnachten gingen die Leipziger als Sieger vom Platz. Mit 61 Punkten hat RB nun 14 Zähler mehr als zum selben Zeitpunkt der Vorsaison und nur einen weniger als 2016/2017, als man Zweiter wurde. "Wir reisen mit einem gesunden Selbstbewusstsein nach Hamburg", sagt Rangnick. Das ist durchaus berechtigt, weil der HSV seit fünf Spielen in Liga zwei auf einen Sieg wartet. Aber auch, weil Rangnicks Mannschaft erwachsen geworden ist. Und das in einer Übergangssaison, die nicht ohne Gefahr war.

Ralf Rangnick, Leipzigs Sportdirektor und Überbrückungstrainer
SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/REX

Ralf Rangnick, Leipzigs Sportdirektor und Überbrückungstrainer

Sich im Sommer 2018 vom erfolgreichen Trainer Ralph Hasenhüttl zu verabschieden, war riskant. Wunschnachfolger Julian Nagelsmann aus Hoffenheim sagte erst für Sommer 2019 zu, und so übernahm Sportdirektor Rangnick zur Überbrückung. Nach fünf Spieltagen aber stand RB nur auf Platz acht und hatte Probleme, sich Chancen zu erspielen.

Das lag einerseits daran, dass Rangnick viel rotierte. RB musste sich schon ab der zweiten Runde durch die Europa-League-Niederungen spielen, um in die Gruppenphase einzuziehen. Der Kader war für die Doppelbelastung zu dünn, weil die gewünschten Sommerzugänge aus dem RB-Kosmos, Tyler Adams (New York Red Bulls) und Amadou Haidara (Salzburg), erst im Winter kamen. Zudem fehlte nach dem 7. Spieltag mit Emil Forsberg ein Schlüsselspieler lange verletzt.

Rangnick balancierte das Team zwischen Offensive und Defensive aus

Doch Rangnick schaffte etwas, woran Hasenhüttl gescheitert war: Er balancierte das Team zwischen offensiver Euphorie und defensiver Widerstandskraft aus. Mit nur 23 Gegentoren stellt RB die beste Abwehr der Liga.

Führen die Leipziger erst einmal, gibt es zudem kaum noch etwas zu holen für den Gegner. Nur am 1. Spieltag gegen Dortmund (1:4) gaben sie in dieser Saison nach einer Führung noch Punkte ab. "Die Jungs machen alle mit gegen den Ball. Das ist der Schlüssel für unser Spiel. Es ist schwierig, gegen uns zu Torchancen zu kommen", sagt Rangnick.

Den jugendlichen Leichtsinn hat das Team abgelegt, und auch taktisch ist es gereift. Spielte RB unter Hasenhüttl oft in einem 4-2-2-2, hatte Rangnick schon in der Hinrunde sechs verschiedene Systeme aufgeboten. Zuletzt favorisierte er oft die Raute im Mittelfeld, aber auch eine Fünferkette kann Leipzig erfolgreich spielen wie beim 2:1 gegen Gladbach am Samstag.

Das alles hat aus der reinen Umschaltmannschaft ein kompletteres Team gemacht, das die Champions-League-Qualifikation so gut wie sicher hat. Und es verfügt dazu noch über spannende Talente: Adams und Haidara sind erst 20 und 21 Jahre alt, könnten aber schon zeitnah tragende Figuren werden. Mit Ibrahima Konaté (19) und Dayot Upamecano (20) hat RB zwei hochbegabte Innenverteidiger, mit Marcel Halstenberg und Lukas Klostermann zwei deutsche Nationalspieler als Außenverteidiger.

Leipzigs Nationalstürmer Timo Werner zieht es wohl zum FC Bayern
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Leipzigs Nationalstürmer Timo Werner zieht es wohl zum FC Bayern

Mehr Geld als andere Klubs hat RB zuletzt nicht ausgegeben: 65 Millionen Euro waren es in dieser Saison, bei Einnahmen von 73 Millionen. Schalke hat mit 62 Millionen Euro ähnlich viel investiert, der BVB sogar 90 Millionen (bei 114 Millionen Euro Einnahmen).

Nagelsmann verschiebt das Leistungslimit seiner Spieler

Stürmer Timo Werner wird Leipzig im Sommer mutmaßlich Richtung München verlassen. Nach Naby Keïta, der 2018 zum FC Liverpool verkauft wurde, zeigt das einerseits, dass RB im dritten Bundesligajahr schon zu einem Verein aufgestiegen ist, von dem Großklubs kaufen. Anderseits aber auch, dass es noch nicht reicht, Topspieler zu halten. Mit dem 19 Jahre jungen Brasilianer Matheus Cunha steckt schon ein möglicher Werner-Nachfolger im Kader.

RB Leipzig ist ein Verein, der aufgrund seiner Gründungsgeschichte wie kein anderer in Deutschland um Akzeptanz kämpft. Mit Nagelsmann kommt ein Trainer, der ihm zumindest sportlich neue Anerkennung verspricht. Der 31-Jährige hat in Hoffenheim bewiesen, dass er das Leistungslimit von Spielern verschieben kann: In dieser Saison zeigt sich das wieder einmal an Nico Schulz (der vom BVB umworben wird) und Ishak Belfodil.

Man stelle sich vor, was in der Leipziger Gemengelange mit einem solchen Trainer in Zukunft möglich ist. Vielleicht sogar ein Titel.



insgesamt 125 Beiträge
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Seite 1
bedenkentraeger2015 23.04.2019
1. Am HSV vorbei?
Führt heute Abend kein Weg - probiert es nächstes Jahr noch einmal, liebe Leipziger.
sachsenradar 23.04.2019
2. Rechtswidrige Vereinseigenschaft
Vereine, die einer Firma gehören (13 Mitglieder) und nur finanzielle Zwecke verfolgen, sind in Deutschland rechtswidrig. Sie gehören nicht ins Vereinsregister sondern ins Handelsregister. Das Amtsgericht Leipzig hat diesen Rechtsbruch toleriert. Keiner geht dagegen vor, da er die Anwälte von Mateschitz fürchtet. Soviel zum Rechtsstaat Deutschland. Und diese Firma soll die Zukunft des Vereinsfußballs sein? Rechtsbeugung hat keine Zukunft und keine Akzeptanz.
widower+2 23.04.2019
3. Möge der HSV gewinnen
Als Bremer bin ich nicht gerade verdächtig, besondere Sympathien für den HSV zu hegen, gegen "Rasenballsport" drücke ich aber selbst denen die Daumen.
neurobi 23.04.2019
4.
"Rein von der Logik, wie Fußball in Leipzig funktioniert, muss es jetzt schon mindestens der Pokalsieg sein." Dann hoffen wir mal, dass der Traum schon heute vorbei ist ... Wobei es für den HSV wohl wichtiger wäre mindestens 3 der verbleibenden Ligaspiele zu gewinnen, vor allem die Auswärts.
gnarze 23.04.2019
5.
Denke, dass es ein eindeutiges Ergebnis werden wird - so um die 4-1 für Leipzig. Da sollte man ganz realistische bleiben.
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