Spielmanipulation im Fußball Wie der Hoyzer-Skandal das Schiedsrichterwesen verändert hat

Die Neuauflage des Pokalspiels zwischen Paderborn und dem HSV erinnert an den größten Schiedsrichterskandal im deutschen Fußball. Robert Hoyzer brachte eine gesamte Gilde in Verruf - auch unseren Autor Alex Feuerherdt.

Robert Hoyzer verpfiff das Pokalspiel zwischen Paderborn und dem HSV im Jahr 2005 - die Hamburger schieden überraschend gegen den damaligen Außenseiter aus
Marc Koeppelmann/REUTERS

Robert Hoyzer verpfiff das Pokalspiel zwischen Paderborn und dem HSV im Jahr 2005 - die Hamburger schieden überraschend gegen den damaligen Außenseiter aus


Das Spiel liegt mehr als vierzehn Jahre zurück, vergessen habe ich es bis heute nicht. Es war eine Partie in der viertklassigen Oberliga Nordrhein zwischen dem Amateurteam eines Zweitligisten vom Niederrhein und einem Verein aus dem Kölner Westen im März 2005, mein erster Einsatz als Unparteiischer nach dem Bekanntwerden des Bestechungsskandals um den Schiedsrichter Robert Hoyzer. Die Begegnung ist hart, ich habe große Mühe, die Spieler unter Kontrolle zu halten. "Die letzte Akzeptanz erreichte er nicht", wird der Schiedsrichter-Beobachter später in seiner Bewertung schreiben. Er hatte recht.

Nach mehreren frühen Gelben Karten grätscht ein bereits verwarnter Spieler der Gäste kurz vor der Halbzeitpause seinen Gegner um. Als ich ihn mit Gelb-Rot vom Platz stelle, müssen ihn seine Mannschaftskollegen davon abhalten, mir an den Kragen zu gehen. "Was du hier pfeifst, ist das Allerletzte", brüllt er mich an. Beim Verlassen des Platzes dreht er sich noch einmal um. "Du Hoyzer!", ruft er in meine Richtung. Es ist das Signal für die vielleicht zwei Dutzend Fans, die den Kölner Klub begleitet haben: "Hoyzer, Hoyzer, Hoyzer", skandieren sie, zum ersten, aber nicht zum letzten Mal in diesem Spiel.

Zur Person
  • Stefanie Fiebrig
    Der Publizist Alex Feuerherdt ist Mitgründer und -betreiber von "Collinas Erben", einem Podcast, der sich mit der Schiedsrichterei beschäftigt. Zudem ist er seit 1985 selbst Schiedsrichter und hat Spiele bis zur Oberliga geleitet. Er ist seit Jahren verantwortlich für die Aus- und Fortbildung der Referees in Köln sowie Schiedsrichter-Coach im Fußballverband Mittelrhein. Als Experte tritt er regelmäßig in Radio- und TV-Sendungen auf.

Es war abzusehen, dass die Auswirkungen des Skandals nicht auf den Profibereich beschränkt bleiben. Robert Hoyzer brachte die gesamte Gilde in Verruf.

Unter den Referees war das Entsetzen groß, und es ging mit düsteren Vorahnungen einher. "Diese ganze Geschichte ist eine Steilvorlage für alle, die den Unparteiischen gerne etwas Schlechtes anhängen", schrieb Fifa-Schiedsrichter Markus Merk seinerzeit im "Kicker". Ähnlich reagierten viele Amateurschiedsrichter, die ich damals im Rahmen meiner Arbeit an einem Text für die Wochenzeitung "Jungle World" fragte, welche Folgen die Hoyzer-Affäre für sie selbst haben könnte.

"Nun werden sie einen nach jedem angeblich umstrittenen Pfiff des Betrugs bezichtigen", fürchtete beispielsweise ein Landesliga-Kollege, "vor allem, wenn er spielentscheidend war". Ein Unparteiischer aus der Kreisliga sagte: "In den unteren Klassen ist das noch schlimmer als in der Bundesliga, weil man das Gepöbel bei 50 Zuschauern besser hören kann als bei 50.000."

Statt "Schieber" wurde "Hoyzer" gerufen

Statt "Schieber" wurde nun vermehrt "Hoyzer" gerufen, nicht nur bei meinen Spielen. Der Name des Schiedsrichters, der für einen Plasmafernseher und knapp 70.000 Euro mehrere Partien verpfiff, dadurch seine Karriere aufs Spiel setzte und schließlich ins Gefängnis musste, wurde zum Synonym für vermeintlich schlechte Unparteiische. Der Ruf der Referees war an einem Tiefpunkt angelangt, und darunter litten viele. "Dieser Skandal beeinflusst mein Privatleben ebenso nachhaltig wie mein Berufsleben", schrieb mir einer, der als Assistent in der Bundesliga unterwegs war.

Im Profifußball ergriff der DFB Maßnahmen, die einen zweiten "Fall Hoyzer" unmöglich machen sollten. Die Einteilung der Schiedsrichter zu ihren Spielen etwa wird seither erst zwei Tage vor der jeweiligen Partie bekannt gegeben, um längerfristige Absprachen zwecks Manipulation zu verhindern. Die Unparteiischen werden nun regelmäßig auch unterhalb ihrer höchsten Spielklasse von neutralen Beobachtern begutachtet - sowie in der ersten Runde des DFB-Pokals, die zu Hoyzers aktiven Zeiten noch nicht observiert wurde. Im Rahmen des Coachingsystems werden die Referees eng von früheren Unparteiischen betreut.

Einen weiteren Skandal hat es nicht gegeben

Einen weiteren Bestechungsskandal mit einem Schiedsrichter im Mittelpunkt hat es in Deutschland seit 2005 nicht gegeben, es ist jedenfalls keiner öffentlich geworden. Die "Hoyzer"-Rufe wurden weniger und sind so gut wie gar nicht mehr zu hören. Die Fans skandieren längst wieder das so vertraute "Schieber, Schieber", wenn sie dem Schiedsrichter unterstellen, eine absichtliche Fehlentscheidung getroffen zu haben. Der Chef der Bundesliga-Referees ist mittlerweile Lutz Michael Fröhlich, er hat seinerzeit noch selbst im deutschen Oberhaus gepfiffen und war einer von vier Unparteiischen, die entscheidend zur Aufklärung der Causa Hoyzer beitrugen.

Manchmal ist der 14 Jahre alte Skandal aber doch noch Thema. Im August 2017, als Bundesliga-Schiedsrichter Manuel Gräfe - auch er gehörte 2005 zu den Aufklärern - dem "Tagesspiegel" ein Interview gab, in dem er überraschend seinen Schiedsrichterkollegen Felix Zwayer anging. Dieser war bei einer Spielmanipulation von Hoyzer als Assistent dabei, hatte Geld von ihm angenommen und den Vorfall nicht gemeldet, weshalb er vom DFB für sechs Monate gesperrt wurde.

Das Urteil gegen ihn wurde erst 2014 bekannt, der Verband hatte es nicht veröffentlicht. Für Gräfe ein Grund, um Zwayers Eignung als Schiedsrichter und dessen Förderung (Zwayer kommt heute in Topspielen zum Einsatz; zuletzt pfiff er das DFB-Pokal-Finale 2018) durch bestimmte Schiedsrichter-Funktionäre zu hinterfragen.

Die Pokalpartie des SC Paderborn gegen den Hamburger SV, die Robert Hoyzer im August 2004 so übel manipulierte, erfährt heute Abend (18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky) eine Neuauflage. Diesmal pfeift sie Tobias Welz, ein 41 Jahre alter Polizist, der seit neun Jahren Bundesliga-Schiedsrichter ist. Der DFB schickt zur Viertelfinalpartie einen seiner erfahrensten Unparteiischen. Robert Hoyzer arbeitet derweil für ein Online-Preisvergleichsportal, hat nichts mehr mit Fußball zu tun. Und das ist besser so.



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kaischek 02.04.2019
1. Hoyzer Rufe vom Spielfeldrand
Das Problem im Amateurfußball heißt nach meinen Erfahrungen nicht Robert Hoyzer. Es sind einfach üble Manieren und mangelnde Impulskontrolle der Zuschauer am Spielfeldrand. Die grundsätzliche Akzeptanz des Umstandes, dass sich ein Schiedsrichter irren kann, wird von Verschwörungsfantasien verdrängt - selbst im Jugendfußball. Wenn ich als Zuschauer aufmerksam den Gesprächen am Rand zuhöre, komme ich zu dem Ergebnis, dass wir immer mehr die Fähigkeit zur Selbstreflexion verlieren. Robert Hoyzer ist nicht die Ursache dafür. Er ist nur ein willkommener Anlass für unreflektierte Deppen unter den Zuschauern.
DerAndereZauberer 02.04.2019
2.
Wie viele echte Fussballfans würde ich die Schiedsrichter dabei unterstützen, entsprechend der Regeln endlich mal grausam gelbe Karten zu verteilen. Schwalben, Meckerei, die ganze Schauspielerei-Trickkiste der "Profis"... das alles nervt, wenn man ein Spiel sehen will und kein Schauspiel. Kann man nur durch Karten in den Griff kriegen. Die Profis sind lernfähig und stellen sich schneller um als man so denkt! Was starke Schiedsrichter bringen, sieht man doch in fast jeder anderen (Ball)sportart. Und wie ein Video-Beweis funktioniert, zeigen uns auch Tennis (z.B. festgelegte Anzahl "Challenges" bei den Profis) und NBA Basketball (umfangreiche Video-Überwachung, viele Kameras, Schiedsrichter nehmen sich die Zeit die es braucht). Muss man halt wollen. Starke Schiedsrichter mit klarem Durchgriff und Technik-unterstützten klaren Entscheidungen wären hilfreich für deren Unangreifbarkeit (und eben als Unparteiische) ... und auch für den Sport an sich. Wer sich halbwegs sicher sein kann, mit seinem Trick eben NICHT durchzukommen sondern ziemlich sicher die verdiente Gelbe Karte abholt ... der lässt es halt. Heute geht's andersrum.
KJP 02.04.2019
3. Volle Zustimmung
Sehr lobenswerter Beitrag. Ich habe oft mit Lutz Wagner diskutiert, damals noch Kehrwart des Hessischen Fußball Verbandes und BL -SR. Einer, der geradeheraus Handelt und sich reflektiert. Fazit: Als SR, egal welche Klasse, lernst du für das Leben. Es ist eine fördernde, aber auch spaßige Aufgabe!
social_d 02.04.2019
4. Es bleibt
Es bleibt ein übler Nachgeschmack, auch wenn Vorsichtsmaßnahmen getroffen worden, die einen solchen Fall wie damals verhindern sollen. Es gab nach dem Spiel schon Hinweise von Hamburger Spielern, dass bei dem Spiel etwas nicht ganz koscher gelaufen ist, aber diesen Hinweisen wurde von Seiten des DFB nicht nachgegangen. Dabei handelte es sich nicht um Aussagen enttäuschter Verlierer, sondern irritierten Paderbornern. Ein guter Sportlehrer aus meiner Schulzeit, der selber Oberliga Pfeifen durfte, sagte damals, dass man es mit guter Leistung bis zur Oberliga schafft, darüber hinaus geht es nur mit sehr guten Beziehungen. Wenn ich heute sehe, dass dort Schiedsrichter auf dem Platz stehen, die Mitte 20 sind und promoviert, dann frage ich mich schon wie bei einer solchen strammen Hochschulkarriere auch noch Zeit für eine solche sportlich Karriere bleiben kann.
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