DFB-Pokal Wintermärchen am Millerntor

Der FC St. Pauli hat bewiesen, dass man nur mit großem Kampf auf einem Platz gewinnen kann, der eigentlich unbespielbar ist. Der Regionalligist schlug im Viertelfinale des DFB-Pokals Werder Bremen und steht im Halbfinale. Werder ist erzürnt, dass diese Partie überhaupt stattgefunden hat.


Hamburg - Der Hamburger Regionalligaclub schlug den haushohen Favoriten Bremen mit 3:1 (1:1) Toren. Michel Mazingu-Dinzey brachte St. Pauli nach zehn Minuten in Führung, Johan Micoud traf zum Bremer Ausgleich (27.). Doch Fabian Boll (59.) brachte die Hamburger abermals in Führung, die ausgerechnet der ehemalige Bremer Timo Schultz zum 3:1 ausbauen konnte (65.). Die Chance auf den Anschlusstreffer für Bremen vergab Nationalspieler Tim Borowski, der mit einem Foulelfmeter an St. Pauli-Torwart Achim Hollerieth scheiterte. Borowskis Kollege Nelson Valdez drosch den Nachschuss am leeren Tor vorbei (78. Minute).



St. Pauli hielt dieses 3:1 bis zum Abpfiff - und dann brach im vollbesetzten Stadion am Millerntor ein Jubelsturm los. Das Erreichen des Halbfinals bedeutet für den wirtschaftlich stark angeschlagenen Regionalligaclub den größten Erfolg in der Vereinsgeschichte. "Wir wussten, dass wir es schaffen können", sagte später Torschütze Boll, "und das Wunder ist wahr geworden. Jetzt ist alles möglich."

Bis kurz vor Anpfiff war unklar, ob die Partie überhaupt stattfinden konnte, denn Schnee und Eis hatten den Rasen im Stadion am Millerntor eigentlich unbespielbar gemacht. Schiedsrichter Felix Brych entschied sich erst vier Stunden vor dem Anpfiff zur Austragung der seit Wochen ausverkauften Partie.

Während die Hamburger mit diesem Beschluss einverstanden waren, konnten die Bremer diese Entscheidung nicht nachvollziehen. "Ich habe kein Verständnis für den Anpfiff", schimpfte der Bremer Trainer Thomas Schaaf. "Wenn wir seriös Fußball spielen wollen, dann dürfen wir so etwas nicht machen", sagte Werder-Geschäftsführer Klaus Allofs in der Pause.

Bremen kündigt Protest an

Richtig in Rage geriet Schaaf nach der Partie, die Werder-Stürmer Miroslav Klose nach einer Schulterverletzung nicht beenden konnte. Der Nationalstürmer zog sich diese Blessur nach einem Zweikampf mit St. Paulis Fabio Moreno zu und wurde für Valdez ausgewechselt.

Schaaf befürchtet für Klose eine Pause von drei Monaten. Das hieße, dass Deutschlands derzeit treffsicherster Stürmer schlimmstenfalls auch bei der WM geschwächt an den Start gehen würde. "Dieser Unfall ist durch den Boden herbeigeführt worden. Es war verantwortungslos, dieses Spiel anzupfeifen", schimpfte Schaaf und fügte an, dass Werder beim Deutschen Fußball-Bund gegen die Austragung schriftlich protestieren werde. "Die Personen, die in der Verantwortung stehen, müssen sich Gedanken machen."

St. Paulis Trainer Andreas Bergmann gab später zu, "dass die Bodenverhältnisse uns in die Karten gespielt haben. Und in der Halbzeit haben wir gespürt, dass heute bei uns etwas geht."

Frankfurt mit spätem Erfolg

Mit 3:1 (1:1) Toren gewann auch Eintracht Frankfurt beim TSV 1860 München und steht damit nach 13 Jahren wieder in der Vorschlussrunde des Pokals, deren Begegnungen am kommenden Samstag im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF ausgelost werden. Francisco Copado (20. Minute), Ioannis Amanatidis (78.) und Alexander Meier (90.+2) trafen für Frankfurt, Stefan Reisinger hatte die Münchner zuvor in der zehnten Minute in Führung gebracht.

München wurde noch nicht vom neuen Trainer Walter Schachner betreut, Interimscoach Bernhard Trares war für das Team zuständig. Und das ging durch Stürmer Reisinger in Führung, der seit seinem Wechsel von Wacker Burghausen im Sommer bislang noch gar nicht für die "Löwen" getroffen hatte.

Die Frankfurter kamen durch Copado nach einem Konter zum verdienten Ausgleich. Christoph Preuß hatte den Stürmer mit einem Flachpass von der rechten Seite bedient. Amanatidis und Meier sorgten kurz vor Ende der Partie per Kopf für die Entscheidung in einer temporeichen und intensiv geführten Pokalpartie. "Der Sieg war unterm Strich verdient", sagte Funkel und vergab ein "Riesenkompliment" an die Sechziger.

Für München sei der Ausgleich zu früh gefallen, klagte dagegen Interimstrainer Trares. "Für uns ist es schade, dass wir rausgeflogen sind. Die Mannschaft hätte für ein positives Feeling sorgen können."

Hain sichert Bielefeld den Sieg

Arminia Bielefeld hat dank Mathias Hain zum zweiten Mal in Folge das Halbfinale im DFB-Pokal erreicht. Der Torwart der Ostwestfalen bewahrte beim 4:2 des Fußball-Bundesligisten im Elfmeterschießen gegen die klassentieferen Kickers aus Offenbach die Nerven und hielt die Schüsse von Thorsten Judt und Stephan Sieger. Nach regulärer Spielzeit und Verlängerung hatte es 1:1 (1:1, 1: 1) gestanden. Bielefeld zeigte große Moral und siegte trotz eines Rückstands und fast neunzigminütiger Unterzahl.

Offenbach, Tabellenfünfzehnter der zweiten Liga, war durch einen Foulelfmeter von Judt in der 26. Minute in Führung gegangen. Die nach einer Roten Karte gegen Marcio Borges (Notbremse) vor dem Elfmeter dezimierten Bielefelder schlugen jedoch nur siebzig Sekunden später durch Isaac Boakye zurück.

Ab der 116. Minute mussten auch die Kickers mit zehn Spielern agieren, weil Daniel Schumann nach wiederholtem Foulspiel "Gelb-Rot" sah. Das Spiel fand unter äußerst schwierigen Bedingungen statt. Zwar hatte Bielefeld bereits seit Montag die Rasenheizung angestellt und sich diese Sondermaßnahme etwa 30.000 Euro kosten lassen, dennoch war der Boden hart und von einer dünnen Schneedecke überzogen.

Neuer Trainer in Offenbach

"Das waren heute 100 Jahre Leidenschaft im Schnelldurchlauf von 120 Minuten", sagte der Bielefelder Trainer Thomas von Heesen in Anspielung auf das 100-jährige Vereinsjubiläum. Sein Offenbacher Interimskollege Steffen Menze war stolz auf sein geschlagenes Team. "Wir können erhobenen Hauptes nach Hause fahren und müssen das Selbstbewusstsein mit dem neuen Trainer jetzt in die Liga übertragen."

Dieser neue Trainer ist Wolfgang Frank, wie der Club nach der Partie bestätigte. Frank war zuletzt beim rumänischen Erstligaclub Farul Constanta beschäftigt, davor trainierte er Sachsen Leipzig, Unterhaching, den MSV Duisburg, Mainz 05 und Rot-Weiß Essen.

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