DFB-Pokalfinale Beschwörung eines Abgangs

Geht er oder bleibt er? Gestern, im DFB-Pokalfinale, ging Ailton - nach 70 Minuten vom Platz. Doch die Auswechslung des Schalker Stürmers und seine abfällige Handbewegung Richtung Trainerbank fachten die Diskussion erneut an. Ralf Rangnick muss aber wohl weiter mit dem launischen Brasilianer planen, wenn auch zähneknirschend.

Von Peter Unfried, Berlin


Geschlagene Schalker, Trainer Rangnick (M.): Klare Nummer 2
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Geschlagene Schalker, Trainer Rangnick (M.): Klare Nummer 2

Berlin - Die Konfettireste im Berliner Olympiastadion sind definitiv rot, den Weltrekord im 100-Meter-Sprint mit Weißbierglas hält seit Samstag Nacht der bayerische Siegtorschütze Hasan Salihamidzic, und Bayerns Felix Magath geht als Double-Gewinner 2005 in die Trainergeschichte ein. Doch auch die Saisonbilanz des Schalker Trainers Ralf Rangnick ist trotz des mit 1:2 verlorenen DFB-Pokalfinales ziemlich positiv. "Zweimal Zweiter", sagt Rangnick, "viel besser gehts nicht." Bitte: "Als wir angefangen haben, war Schalke 15. Heute sind wir die klare Nummer 2 in Deutschland." Stimmt: Und Meister und Pokalsieger FC Bayern München ist die klare Nummer 1.

Was soll man also über das Pokalfinale selbst große Worte machen? Ja, Salihamidzics Siegtor war wohl Abseits, Lincolns Ausgleich (45.) fiel durch einen unberechtigten Strafstoß, und auch ansonsten wurde noch einiges fehlentschieden, aber zugunsten Schalkes. Lassen wir deshalb die Schiedsrichter um Florian Meyer galant außen vor. Die bessere Mannschaft hat gewonnen. Das ist gut. Die Besseren waren die Bayern. Das wird nun nicht jedem gefallen, aber widersprechen wird keiner. Auch - und gerade - Rangnick nicht.

Er hat schon gestern Nacht im Olympiastadion nicht mehr zurück-, sondern nach vorn geblickt. Als er im vergangenen Herbst anfing, übernahm er einen Kader, der von und für Vorgänger Jupp Heynckes zusammengestellt war. Dass Rangnick damit so weit kam, kann zweierlei heißen: 1. Der Kader ist extraordinär. 2. Rangnick ist extraordinär.

These 1 war zumindest im Pokalfinale nicht zu erhärten. "Man hat gesehen", sagt auch Rangnick, "dass wir auf der einen oder anderen Position Probleme haben." Zwölf, dreizehn Spieler glaubt er zu haben, mit denen man was erreichen könne. Um aber demnächst "länger als sechs oder sieben Monate mit den Bayern mithalten zu können", will er die Probleme "ausmerzen".

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Dafür hat er bereits zwei wichtige Neuzugänge gefunden, zwei "Sechser", wie er sie nennt, also zentrale Organisierer im defensiven Mittelfeld: Fabian Ernst (Werder Bremen) und Zlatan Bajramovic von Absteiger Freiburg. Dazu sucht er unter anderem: "Einen rechten Verteidiger". Und zwar einen, "der auch rechter Verteidiger spielen will." Im Gegensatz zu Oude Kamphuis, der kann, aber nicht will.

Rangnick, nur falls das einer vergessen hat, spielte in Ulm schon erfolgreich Systemfußball, als Erich Ribbeck Lothar Matthäus und die Position des Libero in der Nationalmannschaft reanimierte (ohne Erfolg, versteht sich). Es wird das spannendste Ding der kommenden Saison sein: Zu sehen, was rauskommt, wenn er für sein Konzept vom Fußball zumindest teilweise eigenes Personal rekrutiert hat.

Ailton, Sagnol beim Rettungseinsatz: Gut gearbeitet
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Womit wir unweigerlich bei Ailton Goncalves da Silva wären. Ob er mit "ausmerzen" auch seinen traditionell umstrittenen brasilianischen Stürmer meine, fragte man ihn. Worauf Rangnick die Hände vor die Brust verschränkte, Luft holte und nach einer Kunstpause ein "nein" herauspresste. Dann sagte: "Es geht nicht darum, was wir möchten, es geht darum, dass der Spieler Vertrag hat." Und zwar bis 2006. Es sei denn? "Es sei denn, es kommt jemand, der das ändern möchte." Das sagte er mehrfach, bis es wie eine Beschwörung klang.

Oder ist eine spektakuläre Katharsis denkbar? "Toni sagt immer: Nichts mehr Showtime", sagt Rangnick, "Aber dann trägt er selbst dazu bei, dass es sie doch gibt." Im Übrigen habe er Schalke ja schon einmal verlassen wollen, "aber dann war es zwei Tage später wieder anders."

Und wenn Ailton anruft, und ganz ernsthaft um ein Gespräch bittet? "Toni", sagt Rangnick, "hat noch nie bei mir angerufen." Wer da raushört, dass er Ailton behalten will, glaubt wohl auch an die Fortsetzung der rot-grünen Koalition nach der Bundestagwahl. Es klingt eher, als ahne Rangnick, dass weit und breit keiner ist, der ähnliche Gehälter zu zahlen bereit ist wie Schalke.

Abgang Ailtons: Nchts mehr Showtime
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Der Trainer will, das ist ziemlich offensichtlich, für die Champions League noch einen Stürmer, und zwar einen, der das Spiel gegen den Ball und überhaupt mehr mitmacht. In Berlin nahm Rangnick Ailton nach 71 Minuten vom Platz. Doch, doch er habe "gut gearbeitet". Das ist freundlich formuliert. Andere meinten, Ailtons beste Szene sei gewesen, als er die nach einer Stunde plötzlich losspritzende Rasenbewässerung stoppen wollte - auch das ohne Erfolg.

Allerdings brachte Schalke ihn und seine Schnelligkeit auch - mit einer Ausnahme - nicht ins Spiel. Schlimmer: Oliver Kahn mußte de facto keinen schwierigen Ball halten. Nun muss man sagen, dass Bayerns Defensive - mit Demichelis vor der Abwehr - schon richtig gut arbeitet. Spektakulärste Erkenntnis des Abends ist dennoch der Klassenunterschied zwischen Schalkes Stürmern - und Bayerns Angreifer Roy Makaay. Es heißt manchmal, er tauche phasenweise ab. In Wahrheit taucht er immer auf, wenn es relevant wird.

Und er macht, zumindest offensiv, praktisch keine Fehler. Die Entschlossenheit, mit der er das 1:0 schoss (42.), die Ruhe und Präzision, mit der er Salihamidzics 2:1 (73.) vorbereitete; wie er Bälle ablegt, weiterleitet, wie er in den letzten drei Minuten bei immer noch 30 Grad Celsius nach vorn und nach hinten sprintete: Er selber nennt so etwas bekanntlich "normal", aber das Gegenteil ist der Fall. Das ist nicht normal, das ist Weltklasse. Selbst Schalkes Keeper Rost findet, dass Makaay "schon überragend" ist.

Bayern-Stürmer Makaay: Das ist Weltklasse
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Insofern hat Felix Magaths Team der Zukunft klarere Konturen: Es wird im Wesentlichen das jetzige sein, angeführt von Makaay und dem in Berlin ebenfalls starken Michael Ballack. Magath ist der erste Bayern-Trainer seit Branco Zebec (1969), dem in der ersten Saison das Double gelang. Das ist was für die Bücher. Für Magath zählte in Berlin, "dass sich die Mannschaft als professionalle dargestellt hat." Das sei "vielleicht auch das, was sie in diesem Jahr ausgezeichnet hat", also sein Fazit der Saison. Wie weit das reicht, wird sich zeigen. Franz Beckenbauer hat schon gedroht, man erwarte "immer eine Steigerung". Der Mensch sei so. Speziell der Beckenbauer.

Auf einen wird Magath künftig verzichten müssen. Der eingewechselte Siegtorschütze Hasan Salihamidzic kippte um des offenbar vorgeschriebenen Rituals willen Bier über Manager Hoeneß und Unternehmenschef Rummenigge. Daraufhin, so erzählt es Salihamidzic, "sagte der Rummenigge, du kriegst eine Abmahnung und wirst verkauft." Ein Witz, sicher. Aber falls nicht, kann Rummenigge bei Schalke anrufen: Die haben da so einen Stürmer und würden ihn bestimmt liebend gern eintauschen.



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