DFB-Pokalsensation St. Paulis Gespür für "B"

Nach Burghausen, Bochum und Berlin nun Bremen: Der FC St. Pauli hat mit dem Einzug ins DFB-Pokalhalbfinale Geschichte geschrieben. Jetzt hoffen die Hamburger auf ein weiteres "B" auf dem Weg nach Berlin. Bei Gegner Bremen tobten die Verantwortlichen vor Wut.

Von


Hamburg - "Unser Sicherheits-Chef und der Elektriker stehen kurz vor dem Zusammenbruch", verkündete Stadionsprecher Knut Friedemann, als er um 20.04 Uhr endlich den schneebedeckten Rasen des FC St. Pauli betreten konnte. Ein Stromausfall hatte das halbe Stadion in eine Geisterbahn verwandelt, die Polizei war kurz davor, das Spiel gar nicht erst stattfinden zu lassen. "25. Januar, Viertelfinale im D-F-B-Pokal - Da fiel Bremen", kündigte Friedemann an - und sollte Recht behalten.

Fotostrecke

9  Bilder
Pokalsensation St. Pauli: Schneefälle und Schneebälle

Während die VIPs ihre Bockwurst aufgrund des Stromausfalls lauwarm genießen mussten, liefen sich auf dem lausigen Rasen am Hamburger Millerntor elf Spieler für eine Sensation warm. "Wenn man Spaß haben will, kann man das machen, wenn man seriös sein will, kann man ein Spiel unter solchen Bedingungen nicht anpfeifen", grollte Werder-Manager Klaus Allofs.

Dreimal hatte eine Platzkommission das Spielfeld begutachtet, am Nachmittag dann das Okay gegeben. Bei einem restlos ausverkauften Stadion und einer Live-Übertragung im Fernsehen, für die allein 180 ARD-Journalisten akkreditiert waren, wunderte es hingegen so recht niemanden, dass das Spiel unter widrigsten Bedingungen angepfiffen wurde.

Spaß hatte Allofs Mannschaft an diesem Abend in der Tat nicht. St. Pauli spielte von Anfang an ihre Taktik aus den frühen neunziger Jahren: den Ball einfach hoch nach vorn - irgendwer wird ihn schon bekommen.

Der erste Nutznießer war Michel Dinzey. Der Kongolese, der in der vergangenen Saison intern bereits als ausgemustert galt, traf in der zehnten Spielminute aus kurzer Distanz zum 1:0 für die Gastgeber. Seit einem halben Jahr spricht der 33-Jährige Ex-Profi von 1860 München und Hertha BSC nicht mehr mit der Presse und lässt stattdessen Tore sprechen. Den 19.800 Zuschauern im seit Wochen ausverkauften Millerntor gefiel es. Bremens Stars wirkten im Hamburger Schneetreiben oft desorientiert. Nationalspieler Torsten Frings lag mehr auf dem Boden, als dass er spielte, sein DFB-Kollege Patrick Owomoyela, gebürtiger Hamburger und Schmuddelwetter gewohnt, hatte einen ganz schweren Stand bei "Hamburg on ice".

Schlechte Nachrichten für Jürgen Klinsmann

Fast überraschend fiel das 1:1 durch Micoud, über das sich die Bremer nicht lange freuen konnten: In der 42. Minute musste Nationalstürmer Miroslav Klose, der bis dahin kaum aufgefallen war, mit einer Schulterverletzung nach einem Zweikampf mit St. Paulis Kapitän und Abwehrchef Fabio Morena den Platz verlassen. Diese unschöne Szene nahm Werders Coach Thomas Schaaf zum Anlass, nach dem Spiel Dampf abzulassen: "Dieser Unfall ist durch den Boden herbeigeführt worden. Es war verantwortungslos, dieses Spiel anzupfeifen", schimpfte Schaaf und fügte an, dass Werder beim DFB gegen die Austragung schriftlich protestieren werde. "Die Personen, die in der Verantwortung stehen, müssen sich Gedanken machen."

Hätte sich der Bremer Übungsleiter doch besser Gedanken um die Einstellung seiner Mannschaft gemacht, denn diese stimmte vorne und hinten nicht. Der ehemalige St. Paulianer Ivan Klasnic, der von den Fans des Gastgebers vor dem Anpfiff einen herzlichen Empfang erhielt, entpuppte sich ebenso als Schönwetterspieler wie die meisten seiner Mitstreiter. Kein Wunder, dass unter den Anhängern des FC St. Pauli zur Halbzeit eine ukrainische Großstadt die Diskussionen dominierte: "Wo liegt eigentlich Dnjepropetrowsk", fragte stellvertretend ein angeheiterter Fan im Totenkopf-Pullover.

Transparent eines St. Pauli-Fans: Über "B" nach Europa
DDP

Transparent eines St. Pauli-Fans: Über "B" nach Europa

Was danach in den zweiten 45. Minuten folgte, ist nicht nur Geschichte, sondern auch der größte sportliche Erfolg in der Historie des Stadtteilvereins. Der ausgebildete Polizist Fabin Boll (59.) und Spielmacher Timo Schultz (65.) erhöhten auf 3:1 und lösten damit grenzenlose Euphorie beim braun-weißen Anhang aus: "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin", schallte es durch das marode Stadion. Ganz nebenbei hatte sich der finanziell angeschlagene Club zu diesem Zeitpunkt selbst saniert. Denn der Einzug ins Halbfinale bedeutet gleichzeitig eine garantierte Einnahme von einer Million Euro, exakt die Summe, die der Verein dem Hamburger Finanzamt aufgrund nicht bezahlter Umsatzsteuer schuldet.

Spätestens als Nationalspieler Tim Borowski in der 78. Minute einen Elfmeter vergab, war nicht nur für Torhüter Achim Hollerieth klar, "dass nichts mehr passiert". "Die Bodenverhältnisse haben uns in die Karten gespielt. Wir haben allerdings auch alles dafür getan, um erfolgreich zu sein", sagte St. Paulis Trainer Andreas Bergmann nach dem Spiel.

Für die Fans ist der Erfolg mehr als eine Mischung aus Kampfkraft und Fußball. Sie glauben fest an die "B-Regel": Nachdem bereits Burghausen, Bochum, Berlin und Bremen am Millerntor aus dem Pokal geworfen wurden, wünscht sich der Anhang jetzt ein Team aus Ostwestfalen: "Im Halbfinale schlagen wir Bielefeld und dann im Finale die Bayern", fabulierte ein St. Pauli-Fan mit heiserer Stimme. Da der FC Bayern nahezu sicher in der Champions League spielt, würde ein Einzug ins Finale die Teilnahme am Uefa-Cup bedeuten - der Traum von Dnjepropetrowsk könnte ganz schnell Wirklichkeit werden.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.