Keller-Rücktritt als DFB-Präsident Das gescheiterte Experiment

Fritz Kellers Zeit als DFB-Präsident geht nach 20 Monaten zu Ende. Es war eine unglückliche, erfolglose Amtszeit. Das System DFB hat er nicht verstanden, seine Versuche, es zu ändern, haben mehr zerstört als aufgebaut.
Ex-Präsident Fritz Keller

Ex-Präsident Fritz Keller

Foto: Pressefoto Rudel/Robin Rudel / imago images/Sportfoto Rudel

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An diesem Tag des Rücktritts von Fritz Keller geht der Blick zurück auf einen sonnigen Septembertag im Vorjahr auf der Terrasse von Kellers Weingut mit Blick auf die Weinberge am Kaiserstuhl. Der DFB-Präsident hatte die Medien dorthin eingeladen, es sollte ein gegenseitiges Kennenlerntreffen sein.

Keller hatte seinen Freund, den Kabarettisten Matthias Deutschmann, für einen kleinen Auftritt dazugebeten. Deutschmann kalauerte sich ein wenig durch die DFB-Geschichte, witzelte über den einen oder anderen Vorgänger Kellers und nannte in einem ernsthaften Moment die Präsidentschaft des Winzers »ein Experiment«. Dieses Experiment ist gescheitert.

Nach nicht einmal 20 Monaten ist die Amtszeit des 13. Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes schon wieder zu Ende, von einer Ära kann man angesichts dieses Zeitraums kaum sprechen.

Keller ist an vielem gescheitert: an den Beharrungskräften im Verband, an den Eigeninteressen der Funktionäre, an den inneren Widersprüchen des Verbandes zwischen Profis und Amateuren, an den Umständen der Coronazeit, die ein hemdsärmeliges Regieren, wie Keller es bevorzugte, unmöglich machten. Und nicht zuletzt: an sich selbst.

Seine Rolle im Verband nie akzeptiert

Die ARD-»Sportschau« zieht das Fazit, Keller sei »der falsche Mann am falschen Ort« gewesen, und das war er wirklich. Er wollte im Verband aufräumen, obwohl ihm zum Amtsantritt die Richtlinienkompetenz beschnitten wurde.

Keller hat seine Rolle als eher repräsentierender Verbandschef nie akzeptiert, zwangsläufig trat er im Verband damit zahlreichen Leuten auf die Füße. Sein wenig verbindliches Auftreten nach innen und seine häufig unkonzentrierten, fahrigen Auftritte nach außen taten ihr Übriges.

Keller, der als Unternehmenschef gewohnt ist, dass genau das passiert, was er sagt, hat die Mechanismen in diesem komplizierten Verband, in dem so viele mitreden, mitentscheiden, auch mit intrigieren, nie wirklich verstanden. Schlimmer noch, er hat sie ignoriert.

Statt zu integrieren, wie er es anfangs wollte, hat er damit zur Spaltung beigetragen. Am Ende saßen alle irgendwo in unterschiedlichen Schützengräben, der Verband wurde und wird in der Öffentlichkeit nicht mehr ernst genommen. Wenn man Keller wohlgesonnen ist, kann man das alte Wort aus dem »Faust« umdrehen: Er war Teil von jener Kraft, die das Gute will und das Böse schafft.

Er hinterlässt einen Verband in chaotischer, fast selbst auflösender Verfassung. Das ist beileibe nicht nur seine Schuld, aber als Präsident haftet er. »Es ist mir in dieser Situation nicht gelungen, innerhalb der Gremien des DFB eine vertrauensvolle, verlässliche und kollegiale Zusammenarbeit zu erreichen«, bilanziert er in seiner Rücktrittserklärung am Mittag selbst. Dass er in dieser persönlichen Erklärung vor allem gegen seine internen Gegner auskeilt, damit setzt er noch einmal einen letzten Akzent, der seine Amtszeit angemessen skizziert.

Jetzt braucht der DFB schon wieder einen neuen Präsidenten, eine neue Präsidentin. Aus dem Führungszirkel des Verbandes, wie das so oft in der Vergangenheit war, wird er nicht kommen können.

Mit den absehbaren Abgängen von Generalsekretär Curtius und Schatzmeister Osnabrügge verzeichnet der DFB gerade einen ziemlich beispiellosen Aderlass, selbst der ewige Rainer Koch, dem der Abschied aus dem Verband so unsagbar schwerzufallen scheint, dass er trotz allen öffentlichen Gegenwindes weiter im Präsidium bleiben möchte, will sein Amt als Vize Kellers beim nächsten DFB-Bundestag zur Verfügung stellen. Man wird sehen, ob das dann auch tatsächlich passiert.

Schnelle Nachfolge scheint ausgeschlossen

Ein Nachfolger aus dem DFB-Kosmos wäre angesichts der vergangenen Monate allerdings auch nur noch schwer vermittelbar. Mit dem personellen Neuanfang ist schließlich wie wohl nie zuvor auch ein struktureller Neuanfang vonnöten.

Bislang steht der Verband in der Nachfolgefrage blank da, eine schnelle Lösung scheint derzeit ausgeschlossen. Potenzielle Namen gibt es zwar genug, meistens sind es Ex-Profis aus dem Fußballbereich, aber die werden eher von den Medien oder Außenstehenden aufgebracht.

Am Wochenende wurde die Personalie Bibiana Steinhaus-Webb ins Gespräch gebracht. Der scheidende Bundesligaschiedsrichter Manuel Gräfe hatte im ZDF-»Sportstudio« diesen Vorschlag gemacht. Er traue ihr »eine andere Art der Moderation« zu, so Gräfe.

Unabhängig davon, wie ernst zu nehmen dieser Personalvorschlag ist: Eine »andere Art der Moderation«, eine andere Kommunikation, einen neuen Geist, das braucht es in jedem Fall.

Der alte Geist

Der alte Geist, das ist der, wie er sich in einer Episode aus dem März widerspiegelt. Es ist nur eine kleine Anekdote, aber so vielsagend, dass sie hier erzählt wird: Nachdem Curtius sich seinen Wikipedia-Eintrag von einem Beratungsunternehmen für rund 20.000 Euro »Reputationsmanagement« hatte aufhübschen lassen und dies durch eine SPIEGEL-Veröffentlichung aufflog, hatte der Generalsekretär die Summe aus eigener Tasche zurückgezahlt. Über diese Zahlung des Generalsekretärs informierte Osnabrügge in einer Präsidiumssitzung am 12. März. Osnabrügge soll, so erzählt es ein hochrangiger Funktionär, der bei der Sitzung dabei war, dabei über eine Spendenbescheinigung für Curtius gesprochen haben.

Eine Spendenquittung für die 20.000 Euro? Auf Anfrage zu dem Vorgang antwortete der DFB bereits vor Wochen: »Die Behauptung mit Bezug auf Stephan Osnabrügge ist unwahr. Stephan Osnabrügge hat in seinem mündlichen Präsidiumsbericht den Sachstand berichtet. Er hat nicht den Vorschlag gemacht, eine Spendenquittung auszustellen

Dem SPIEGEL liegt inzwischen ein Protokoll der Sitzung vor. Darin wird im Unterpunkt »Bericht des Schatzmeisters« Osnabrügges Vortrag zusammengefasst. Es findet sich der Satz, Curtius habe »die Gesamtkosten auch zwischenzeitlich bereits beglichen, was dazu führe, dass man jetzt noch die Frage einer Spendenbescheinigung prüfen könne, sollte dies gewünscht sein.«

Es kam dann nicht dazu, aber dass über eine solche Möglichkeit überhaupt in einem DFB-Gremium geredet wird, spricht Bände darüber, wie im DFB teilweise gedacht wird.

Keller hat mit seinen Versuchen, hier etwas zu ändern, einzugreifen, am Ende mehr eingerissen als aufgebaut. Vor allem das wird von diesen 20 Monaten in Erinnerung bleiben, sehr viel mehr nicht.

Als Winzer wurde er 2012 mit einem Preis ausgezeichnet als »Persönlichkeit mit prägendem Einfluss auf die Branche«. Diese Ehrung wird ihm für seine DFB-Zeit sicher nicht verliehen. »Der DFB muss sich verändern. Er muss seine Glaubwürdigkeit, das Vertrauen in seine Integrität und Leistungsstärke zurückgewinnen«, schreibt Keller in seiner Erklärung vom Montag. Es ist ein gutes Schlusswort.

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