Ein Jahr DFB-Präsident Fritz Keller Nachhaltig exotisch

Vor einem Jahr wurde Fritz Keller an die Spitze des DFB gewählt. Seitdem hat sich zwar manches zum Besseren verändert, aber zuweilen fremdelt der Unternehmer noch mit dem Fußballverband.
Fritz Keller auf der Suche nach dem Dialog mit dem Fußball

Fritz Keller auf der Suche nach dem Dialog mit dem Fußball

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Reinaldo Coddou H. / Getty Images for DFB

Oberbergen am Kaiserstuhl, 1000 Einwohner, ist die Heimat der Smaragdeidechse und von Fritz Keller. Keller nennt seine Heimat "das Paradies", er schwärmt von der Smaragdeidechse, von der Gottesanbeterin und dem Bienenfresser, allesamt Tiere, die anderswo in Deutschland schon ausgestorben sind. Er steht auf der Terrasse des eigenen Weingutes, zeigt über die Hänge gegenüber, weist auf die Orchideen, die dort unter Naturschutz wachsen, das unvermeidliche Weinglas in der Hand, und erzählt von diesem sonnenverwöhnten Flecken Erde im tiefen Südwesten mit einer Passion und einer Verve, dass er am liebsten gar nicht mehr aufhören mag.

Das sind die Augenblicke, in denen man sich nicht mehr vorstellen kann, dass hier der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes redet.

Am Sonntag steht Keller genau ein Jahr an der Spitze des DFB, und immer noch wirkt er ein bisschen wie ein Exot. "Mein Blick ist auch nach einem Jahr immer noch ein Blick von außen", hat er im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gesagt, und so wird der 63 Jahre alte preisgekrönte Winzer und Gastronom von vielen auch noch wahrgenommen. Fritz Keller und der DFB - das ist noch eine Beziehung auf Probe.

Vom "Kulturwandel" redet der Präsident häufig, kaum ein Interview, in dem das Wort nicht vorkommt: Keller legt Wert auf Nachhaltigkeit, das hat ihn sein Beruf als Weinbauer gelehrt, der DFB, dieses Dickschiff der Funktionäre, der größte nationale Fußballverband der Welt, soll sich verändern, er soll weiblicher werden, umweltbewusster, am besten Generationen vorausdenkend. Eine Nationalmannschaft, die in Stuttgart in den Flieger steigt, um 180,08 Kilometer Luftlinie nach Basel zurückzulegen, passt da überhaupt nicht ins Bild.

Keller hat sich darüber sehr geärgert, er hat das in der Öffentlichkeit auch deutlich gemacht. Es ist aber auch ein Zeichen für die Grenzen von Kellers Einfluss - eine Grenze, die bei der Nationalmannschaft eine harte ist.

Bierhoff ist der starke Mann

Der starke Mann in Frankfurt am Main ist der Direktor Nationalmannschaften, Oliver Bierhoff. Er verantwortet die DFB-Akademie, er hat seit nunmehr 16 Jahren Zeit gehabt, an der Otto-Fleck-Schneise eine Hausmacht aufzubauen. Bevor Keller sein Amt antrat, hat man die Richtlinienkompetenz des DFB-Präsidenten beschnitten, eine Erfahrung aus der missglückten Amtszeit von Vorgänger Reinhard Grindel. Keller ist mehr als alle DFB-Bosse zuvor mehr Repräsentant als Machtmensch, ein Fußballbundespräsident.

Fritz Keller lädt auf sein Weingut, hier den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann

Fritz Keller lädt auf sein Weingut, hier den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann

Foto: Philipp von Ditfurth / picture alliance/dpa

Umso mehr müssen die öffentlichen Auftritte Kellers sitzen. Doch hier hat er eine bisher bestenfalls durchwachsene Bilanz vorzuweisen.

Vielen ist vor allem Kellers Auftritt im ZDF-Sportstudio in Erinnerung, nachdem die Auseinandersetzungen zwischen Fans und Funktionären über Dietmar Hopp eskalierten. Keller hat sich damals eindeutig auf eine Seite geschlagen, und das war nicht die Seite der Fans. Alle, die hier einen ausgleichenden DFB-Präsidenten erwartet hatten, wurden enttäuscht. Aber als Fürsprecher der Ultras hatte man ihn auch in den neun Jahren als Vereinspräsident des SC Freiburg noch nicht erlebt. Man hat den Eindruck, hier fehlt ihm der Zugang, die Entfernung zu seiner Lebenswelt: zu groß.

Auch auf der anderen Seite der Fußballbandbreite machte er sich keine großen Freunde: Als er im SPIEGEL-Interview die "Großkotzigkeit des Fußballs" anprangerte, bekam er postwendend einen Konter von Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge hereingedrückt. Der DFB-Präsident solle sich nicht so populistisch äußern.

Auf anderen Feldern ist Kellers Engagement glaubwürdiger, auch sichtbarer: Sich für die Förderung von Frauen im Verband einzusetzen, hat er erste Zeichen gesetzt: Mit Miriam Berle hat er eine neue Mediendirektorin verpflichtet, der langjährige Medienchef Ralf Köttker musste dafür gehen. Stefanie Schulte, die sich beim Verband um die Belange "Gesellschaftliche Verantwortung" kümmert, zählt neben Generalsekretär Friedrich Curtius zu seinem engsten Beraterkreis.

Ab und an ist der "Kulturwandel" spürbar

Gesellschaftliche Verantwortung - da ist etwas, das Keller weit mehr ins Zentrum seiner Arbeit rücken will als seine Vorgänger Grindel und Wolfgang Niersbach. Dass Fußballer sich gegen Rassismus oder gegen Klimazerstörung positionieren, wird von Keller öffentlich unterstützt. Der DFB lässt seine Nazivergangenheit nicht mehr verharmlosend unter den Tisch fallen, es ist in dieser Hinsicht ein langer Weg gewesen von den früheren Amtsinhabern Peco Bauwens und Hermann Neuberger bis hin zu Fritz Keller. Nirgends ist der "Kulturwandel", den Keller anstrebt, schon so spürbar wie hier.

Keller will den Kulturwandel, nicht überall ist er schon zu erkennen

Keller will den Kulturwandel, nicht überall ist er schon zu erkennen

Foto: Uli Deck / picture alliance/dpa

Anderswo geht es langsamer voran, die Aufarbeitung der Sommermärchen-Affäre stockt seit Jahren, soll aber jetzt verschärft angegangen werden, Keller hat baldige Ergebnisse versprochen. Die 3. Liga in ihrer Struktur bleibt eine Baustelle. Immerhin ist die Altlast mit dem mittlerweile eher berüchtigten als berühmten Vermarkter Infront abgeräumt, nach Monaten des Streits ist ein Vergleich geschlossen.

Der Präsident hat gesagt, er sei mit seinem ersten Jahr "unzufrieden", die Dinge seien immer noch zu festgefahren: "Die Zeiten ändern sich, der DFB wandelt sich", das ist sein Mantra. Corona habe in dieser Hinsicht manches verlangsamt oder gestoppt, sagt er.

Das Virus hat die Amtszeit Kellers seit März zweifellos überschattet, diese Ausnahmesituation auch zu nutzen und Präsenz zu zeigen, das hat allerdings nicht er verstanden, sondern sein DFL-Antipode, der kühle Manager Christian Seifert. Der in seinen Bemühungen, die Bundesliga wieder an den Start zu bringen, als der Fußballfunktionär des Jahres dastand. Keller blieb in diesen Wochen blass.

Sein Restauranthotel, der "Schwarze Adler", seit Generationen im Familienbesitz, ist über die Grenzen hinaus berühmt, die Leute kommen von weither, um hier abends zu essen und sich vom Chef persönlich die besten Ratschläge bei der Wahl des passenden Weines geben zu lassen. Die Weine Kellers sind gepriesen, vor allem der Spätburgunder, die "Diva unter den Weinen", wie Keller schwelgt, gereift auf der Oberbergener Lage, der Baßgeige, Weinkenner wissen Bescheid.

Die Expertise Fritz Kellers in Sachen Wein ist unbestritten. Bei der Fähigkeit, den Deutschen Fußball-Bund zu führen, ist er noch auf dem Weg. Es ist ein sehr nachhaltiges Projekt.

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