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29. Juli 2010, 15:38 Uhr

DFB-Präsidium tagt

Zwanziger bleibt, die Schiedsrichter-Affäre auch

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Theo Zwanziger ist bereit für eine dritte Amtszeit als DFB-Präsident. Der 65-Jährige will vor allem die Frauenfußball-WM noch als Verbandsboss erleben. Zuvor wartet allerdings noch die Aufarbeitung der DFB-Schiedsrichteraffäre auf ihn.

Am allerliebsten sieht sich Theo Zwanziger in der Rolle des Brückenbauers und des Versöhners. Aber jetzt hat es der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes DFB geschafft, selbst seine Familie zu spalten. Seine Söhne hätten ihm geraten, nicht für eine weitere DFB-Amtszeit zu kandidieren, seine Frau plädiere dagegen fürs Weitermachen, hat Zwanziger dem "Kicker" einen Tag vor der Sitzung des DFB-Präsidiums verraten. Und bei dieser Gelegenheit auch gleich durchblicken lassen, wessen familiären Rat er befolgen werde. "Die Tendenz ist da, erneut anzutreten", sagt er. Was ohnehin alle erwartet hatten. Zwanziger macht weiter und wird damit auch die schwelende Schiedsrichter-Affäre des DFB nicht los.

Amtsmüdigkeit hatte Zwanziger im Nachklang der Weltmeisterschaft angedeutet, von einer Phase des Nachdenkens gesprochen, eine "tiefe Sehnsucht nach dem Privaten" formuliert. Im Umfeld des DFB hatte es aber spätestens nach der verspätet gelungenen Vertragsverlängerung mit Bundestrainer Joachim Löw wenig Zweifel daran gegeben, dass Zwanziger sich im Oktober beim DFB-Bundestag für drei weitere Jahre zur Wiederwahl stellen werde. Ihn reizt vor allem die Frauenfußball-WM 2011 im eigenen Land, zudem sieht er mit einem Trainer Löw und dessen jungem Nationalteam genug Perspektiven, um sich 2012 oder spätestens 2014 doch noch als Präsident mit einem wichtigen Turniersieg zu schmücken.

Zuvor warten allerdings die Aufräumarbeiten des Schiedsrichter-Skandals aus dem Frühjahr. Zwanziger zeigte sich noch zuletzt angefasst von dem Vorwurf, er habe die Affäre um den ehemaligen DFB-Funktionär Manfred Amerell in der Öffentlichkeit schlecht gemanagt. Seine frühe Festlegung zugusten des vermeintlichen Opfers Michael Kempter hat nicht nur Amerell zum medial wirkungsvollen Widerspruch provoziert. Sie hat, so die Kritik, auch mit dazu beigetragen, dass die Affäre bis heute juristisch unaufgearbeitet ist.

Amerell will Schadenersatz vom DFB

Amerells rühriger Anwalt Jürgen Langer hat erst in dieser Woche allen Mitgliedern des DFB-Präsidiums die Forderung nach Schadenersatz für seinen Mandanten zukommen lassen. Bis zum 2. August hat das Amerell-Lager dem Verband Zeit gelassen, darauf zu reagieren. Danach werde man den Klageweg beschreiten. "Bisher haben wir überhaupt keine Signale erhalten, dass der DFB auf uns zukommen könnte", sagte Langer SPIEGEL ONLINE. Offiziell habe der DFB bisher nicht einmal mitgeteilt, ob das Thema überhaupt auf der Tagesordnung der Präsidiumssitzung vom Freitag steht.

Amerell und sein Anwalt sehen die Aufklärung der Affäre weiterhin als ungenügend an. So haben sie erst in dieser Woche darauf aufmerksam gemacht, dass der neue Schiedsrichter-Boss Herbert Fandel früher über die Affäre um Amerell und Kempter informiert war als bisher bekannt.

Demnach hatte Fandel schon im Januar den damaligen Schiedsrichter-Obmann Volker Roth gedrängt, die Vorwürfe der sexuellen Nötigung gegen Amerell der DFB-Führung zu melden. Roth wusste bereits seit Dezember 2009 davon, weil Kempter sich ihm offenbart hatte. Trotzdem ließ er die Affäre über Wochen unbearbeitet liegen und informierte auch Zwanziger nicht darüber. "Nachdem ich erfahren hatte, dass Kempter bei Roth gewesen war, habe ich zu Roth gesagt, dass das gemeldet werden muss. Und wenn er es nicht melden würde, dann würde ich das machen", hat Fandel die Informationen Langers bestätigt.

Der frühere Fifa-Referee Fandel, der nach dem Rücktritt Roths im Mai das Schiedsrichterwesen gänzlich neu ordnen soll, hat aber nicht nur die Amerell-Affäre noch auf dem Agenda. In dieser Woche wurde ein neuer Missbrauchsfall bei einem Schiedsrichter-Lehrgang publik. Demnach sollen in der Hermann-Neuberger-Sportschule im Saarland sieben Lehrgangsteilnehmer einen anderen Schiedsrichter mit einer Trinkflasche sexuell missbraucht haben. Der Betroffene, der sich nicht habe zur Wehr setzen können, weil er betrunken war, hat mittlerweile Strafanzeige gestellt. Fandel kündigte ein hartes Durchgreifen an. "Jemand, der anderen Schäden zufügt oder dabei zusieht, kann kein Schiedsrichter mehr sein", so Fandel.

Mit Material von dpa und sid

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