Wiedergewählter DFB-Präsident Grindel Alles beim Alten

Bei der Wiederwahl von Präsident Reinhard Grindel ließ der DFB keine Überraschungen zu. Ohne Gegenkandidaten und kritische Diskussionen gab sich der Verband reingewaschen. Eine mögliche Pokalreform wurde vertagt.

DFB-Präsident Reinhard Grindel
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DFB-Präsident Reinhard Grindel

Vom DFB-Bundestag berichtet


Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) orientiert sich neuerdings an China. Im Reich der Mitte habe Staats- und Parteichef Xi Jinping "Fußball als Staatsziel" ausgerufen, berichtete DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius einigen Hundert Fußballfunktionären in der Messe Erfurt. In wenigen Tagen wird der DFB mit dem chinesischen Verband ein Kooperationsabkommen unterzeichnen. Auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) ist an diesem Markt und dem chinesischen Geld interessiert. "Wussten Sie, dass mehr Chinesen unser WM-Finale 2014 live im Fernsehen verfolgt haben, als wir Einwohner haben", erkundigte sich Curtius bei den Delegierten des DFB-Bundestages. "Wir müssen von diesen Chancen profitieren!"

Unter der Führung von Curtius und des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Reinhard Grindel (CDU) hat der DFB eine Vollversammlung abgehalten, der chinesische Parteikader und baldige Partner schwer beeindrucken wird: Obwohl sich das 17-köpfige DFB-Präsidium komplett der Wiederwahl stellen und beispielsweise 36 Positionen im DFB-Verbandsgericht sowie die fünf Mitglieder der neu geschaffenen Ethikkommission benannt werden mussten, gab es keinen Gegenkandidaten. Sämtliche Personalien waren vorab geklärt.

Als DFB-Präsident Grindel, den die Enthüllungen des SPIEGEL zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 im April 2016 ins Amt gebracht hatten, bestätigt werden musste, sprach der ehemalige DFB-Justitiar Götz Eilers: "Für die Wahl des Präsidenten darf ich Sie nun um Ihr Zeichen bitten." Keine Sekunde später war die Sache erledigt und Eilers setzte fort: "Gibt es Gegenstimmen? Gibt es Enthaltungen? Ich sehe keine."

Kritik am DFB wurde nicht diskutiert

Widerspruch war nicht vorgesehen auf diesem Konvent mit dem Titel "Vereint neue Wege gehen". Eine Diskussion fand nicht statt. Es gab nicht eine Wortmeldung aus dem Plenum im sogenannten "neuen DFB". Die beinahe revolutionärste Bemerkung stammt von Eilers, der unter unterschiedlichen CDU-Präsidenten des DFB gedient hatte: "Gestatten Sie mir eine Bemerkung. Auch der alte DFB hat bisweilen Ordentliches geleistet."

Die Amateurvertreter begehrten nicht auf. Engelbert Kukpa (CSU), ehemals Präsidiumsmitglied des DFB, hatte dieser Tage in zahlreichen Interviews gegen den Verband gewettert: Die Rechte der Amateure würden veruntreut, Turbo-Kapitalismus walte und der DFB lasse sich von der DFL über den Tisch ziehen. Nichts davon wurde diskutiert. Grindel und DFL-Boss Reinhard Rauball, der gleichzeitig als erster DFB-Vizepräsident amtiert, erwähnten Kukpa nicht namentlich, sondern sprachen nur von einem "ehemaligen Funktionär".

Den Großteil seiner durchaus kämpferischen Rede widmete Grindel einem alten Thema. "Mein Ziel ist es, dass sich Profis und Amateure gemeinsam von ihrem Präsidenten vertreten fühlen", sagte Grindel und behauptete: "Noch nie ist der Amateurfußball so gefördert worden wie durch das jetzt zuständige Präsidium. Amateure und Profis halten in Deutschland zusammen wie sonst nirgendwo in Europa." In dieses Horn stieß auch Rauball: "Das erfolgreiche Miteinander von Profis und Amateuren ist ein Markenzeichen des deutschen Fußballs." Ein DFB-Präsident müsse "Präsident aller Fußballerinnen und Fußballer sein", sagte Rauball: "Er darf nicht einem besonderen Lager zugehören." Der Vorwurf, der Profifußball würde den Amateuren vorsätzlich schaden, sei "abenteuerlich".

"Vereint neue Wege gehen"
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"Vereint neue Wege gehen"

Grindel hatte die guten Taten des DFB für die Basis mit gut einem Dutzend Beispielen belegen wollen. Tags zuvor hatte der Verband einen Nachhaltigkeitsbericht vorgestellt. Die Öffentlichkeitsabteilung des DFB begleitete die Versammlung mit zahlreichen Erfolgsmeldungen, wozu auch die perfekt getimte Vertragsverlängerung mit Bundestrainer Joachim Löw zählte. So bestätigten die Delegierten dann auch das wichtigste Papier, den neuen Grundlagenvertrag zwischen DFB und DFL bis ins Jahr 2023. Demnach erhalten die 21 Landesverbände jährlich drei Millionen Euro mehr aus den DFL-Erlösen, insgesamt acht Millionen. Die DFL stellt für den Masterplan Amateurfußball weitere 2,5 Millionen jährlich zur Verfügung.

Die Diskussion um eine Reform des DFB-Pokals wurde vertagt. Verhandlungen sollen 2017 beginnen. Grindel äußerte sich im Plenum nicht zu Plänen, im Europapokal spielende Vereine für die erste Hauptrunde freizustellen. Auf der anschließenden Pressekonferenz sagte er, den Ergebnissen einer noch zu gründenden Arbeitsgruppe nicht vorgreifen zu wollen.

Rauball reklamierte "weiteren Gesprächsbedarf mit Blick auf den Modus des DFB-Pokals, wohl wissend, dass es hier unterschiedliche Auffassungen in beiden Lagern gibt". Rainer Koch, formal erster Vizepräsident für die Amateure, gab sich kämpferisch. "Der DFB-Pokal verkörpert die Seele des deutschen Fußballs. Und diese Seele muss unantastbar bleiben", sagte Koch. "Vereine aus den unteren Ligen müssen ihren Traum leben, bereits in der ersten Pokalrunde auf einen der großen Bundesligisten treffen zu können." Der Beifall hielt sich in Grenzen.

Rückendeckung von Kanzlerin Merkel

Der 55 Jahre alte Grindel tritt also seine erste volle dreijährige Amtsperiode an. Rechtzeitig zum Bundestag hat er seinen tölpelhaften Fehler korrigiert und seine Bereitschaft bekundet, dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages im Januar für eine Anhörung zum WM-Skandal 2006 zur Verfügung zu stehen. Vor einem Monat hatte Grindel in einem Brief die Zuständigkeit des Deutschen Bundestags in dieser Materie angezweifelt und eine Teilnahme abgesagt.

Am Donnerstag schaute kurzfristig die Kanzlerin vorbei und hielt die Laudatio auf den neuen DFB-Ehrenspielführer Jürgen Klinsmann. Den WM-Skandal erwähnte Angela Merkel mit keinem Wort, pries allein die angeblich segensreichen Wirkungen des Sommermärchens. Etwas differenzierter äußerte sich Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Die "vollständige Aufarbeitung der WM-Vergabeentscheidung steht noch aus", sagte der Sportminister. Ermittlungsbehörden und Justiz sollten "Härte beweisen, wo es nötig ist".

Merkels Auftritt gab Grindel Rückendeckung. Er behauptete in Erfurt mehrfach, es gebe beim DFB "keine offene Baustelle mehr". Der Verband habe zum WM-Skandal "alle Fragen beantwortet, die wir beantworten können". Sein Vorgänger Wolfgang Niersbach, wegen des WM-Skandals zurückgetreten, und der ehemalige DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock wurden vom Bundestag vorsorglich nicht entlastet. Die juristischen Folgen des WM-Skandals haben den DFB bereits mehr als sieben Millionen Euro gekostet, erklärte Schatzmeister Stephan Osnabrügge, und werden weitere Millionen verschlingen.

Leuchtturmprojekt Bewerbung um die EM 2024

Eine weitere Folge der WM-Enthüllungen, die den DFB laut Vizepräsident Koch "in seinen Grundfesten erschüttert und durcheinander gewirbelt hatte", war die Verabschiedung eines Ethikcodes und die Gründung einer fünfköpfigen Ethikkommission mit dem ehemaligen Bundesminister Klaus Kinkel (FDP) an der Spitze. Kinkel beginnt im Dezember zwar schon sein neuntes Lebensjahrzehnt, doch "das Alter", so Grindel, dürfe dabei "keine Rolle spielen". Unter der Ägide des damaligen Bundesaußenministers Kinkel erhielt 1994 der heutige IOC-Präsident Thomas Bach, ebenfalls FDP-Mitglied, unter merkwürdigen Umständen jenen Diplomatenpass, über den seit einigen Tagen diskutiert wird.

Grindel rief bis 2019 drei sogenannte Leuchtturmprojekte aus: den Masterplan Amateurfußball, die Bewerbung für die Europameisterschaft 2024 und die Vorbereitungen für den Bau eines neuen Verbands- und Ausbildungszentrums in Frankfurt am Main, die DFB-Akademie. Über das mit zahlreichen Problemen behaftete Akademieprojekt soll Ende 2017 ein außerordentlicher Bundestag entscheiden.

Bis dahin könnte Grindel bereits in die Vorstände des europäischen Verbands Uefa und des Weltverbands Fifa aufgestiegen sein. Über den deutschen Kandidaten für diese Gremien werde das DFB-Präsidium "zu gegebener Zeit entscheiden". Zwar liebäugelt der derzeit von der Fifa suspendierte Niersbach mit einer Wiederkehr, doch Überraschungen scheinen ausgeschlossen.

Genauso wie beim 42. Ordentlichen Bundestag des DFB in Erfurt.

insgesamt 6 Beiträge
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Hrothgaar 04.11.2016
1. Alles beim alten
Lug, Betrug, Korruption.
steinbock8 05.11.2016
2. Alles bleibt wie es ist
Und die Geldtöpfe bleiben erhalten Reformen sind nicht nötig und die Mitglieder spielen mit bloß keine Veränderung Stagnation immer Verbesserungen nimmer der deutsche Fußballbund ein Verein zur Wertschöpfung ach da sind ja noch die zahlenden Fans egal weiter so ich habe fertig
hj.binder@t-online.de 05.11.2016
3. Finanzamt Ffm
Wie weit reicht eigentlich die Macht von Grindel. Ich vermisse immer noch eine Gemeinnützigkeitsprüfung des Finanzamtes Ffm. Ich denke dies ist notwendig bei einem Verein in dem ein Honorar von ca 6 Mio. Euro immer noch unter "Ehrenamtlich" fällt. Wenn er sich in Berlin im Bundestag rumtreibt, kann er sich mal mit dem Justizausschuss unterhalten wieso denn die Sondergerichte des DFB rechtens sind und z.B. Mordanschläge mit Pyro nicht verfolgt werden sollen ... Ach ja, vielleicht kann der DFB was dagegen tun, dass etwa die Hälfte der Grundschulkinder keine Möglichkeit mehr hat schwimmen zu lernen. Dies nur für den Fall, dass der DFB nicht mehr weiss wohin mit den Milliarden Einnahmen unter anderem von sehr viel öffentlichen Händen ...
herbert 05.11.2016
4. Pöstchen Pöstchen Pöstchen
Diese Präsidenten oder wie sie sich sonst noch nennen rund um den Sport oder Olympia sind hochbezahlte Funktionäre deren Sinn ich nicht erkennen kann.
thequickeningishappening 05.11.2016
5. Der Koenig ist tot
Es lebe der Koenig! Neuer Vorsitzender, Alles beim Alten. Keine Gegenkandidaten, Beschluesse werden durchgewunken; was bei der FIFA Das "System Blatter" ist beim DFB Das "System Neuberger"!
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