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19. März 2019, 10:09 Uhr

Schlingerkurs des DFB-Präsidenten

Grindel, der Unsouverän

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Erst kritisierte DFB-Chef Reinhard Grindel den Bundestrainer, dann machte er einen Rückzieher. So etwas kam schon öfter vor. Das Verhältnis des Verbandsbosses zu seinem Coach scheint ins Wanken zu geraten.

Am Ende der Woche sah sich Reinhard Grindel dann noch einmal zu einer Klarstellung genötigt. Mit Joachim Löw verbinde ihn ein enges Verhältnis, ließ der DFB-Präsident im Bayerischen Rundfunk wissen: "Bei uns ist alles in Ordnung." Grindel hatte allerdings zuvor selbst dafür gesorgt, dass die Öffentlichkeit einen eher gegenteiligen Eindruck vom aktuellen Zustand im Deutschen Fußball-Bund bekam.

In Sachen Klarstellungen hat Grindel schon eine gewisse Übung. Am Freitag hatte er dem ZDF noch seine Unzufriedenheit darüber mitgeteilt, wie Löw die Angelegenheit Müller/Boateng/Hummels gehandhabt habe. Als die "Bild"-Zeitung daraus eine große Angelegenheit machte, ruderte er am nächsten Tag eilig zurück und teilte über die Nachrichtenagenturen mit, seine Aussage sei "keine Kritik an Jogi Löw gewesen. Dem widerspreche ich mit allem Nachdruck". In Sachen Kommunikation war es mal wieder schiefgelaufen.

Es war nicht der erste Fall, in dem der Präsident nicht wirklich den Eindruck erweckte, eine konsequente Linie in Sachen Nationalmannschaft zu verfolgen. In der Causa Mesut Özil verwirrte Grindel die Öffentlichkeit mit seinem Schlingerkurs. Erst verlangte er Konsequenzen nach dem Erdogan-Foto des Nationalspielers, diese wurden dann stillschweigend wieder einkassiert. Nach dem Ausscheiden des Teams meldete sich der Präsident dann wieder mit Forderungen in Richtung Özil zu Wort. Am Ende stand er als Buhmann und Verantwortlicher für den Rücktritt da.

Erst die lange Leine, jetzt die Kandare

Der DFB-Präsident und die Nationalelf - das ist seit Grindels Amtsantritt eine schwierige Beziehung gewesen, und viel spricht nicht dafür, dass sich dies in Zukunft entkrampft. Zu Beginn ließ Grindel dem Bundestrainer freien Lauf, Löw hatte ohnehin als Weltmeister-Coach die Aura des Unantastbaren. In dessen Glanz konnte sich auch der neue Verbandschef sonnen - und bekam noch ein paar Strahlen mit. Löw hatte von Grindel einen Persilschein ausgestellt bekommen, die Vertragsverlängerung für den Trainerstab direkt vor der WM in Russland war der Höhepunkt dieser Laissez-faire-Beziehung.

Als in Russland dann sportlich alles daneben ging, verkündete Grindel zunächst, in fester Treue zu Löw zu stehen. Nachdem er ihn vor dem Turnier noch geadelt hatte, blieb dem Präsidenten allerdings auch nichts anderes übrig, um das eigene Gesicht zu wahren.

Von diesem Treuebund ist ein Dreivierteljahr später, gespickt mit weiteren sportlichen Enttäuschungen, nicht viel geblieben. Das Verhältnis zwischen Präsident und Bundestrainer habe sich abgekühlt, heißt es. Die Alleingänge Löws, die vor der WM noch niemanden gestört hatten, werden in der DFB-Zentrale zunehmend kritisch betrachtet.

Grindel scheint bestrebt, seinen leitenden Angestellten plötzlich an die Leine zu nehmen. Als sei ihm erst im Misserfolg aufgefallen, dass er als Präsident die Richtlinienkompetenz auch für das A-Team habe. Die Äußerungen Grindels, mit denen er die Zielvorgaben für Löw und seine Mannschaft festzulegen trachtet, häufen sich. Der Persilschein ist zerrissen.

Grindel will am liebsten alles sein

Eine echte Nähe zur Mannschaft und seinen Betreuern aufzubauen, gehört allerdings zu den Dingen, die Grindel naturgemäß schwerfallen. Sein Vorgänger Wolfgang Niersbach war schon als früherer Pressechef unter Franz Beckenbauer Teil der Nationalmannschaftsblase gewesen. Er gehörte irgendwie dazu, selbst dann noch, als er zum DFB-Chef aufgestiegen war. Theo Zwanziger hatte die Nähe zur Mannschaft zwar auch nie, ihm war es allerdings auch nicht so wichtig. Er hatte andere Lieblingsprojekte wie den Frauenfußball und Integration, mit denen er sich ausgiebig beschäftigte.

Grindel dagegen will am liebsten alles sein: der Präsident der Spitzenfußballer und der Amateure. Er will beim Dorffest in der Kreisliga auf die Torwand schießen und gleichzeitig bei der Fifa am großen Rad der Politik drehen. Das Gefühl, dass er sich dabei verzettelt, verstärkt sich. Da kommt es dann auch schon mal vor, dass der vermeintliche Medienprofi und ehemalige TV-Journalist Reinhard Grindel ein Fernsehinterview genervt abbricht. In den sozialen Medien durfte sich das anschließend die halbe Welt angucken. Grindel, der Unsouverän.

Er erwarte, dass sich die Nationalelf souverän für die EM 2020 qualifiziere, hat Grindel dieser Tage formuliert. Und angefügt: "Ich denke, dass wir dann ein Team haben, das um den Titel mitspielen kann." Den Spielraum der jungen, jetzt von Löw bewusst neu aufgebauten Mannschaft hat er damit unnötig verengt. Es entsteht beim DFB gerade ein Team, das nach Löws Planungen seinen Zenit bei der WM 2022 oder noch besser bei der Heim-EM 2024 erreichen soll. Titeldruck fürs kommende Jahr kann Löw nicht unbedingt gebrauchen, sondern eher Freiraum für die Übergangszeit. Diese Luft hat Grindel ihm genommen.

Nun wird man sehr genau auf die kommenden zwei Länderspiele gegen Serbien am Mittwoch (20.45 Uhr, TV: RTL, Liveticker SPIEGEL ONLINE) und die Niederlande am Sonntag (20.45 Uhr, TV: RTL, Liveticker SPIEGEL ONLINE) schauen. Nach den Vorgaben des Präsidenten wären zwei Siege für Löw nicht von Schaden.

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