DFB-Sieg gegen die Schweiz Die Deutschen üben sich in Bescheidenheit

So hoch der Sieg ausgefallen war, so entschieden waren nachher alle bemüht, die Euphorie zu dämpfen: Weder Joachim Löw noch Miroslav Klose wollten den Erfolg gegen die Schweiz überbewerten. Wegen dieses ruhigen Selbstbewusstseins muss man sich auch keine Sorgen für die EM machen.

Man hätte das Spiel nicht unbedingt sehen müssen, um sofort zu merken, dass der Abend nicht gut gelaufen sein konnte für Köbi Kuhn und seine Mannen. Ein gebeugter, schwermütig dreinblickender Schweizer Coach betrat das Podium der Pressekonferenz und schaute aus rot geränderten Augen zu seinem Nebenmann herüber. Er blickte auf einen Joachim Löw, der nach dem 4:0-Erfolg seines DFB-Teams mit kerzengerade durchgedrücktem Rückgrat im schicken Zweireiher da saß und so demonstrativ gut gelaunt war, dass Kuhn noch ein wenig tiefer in sich zusammenzusacken schien.

Und wie immer, wenn der Bundestrainer eine gewisse Begeisterung entwickelt – sei es, dass der Tag gut gelaufen ist, oder dass sich jemand tiefergehend für seine Idee von Fußball interessiert –sprudelten die Fachbegriffe nur so aus ihm heraus. "Besonders mit der Laufbereitschaft und der Laufintensität" sei er zufrieden gewesen, betonte er, "alle Mannschaftsteile haben gut ineinandergegriffen". Zumal "auf dem schweren Platz, wo es nicht einfach war, schnell zu kombinieren, das Umschalten gut geklappt" habe.

Was sollte der bemitleidenswerte Köbi Kuhn da auch sagen, außer, dass er dem Kollegen beipflichte und es – "wirklich" – nichts zu beschönigen gebe: "Wir waren in fast allen Belangen schwächer und müssen die Niederlage auch in dieser Höhe anerkennen. Auch wenn wir kräftig mitgeholfen haben durch Fehler, die auf diesem Niveau eigentlich nicht passieren dürfen."

Damit war im Grunde alles gesagt, denn tatsächlich hatte sich der Gastgeber nach ordentlichem Beginn mit einfachsten Mitteln immer wieder überrumpeln lassen. Beim ersten Tor genügte ein öffnender Pass, um die vogelwilde Abwehr ins Chaos zu stürzen. Später taten es simple Steilpässe, denn die Schweizer Verteidiger waren schlicht zu langsam, um vor allem den nach schwachem Beginn immer stärker werdenden Mario Gomez zu stoppen. Dass KSC-Coach Edmund Becker, der als Tribünengast vor Ort war, nach nicht einmal 75 Minuten wieder ging, könnte auch daran gelegen haben, dass sein Schützling Mario Eggimann einen ganz schwachen Tag durchlebte.

Ganz anders die deutschen Innenverteidiger. Streng genommen nicht besonders logisch, aber dafür umso einleuchtender gab Abwehrchef Per Mertesacker zu Protokoll, "obwohl" die deutsche "Innenverteidigung noch sehr jung" sei, "ist das Entwicklungspotenzial dort gut". Wenn das stimmt, berechtigt das zu kühnsten Hoffnungen, denn die Abwehrleistung war schon gegen die – zugegebenermaßen denkbar harmlosen – Schweizer beeindruckend. Bis fast zur Mittellinie schob sich die Abwehrreihe nach der Balleroberung. Und ermöglichte so erst die Pässe in die Tiefe, die die Stürmer dann zu nutzen wussten.

Doch fernab allen taktischen Kleinkleins, was unterm Strich vom Ausflug über den Rhein im Gedächtnis bleiben wird, ist die Wiedererlangung eines Selbstbewusstseins, das nach dem Österreich-Spiel doch ganz schön angeknackst war. So sprach Löw bei der Basler Pressekonferenz geradezu zwanghaft von den Fehlern im vorletzten Spiel, die man nun abgestellt habe. Und auch Per Mertesacker, der sich für seine Verhältnisse geradezu redselig gab, wies auf die wohltuende Wirkung eines souveränen Sieges hin: "Überzeugung war heute das wichtigste Stichwort, wir werden aus diesem Spiel Selbstvertrauen schöpfen."

Vielleicht ist eine der überzeugendsten Qualitäten dieser deutschen Mannschaft, dass sie unabhängig von der Stimmungslage um sie herum ziemlich konsequent Kurs hält. Nach gefühlten Niederlagen wie dem 3:0-Sieg in Österreich bleibt man "relativ unaufgeregt" (Löw nach dem 4:0 über die Schweiz), spricht aber offenbar intern die Schwachpunkte schonungslos an. Und nach vermeintlichen Glanztagen wie dem 4:0 über die Schweiz widersteht man der Versuchung, die Brust breiter erscheinen zu lassen als sie ist.

Wohlwissend, dass nach dem Spiel von einem angeblichen deutschen "Stürmerwunder" berichtet werden könnte, relativierte Miroslav Klose ebenso bescheiden wie zutreffend: "Man darf jetzt nicht alles überbewerten. Es ist noch gar nicht so lange her, dass geschrieben wurde, wir hätten überhaupt keine Stürmer."

Wahr ist, dass die Stürmer gestern keine ernst zu nehmende Gegenwehr erfahren haben. Schön ist, dass das keiner der deutschen Spieler so gesagt hat. Eine Mannschaft, die sich nicht zerfleischt, wenn es schlecht läuft, nach einem 4:0-Auswärtssieg aber umso energischer auf die Bremse tritt, macht schon jetzt sehr viel richtig. Bescheidenheit ist eine Zier – weiter kommt man nur mit ihr.