DFB-Sieg gegen Polen Eine Nacht zum Verlieben

Dramatik in Dortmund: Dank einer herausragenden Moral hat die deutsche Nationalmannschaft Polen besiegt und einen großen Schritt Richtung Achtelfinale gemacht. Die Energieleistung des jungen Teams könnte eine Initialzündung gewesen sein für diese WM.

Vielleicht war diese 91. Minute am Ende ja nur eine emotionale Episode in einem WM-Vorrundenspiel einer deutschen Mannschaft. Als Oliver Neuville nach seinem Tor den Mund weit aufriss, die Hände zu Fäusten geballt. Als der junge David Odonkor zur Ersatzbank rannte und dort von einer Masse aus ekstatisch jubelnden Kameraden fast erdrückt wurde. Und sich Jürgen Klinsmanns Anspannung in einem Sprung und einem sehr langen Schrei entlud. Vielleicht wird man in ein paar Jahren aber auch vom Beginn von etwas Großem sprechen.

"Für mich ist das ein sehr besonderer Moment in meiner noch jungen Trainerkarriere", sagt der Bundestrainer später, und er wirkt sehr aufgeräumt dabei. Er soll etwas zu einem Spiel sagen, das mit Worten nicht recht zu beschreiben ist. Deutschland gegen Polen: 1:0, steht zwar auf dem Spielberichtsbogen, aber diese Partie war mehr gewesen, ein Sieg der Moral und des Wollens, etwas Besonderes. "Ich glaube, die Menschen werden diesen Abend noch lange in Erinnerung behalten", sagt Klinsmann dann noch.

Der Ausbruch des 41-Jährigen nach dem späten Siegtreffer ist nur allzu verständlich, denn der 1:0-Erfolg gegen Polen war auch und gerade ein Erfolg des Bundestrainers. Über 90 Minuten hatte sein Team den Gegner beherrscht, die viel kritisierte Abwehr stand mit zwei Ausnahmen sicher, und ausgerechnet Klinsmanns umstrittene Nominierungen Odonkor und Neuville sorgten als Einwechselspieler für den Triumph. Der Dortmunder setzte sich auf rechts durch und flankte in die Mitte, wo der Gladbacher stand und aus kurzer Distanz traf. Es gab Zeiten, die nicht sehr lange zurückliegen, da unterstellte man Odonkor noch, dass er nicht flanken könne - und Neuville, dass er kein Torjäger sei.

Das Team hatte diesen Sieg unbedingt gewollt, die Körpersprache der Deutschen zeigte das nur zu deutlich. Als Odonkor zwanzig Minuten vor dem Ende gerade eine Ecke herausgeholt hatte, sprintete er mit dem Ball zur Eckfahne und legte ihn dort für Bastian Schweinsteiger ab. Es musste schnell gehen, deshalb schrie Miroslav Klose in der 75. Minute auch Schweinsteiger an, als dieser nicht schnell genug vom Feld ging. "Wir wollten das heute zwingen", sagt Klinsmann, "fantastisch, wie die Mannschaft drangeblieben ist."

Die Philosophie des Bundestrainers schien bisher am besten durch ein 4:3 symbolisiert, vorne brillant und hinten nicht ganz dicht, wie gegen Australien oder Mexiko im Konföderationen-Cup 2005. Oder beim ersten WM-Vorrundenspiel gegen Costa Rica (4:2). Deshalb ist es vielleicht die größte Ironie dieses Spiels, dass ein vorläufiger Höhepunkt des Klinsmannschen Wirkens der vergangenen zwei Jahre ausgerechnet ein 1:0 war.

Dabei hätte es auch 5:0 heißen können in diesem Spiel, das ab der 20. Minute ein sehr gutes war. Kapitän Michael Ballack spielte den ersten von fünf Diagonalpässen über 60 Meter auf Bernd Schneider, Philipp Lahm hob wenig später den Ball auf Klose, der knapp am rechten Pfosten vorbeiköpfte. Konter um Konter liefen die Deutschen, Arne Friedrich sprintete über das halbe Feld, Lukas Podolski drehte sich im Strafraum, nachdem er den Ball zweimal auf  dem linken Fuß balancierte. Und weil die Polen gut mitspielten, entwickelte sich ein beängstigendes Moment, bis es Radoslaw Sobolewski in der 28. Minute zuviel wurde. Er foulte Ballack und kassierte Gelb, was noch wichtig werden sollte.

Die Polen suchten fortan lieber den Quer- als den Steilpass aus Angst, in den nächsten deutschen Konter zu laufen - und Klinsmann stand an der Bank wie ein unerbittlicher Feldherr, der die Schwäche des Gegners erkannt hat. Er klatschte in die Hände und rief: "Weiter, weiter".

Kurz vor der Pause musste Podolski die Führung erzielen, scheiterte aber aus kurzer Distanz an Torwart Artur Boruc. Klinsmann faltete die Hände wie zum Gebet, und der polnische Trainer Pawel Janas sah in diesen Minuten aus wie ein sehr, sehr alter Mann. "Wir waren nicht in der Lage, dem deutschen Druck standzuhalten", sagte Janas später und auch, dass die Gelb-Rote Karte gegen Sobolewski eine Rolle gespielt habe. Nach seinem zweiten Foul war der Mittelfeldmann in der 75. Minute vom Platz geschickt worden.

Fast hätten die Polen auch mit zehn Mann das 0:0 gehalten und sich die Chance bewahrt, im Turnier zu bleiben. In der allerletzten Minute der regulären Spielzeit sah es sogar so aus, als könnte keine Macht dieser Welt ein torloses Unentschieden verhindern. Da traf erst Klose per Kopf die Latte und im Nachschuss auch Ballack aus zwei Metern Entfernung. Doch dieses denkwürdige Spiel in Dortmund dauerte nicht 90 Minuten, sondern ein bisschen länger. "Wir haben gezeigt, dass man immer mit uns rechnen muss, bis zum Schluss", sagt Klinsmann.

Wahrscheinlich wird man später wirklich von etwas Großem sprechen, von einer Nacht zum Verlieben oder dem Grundstein für den WM-Titel. Der Bundestrainer nahm dieses Spiel jedenfalls zum Anlass für eine Ansage an die Konkurrenz. Auf die Frage nach den Favoriten dieser WM nannte er erst das Spiel Argentinien gegen die Elfenbeinküste, dann hielt er kurz inne. "Aber wir sind die Gastgeber und können mit allen mithalten."

Draußen lagen sich 65.000 Menschen in den Armen und sangen vom Weltmeister Deutschland.

Deutschland - Polen 1:0 (0:0) 
1:0 Neuville (90.+1)
Deutschland: Lehmann - Friedrich (64. Odonkor), Mertesacker, Metzelder  Lahm - Schneider, Frings, Ballack, Schweinsteiger (77. Borowski) - Klose, Podolski (71. Neuville)
Polen: Boruc - Baszczynski, Bak, Bosacki, Zewlakow (83. Dudka) - Sobolewski, Radomski - Jelen (90. Brozek), Zurawski, Krzynowek (77. Lewandowski) - Smolarek
Schiedsrichter: Medina Cantalejo (Spanien)
Zuschauer: 65.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Odonkor, Ballack, Metzelder / Krzynowek, Boruc
Gelb-Rote Karte: Sobolewski (75./wiederholtes Foulspiel)

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