DFB-Sieg gegen Russland Der Weg ist das Spiel

Mehr als nur gewonnen: Beim 2:1-Sieg im WM-Qualifikationsspiel gegen Russland war die deutsche Mannschaft nicht einfach nur effizienter. Das Team hat diesmal richtig schönen Fußball gespielt. Dementsprechend euphorisch ging es nach der Partie in Dortmund zu.

Von , Dortmund


Als Schiedsrichter Peter Fröjdfeldt die Partie abpfiff, blieb es einen klitzekleinen Moment still im Dortmunder Stadion. Ein kollektives Durchatmen, ehe sich die Erleichterung der deutschen Fans Bahn brach. Kurz danach hatte sich auch die Stadionregie gefangen und schmetterte laut Oliver Pochers "Schwarz und weiß" durch die Boxen. Zur gleichen Zeit lag Torwart René Adler längst in den Armen von Per Mertesacker, der ihm zum gelungenen Debüt zwischen den Pfosten gratulierte. Kurz darauf gesellte sich Torsten Frings dazu - ein paar Sekunden später gingen die drei in der Menge aus jubelnden und sich herzenden Nationalspielern unter.

Komischerweise unterschied sich ein paar Meter nördlich die Szenerie nur geringfügig: Auch die unterlegenen Russen gingen nach einer kurzen Phase der Niedergeschlagenheit frohgemut Richtung Fankurve, wo sich das Gros der insgesamt wohl 8000 russischen Anhänger versammelt hatte. Auch die waren gut gelaunt und schmetterten noch Stunden nach dem Abpfiff ihre Lieder in die westfälische Nacht.

Nach einem solch hochklassigen Spiel müssen zwangsläufig die Trainer die mühsamere Seziererei übernehmen, schließlich muss es ja einen Grund haben, warum von zwei mitreißenden Teams nur eines gewonnen hat. Das deutsche, das in der ersten Halbzeit dominierte. Und nicht das russische, das der zweiten Hälfte seinen Stempel aufdrückte.

Gästecoach Guus Hiddink wusste dann auch, woran es gelegen hatte: "Wir haben zu Beginn der Partie viele Zweikämpfe verloren, das geht auf diesem Niveau nicht gut." Der entscheidende Unterschied, sagte der Niederländer und wechselt für ein Wort vom Englischen ins Deutsche, sei die "Schlagkraft" der Platzherren gewesen. Was genau darunter zu verstehen ist, weiß auch nicht jeder Muttersprachler.

Gut möglich, dass es damit zu tun hat, dass Michael Ballack in der 28. Minute nach Vorarbeit von Bastian Schweinsteiger den Ball über die Linie drückte, während Pavel Progrebnjak in der vierten Minute die erste von zahlreichen Großchancen knapp vergab. Einmal mehr hatte Arne Friedrich eine Flanke (in diesem Fall die von Yury Zhirkov) nicht unterbinden können. Es sei eben das Allerschönste am Fußball, wenn der Ball im Netz lande, erklärte Guus Hiddink nach dem Spiel sarkastisch, "ich bin nun wirklich kein Neuling im Geschäft, aber ich kann es immer noch nicht ertragen zu verlieren."

Also alles nur eine Frage der Chancenverwertung? Das sah Joachim Löw anders. Schließlich habe man sich insgesamt mehr klare Gelegenheiten als der Gegner erarbeitet und auch spielerisch über weite Strecken überzeugt: "Wir waren enorm viel in Bewegung, haben flach gespielt und sind auch oft zum Torabschluss gekommen." sagte der Bundestrainer. Kurzum: "In der ersten Halbzeit haben wir sehr guten Fußball gespielt." Und das, obwohl der bekannteste Spieler des Gegners, Torschütze Andrey Arshavin (51.) den deutschen Fußball vor dem Spiel noch für "ein bisschen langweilig" gehalten hatte.

Zumindest in der ersten Hälfte wurde er eindrucksvoll widerlegt. Sowohl Piotr Trochowski als auch Bastian Schweinsteiger wussten offensiv zu überzeugen und zogen zusammen mit ihren Kollegen Thomas Hitzlsperger und Michael Ballack genau jenes Kombinationsspiel auf, das man eigentlich von den Russen erwartet hätte. Weitere Pluspunkte im deutschen Spiel: Philipp Lahm brillierte in der ersten Hälfte (um dann allerdings in der zweiten besorgniserregend abzubauen) und Heiko Westermann, der immer wieder das Spiel von hinten schnell machte. Die Phase, in der er allzu oft seine Trainer durch blindes Ballwegschlagen zur Weißglut trieb, scheint jedenfalls überwunden. Ironie des Schicksals: Als Lahm kurz nach Wiederanpfiff den Ball in höchster Not verlor und so den 1:2-Anschlusstreffer ermöglichte, fand selbst Löw, dass sein Münchner Musterschüler da den Ball besser unter das Tribünendach geprügelt hätte.

So wurde es nochmal spannend. Die zweite Hälfte sah eine stark aufspielende russische Mannschaft, die plötzlich nicht mehr so "sloppy" (frei nach Hiddink: "halbherzig") zu Werke ging wie zu Beginn der Partie. Stattdessen erhielt Debütant René Adler mehr Gelegenheiten sich auszuzeichnen, als seinen Mitspielern lieb gewesen sein kann - schon in der ersten Hälfte hatte er "eine unglaubliche Ruhe" ausgestrahlt und mehrfach "gute Reaktionen" gezeigt, wie nicht nur sein Trainer fand.

Adler selbst wirkte nach dem Spiel, als habe er selbst und nicht der neben ihm sitzende Per Mertesacker gerade sein 50. Länderspiel absolviert, so routiniert beantwortete er die zahlreichen Fragen. Ein Satz davon blieb haften. In der Halbzeit habe er gleich wieder raus aufs Feld gewollt, "um jede Sekunde zu genießen" - ein Bedürfnis, das er mit ein paar Millionen Augenzeugen teilte.



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