DFB-Sieg gegen Uruguay Das Ende der Gemütlichkeit

Konkurrenzkampf im Nationalteam: Beim Testspiel-Sieg gegen Uruguay drängten sich Spieler aus der zweiten Reihe auf. Bundestrainer Joachim Löw hat nun viele Alternativen - für etablierte WM-Helden wie Lukas Podolski könnte es deshalb eng werden.

dapd

Von , Sinsheim


Man mag sich lieber nicht vorstellen, was ohne die ganz besondere Zuneigung der Bundestrainer Jürgen Klinsmann und Joachim Löw aus Lukas Podolski geworden wäre. Wahrscheinlich wäre der Stürmer auf seinen Abwegen mit dem 1. FC Köln durch die zweite Bundesliga und über die Bank beim FC Bayern zu einem ewigen Talent verkümmert. Nur dank der Nationalmannschaft ist er zu einem internationalen Spitzenfußballer gereift. Hier wurden ihm Formtiefs verziehen, fehlende taktische Grundlagen vermittelt, Podolski hat unendlich viel Vertrauen geschenkt bekommen im Kreis der Eliteauswahl.

Doch nun scheint die Zeit der Spezialbehandlung langsam zu Ende zu gehen. Die Nationalmannschaft verändert sich. Es ist kaum anzunehmen, dass die deutsche WM-Offensive mit Podolski, Özil, Müller und Klose in unveränderter Konstellation einfach immer weiter spielt, denn die Etablierten haben neue Konkurrenten. So durfte André Schürrle beim unterhaltsamen 2:1-Sieg im Benefizspiel gegen Uruguay auf der linken Angriffsseite spielen, und er hat das derart überzeugend gemacht, dass die Stammkraft Podolski ziemlich unter Druck geraten könnte.

"Meine Ansprüche sind gestiegen", sagt Löw derzeit oft und gerne, der Bundestrainer arbeitet mit Akribie daran, den Rückstand auf Welt- und Europameister Spanien aufzuholen. Spieler, deren individuelle Entwicklung stagniert, werden künftig schneller auf der Bank landen, als in der Vergangenheit.

Schürrle unter den Besten

Schürrle habe "sehr gut" gespielt, lobte Löw die neue Offensivhoffnung, "nicht nur wegen seinem Tor" zum 2:0 (35.) Der Angreifer, der von Mainz nach Leverkusen wechselt, "kann ein gutes Tempo gehen", und habe die Begabung, "sehr zielstrebige Wege nach vorne" zu finden - Worte, die Podolski gewiss nicht gefallen haben. Schürrle zählte in seinem zweiten Länderspiel zum zweiten Mal zu den besten Spielern auf dem Platz. Und er wird - im Gegensatz zu seinem Kölner Konkurrenten - in der kommenden Saison bei Bayer Leverkusen Champions-League-Erfahrung sammeln.

Podolski darf sich keinesfalls ausruhen. Wahrscheinlich kehrt er am Freitag gegen Österreich in die Anfangsformation zurück, aber es wird ungemütlicher. Verschärfte Konkurrenz ist ein wichtiger Faktor auf dem Weg, das Team zu einem Titel zu führen.

Auch Mario Gomez ist Teil dieser Dynamik, in seinen sechs Länderspielen seit der WM hat er vier Tore erzielt. Das 1:0 gegen Uruguay war eine wunderbare Einzelleistung (20.), er sei "entspannter geworden", sagte Gomez, und kündigte an, dass er "noch viele Tore für Deutschland machen" werde. "Nur wann, das weiß ich nicht." Der Bundestrainer habe in Miroslav Klose eben "einen Stürmer, auf den er noch mehr setzt", sagte der Bundesliga-Torschützenkönig (28 Treffer) vom FC Bayern.

In jedem Fall passiert gerade genau das, was sich Löw in diesem Jahr ohne großes Turnier wünscht: Nachdem die WM-Formation lange Zeit eine Art Stammplatzgarantie genoss, fordert der Bundestrainer mittlerweile immer mehr von seinen Spielern. Und Schürrle hat das verstanden. "Ich kann auch rechts spielen", positionierte er sich geschickt auch als mögliche Alternative zum formschwachen Thomas Müller.

Dortmunds Meisterspieler warten auf Durchbruch

Dort, auf der rechten Angriffsseite, könnte auch Mario Götze eingreifen. Der Dortmunder spielte gegen Uruguay allerdings nur wenige Minuten, zu kurz, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Die Dortmunder Meisterspieler warten seltsamerweise noch auf ihren Nationalmannschaftsdurchbruch. Marcel Schmelzer und Mats Hummels hatten große Probleme mit den starken gegnerischen Angreifern, der gesamte Defensivverbund war nur gelegentlich in der Lage, sich als kompaktes Gebilde zu organisieren.

Uruguay sei eben ein "Top-Ten-Team", sagte der Bundestrainer in Anspielung auf die Fifa-Weltrangliste, die hätten "richtig Betrieb" gemacht, aber den deutschen Weltklasse-Ansprüchen genügte die Abwehr an diesem Abend nicht.

Dem Anschlusstreffer (Walter Gargano, 48.) ging eine ganze Reihe kleiner Unzulänglichkeiten voraus. Das defensive Mittelfeld mit Simon Rolfes und Toni Kroos habe zwar "viel Linie ins Spiel" gebracht, wie Löw erläuterte, doch bei gegnerischem Ballbesitz hatten die Vertreter des überspielten und am Zeh verletzten Bastian Schweinsteiger und des angeschlagenen Sami Khedria Schwierigkeiten.

Khedira wird in Österreich wohl trotzdem in die Mannschaft zurückkehren, so wie auch Podolski und Klose. Sie alle werden Leistung zeigen müssen. Der WM-Ruhm verblasst, es ist ungemütlicher geworden auf den Stammplätzen. Das ist die Hauptbotschaft aus der Partie gegen Uruguay.

insgesamt 32 Beiträge
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jujo 30.05.2011
1. Gut so!
Die Linie von Löw kann ich nachvollziehen. Frei nach dem Motto: "nichts ist so sicher wie die Veränderung" Löw müsste nur, dem spanischen Vorbild folgend, doch ein Gerüst von 7-8 Spielern haben die, von Verletzungen, kurzfristigen Formschwankungen mal abgesehen, sicher in der Startelf stehen. Sonst werden wir den Spaniern noch lange nicht Paroli bieten können. Barca schlägt in der Verfassung vom Samstag auch jede Nationalmannschaft auf der Welt.
kunstdirektor 30.05.2011
2. Der Autor hat was vergessen
Zitat von sysopKonkurrenzkampf im Nationalteam: Beim Testspiel-Sieg gegen Uruguay drängten sich Spieler aus der zweiten Reihe auf. Bundestrainer Joachim Löw hat nun viele Alternativen -*für etablierte WM-Helden wie Lukas Podolski könnte es deshalb ungemütlich werden. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,765598,00.html
Wie!? Das Ungeheuer von Loch Ness, Michael Ballack, nicht erwähnt? Das wird für ihn richtig ungemütlich. Ungemütlich dürfte es auch für Michael Rummenigge und Torsten Frings, Thomas Hässler und Olaf Thon werden. Die sind nicht mal vom Autor erwähnt. Und was macht eigentlich Fritz Walter? Hat Löw schon mit ihm telefoniert? Fragen über Fragen.
emmaP10 30.05.2011
3. Die Dortmunder warten…
… so schlecht waren Schmelzer und Hummels nicht, letzterer hatte eben nicht seinen Sidekick Subotic, sondern musste sich in ein neues Gefüge einbringen. In der zweiten Hälfte hat mir die Offensive auch nicht gerade gefallen. Und tja, wenn Löw außer oben genannten einen Götze nur immer ein paar Minuten antreten lässt (wie zuletzt in allen Testspielen), dann kann er auch nicht alles herausholen. Zumal es schwer ist, nach 5 Einwechslungen noch eine Struktur im Spiel zu halten. Gebt ihnen mehr Zeit, sowohl auf dem Platz als auch mit den Spielen. Mario Gomez hat auch jetzt erst gezeigt, dass er neben Tore schießen auch ein bisschen Fußball spielen kann ;-)
frubi 30.05.2011
4. .
Zitat von sysopKonkurrenzkampf im Nationalteam: Beim Testspiel-Sieg gegen Uruguay drängten sich Spieler aus der zweiten Reihe auf. Bundestrainer Joachim Löw hat nun viele Alternativen -*für etablierte WM-Helden wie Lukas Podolski könnte es deshalb ungemütlich werden. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,765598,00.html
Die Situation heute ist so viel besser als noch um 2003 herum. Reus, Schürle, Götze und dazu noch Spieler die noch gar nicht wirklich im Fokus stehen wie Rausch, Lasogga, Holtby oder Gündogan. Das Ausbildungsdefizit wurde beseitigt und die Früchte nun geerntet. Bei den nächsten 3 Turnieren sollte ein Titel rausspringen denn ansonsten war das alles umsonst.
azzi 30.05.2011
5. Talent vs. Durchbruch in der NM
Ist ja schön das Deutschland so viele talentierte junge Spieler hat, da hat an schonmal sehr viel richtig gemacht. Allerdings sind längst nicht alle gut genug ernsthaft eine Rolle in der NM zu spielen: Ein Badstuber, Kroos, Träsch, Rolfes sind schlicht zu durchschnittlich und lieferten bislang nicht wirklich Gründe warum man auf sie setzen sollte. Götze, Hummels, Höwedes und Schmelzer sind talentiert überzeugten in der NM aber noch nicht wirklich. Gerade einen Schmelzer bräuchten wir aber weil wir Links-Außen sonst nicht wirklich jemand haben. ------------------- Als wirkliche Optionen bieten sich auf jeden Fall Schürrle und Gomez an, Poldi kann sich durch seinen Verein nicht weiterentwickeln und Klose wird durch auf den Bank sitzen auch nicht besser.
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