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DFB-Sieg in Aserbaidschan Pflicht erfüllt, ab in die Sonne

Schwache Partie, glänzende Serie: Im siebten EM-Qualifikationsspiel hat die Fußball-Nationalmannschaft den siebten Sieg errungen. Beim Erfolg in Aserbaidschan mussten die DFB-Profis ihre Müdigkeit überwinden, bevor es endlich in die Ferien ging. Nur Bundestrainer Löw denkt nicht an Freizeit.

Joachim Löw wäre nicht er selbst, wenn er keine wichtigen Erkenntnisse von der weiten Reise nach Vorderasien und dem anfangs ziemlich mühsamen 3:1-Erfolg in Aserbaidschan mitbringen würde. Doch in der Nacht nach diesem Sieg machen auch die Details einmal Urlaub. In seiner Analyse mochte der Bundestrainer erst einmal nur das Gesamtwerk der vergangenen zehn Monate betrachten. Und das ist in der Tat schwer beeindruckend.

"Man muss der Mannschaft ein großes Kompliment machen. Ich denke, wir haben in dieser Saison Großartiges geleistet", sagte Löw in dem provisorischen Pressezelt neben dem romantischen Nationalstadion der ehemaligen Sowjetrepublik. Mit sieben Siegen aus sieben Spielen sei seine Mannschaft "zu 98 Prozent" für die Europameisterschaft im Sommer 2012 qualifiziert, das ist der wichtigste Aspekt dieses Kraftaktes 24 Tage nach dem letzten Bundesliga-Spieltag.

Direkt nach dem Spiel fuhr die Mannschaft zum Flughafen, ab nach Deutschland und dann weiter in die Ferien, "wir haben Urlaub und dürfen im Flugzeug gleich trinken, was wir wollen", frohlockte Torwart Manuel Neuer. Dass in der Maschine allzu wild gefeiert wurde, ist allerdings eher unwahrscheinlich. Zu müde, zu erschöpft wirkte die Männergruppe, als sie vor dem Bus ihre letzten Pflichtaufgaben erfüllte und ein paar Einschätzungen an die Journalisten weitergab.

"Nicht so viel Saft im Tank"

"Ich habe früh gemerkt, dass heute nicht so viel Saft im Tank ist", sagte Mats Hummels, der gerade zum Abwehrchef aufgebaut wird und überhaupt keinen guten Tag erwischt hatte. "Wir hatten viele Fehler im Spielaufbau, die zum Teil auch mein Fehler waren", räumte der Dortmunder ein. Es waren die kritischsten Worte, die an diesem Abend formuliert wurden.

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Sieg gegen Aserbaidschan: Weiße Weste in der Qualifikation

Foto: JOHANNES EISELE/ AFP

Die DFB-Elf hatte besonders in der Anfangsphase große Schwierigkeiten, doch dann zeigte sie, auf welcher Ebene sie die vielleicht größten Fortschritte gemacht hat während der abgelaufenen Saison. "Im Moment hat diese Mannschaft ihre Qualität in einer gewissen Art", erklärte Philipp Lahm etwas umständlich. "Wir haben uns schwergetan. Aber in so einer Lage muss man erst mal gewinnen, und das haben wir geschafft", so der Kapitän, der am Dienstag mit seinen gerade 27 Jahren der älteste deutsche Feldspieler war.

Nachdem die Nationalmannschaft ihre Spiele im Jahr 2010 mit einem technisch beeindruckenden und überaus rasanten Kombinationsfußball gewann, war zuletzt das Element der Willenskraft wieder wichtiger. Der zu Beginn eher schwache Mesut Özil erzielte nach einer misslungenen Kopfballabwehr der Aserbaidschaner einen schwierigen Treffer zum 1:0, zehn Minuten später legte er das 2:0 für Mario Gomez auf, "danach war das Spiel eigentlich entschieden", meinte Löw.

Deutsches EM-Projekt kaum noch in Gefahr

So blieb der Aufwand überschaubar, zwei, drei gute Momente reichten für diesen Sieg. Einen Sieg, dem der Bundestrainer größeren Wert beimisst, als man auf den ersten Blick denken mag. Denn auch ein Unentschieden oder eine Niederlage hätten das deutsche EM-Projekt kaum noch in Gefahr bringen können. So jedoch hat Löw die Möglichkeit, "auch noch einmal in der hitzigen Atmosphäre, zum Beispiel in der Türkei zu testen", sagte er.

Es steht eine Phase des Experimentierens bevor. "Im Kern" gebe es zwar ein eingespieltes Konstrukt, doch dieses Puzzle plant Löw - zumindest vorübergehend - durcheinanderzuschütteln. "Niemand muss glauben, dass eine Mannschaft für ein Turnier schon im Herbst davor eingespielt ist, jetzt kann ich gelassen sehen, wie sich die jungen Spieler im kommenden halben Jahr entwickeln", sagte er.

Das klang wie eine Einladung für Spieler wie Hummels, für den an diesem Abend starken Toni Kroos, für André Schürrle, der in der Nachspielzeit zum 3:1 traf, für Benedikt Höwedes, Dennis Aogo, Mario Götze und all die anderen, die während der vergangenen Wochen zum Einsatz gekommen sind.

Etablierte Kräfte wie Lukas Podolski, Arne Friedrich, Miroslav Klose, Per Mertesacker und sogar der im Augenblick eher formschwache Thomas Müller müssen sich hingegen in der neuen Drucksituation bewähren. "Die Auswahl ist größer geworden, keine Frage", sagte Löw, er wird fleißig herumtüfteln an diesem spannenden Konstrukt.

Während die Spieler erst einmal nur ihren Urlaub im Sinn hatten, erzählte Löw von ganz anderen Sommerpausenplänen. "Wir werden ein inhaltliches sportliches Fazit ziehen, Profile erarbeiten", um den Spielern Hinweise zu geben, wie sie sich "individuell verbessern" können. Die persönlichen Fähigkeiten der Einzelspieler betrachtet Löw als jenen Bereich, in dem die Mannschaft "sich noch am ehesten entwickeln kann". Der Bundestrainer ist zwar Werbeträger für einen Reiseveranstalter, er macht aber offenbar niemals Ferien.

Aserbaidschan - Deutschland 1:3 (0:2)
0:1 Özil (30.)
0:2 Gomez (41.)
1:2 Huseynov (89.)
1:3 Schürrle (90. + 3)
Aserbaidschan: K. Agayev - Malikov, R. F. Sadigov, V. Huseynov, Allahverdiyev - Chertoganov (86. Sadygov) - Amirguliyev, Abushev, Ismayilov (58. Isayev), Nadyrov - Javadov (72. M. Huseynov)
Deutschland: Neuer - Höwedes, Badstuber, Hummels, Aogo - Lahm, Kroos - Müller (88. Holtby), Özil (81. Götze), Podolski (76. Schürrle) - Gomez
Schiedsrichter: Koukoulakis (Griechenland)
Zuschauer: 30.000
Gelbe Karten: - Höwedes

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