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Nationalspieler Emre Can: Yes he Can

Foto: Jan Kruger/ Bongarts/Getty Images

DFB-Star Emre Can Ab durch die Mitte

In Liverpool glänzt Nationalspieler Emre Can als Lenker im Mittelfeld. So wird er zum echten Herausforderer für Sami Khedira - beim DFB und vielleicht bald auch bei Juventus.

"Eine großartige Leistung, besser kann man eigentlich nicht spielen", freute sich Emre Can am vergangenen Sonntagabend nach Liverpools 4:0-Triumph gegen den FC Arsenal. Das Kompliment galt selbstverständlich nicht sich selbst, sondern der Mannschaft. Aber das eine ist vom anderen derzeit ja sowieso unmöglich zu trennen.

Der Nationalspieler hat im vierten Jahr auf der Insel ein völlig neues Niveau erreicht; seine bestechende Dynamik und Umsicht zwischen den Strafräumen sind wesentliche Faktoren für den hochtourigen Saisonstart (vier Siege, ein Unentschieden) der Reds.

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Nationalspieler Emre Can: Yes he Can

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Dass es so lange dauerte, bis der 23-Jährige in der Premier League richtig vorwärts kam, liegt nicht zuletzt daran, dass Jürgen Klopps Vorgänger Brendan Rodgers ihn sehr weit hinten postierte. Can musste sich nach seinem Wechsel von Bayer Leverkusen an der Mersey vorwiegend als rechter Verteidiger und Innenverteidiger verdingen, was auch Joachim Löw auf die Idee brachte, den gebürtigen Frankfurter vor der EM 2016 in Frankreich monatelang auf der defensiven rechten Außenbahn fehlzubesetzen.

Dank seiner Allrounder-Kompetenz und enormen Zweikampfstärke kam Can mit der zweckfremden Verwendung zwar einigermaßen zurecht, die Entwicklung aber stagnierte. Er sehnte sich nach seinem Lieblingsplatz in der Zentrale. Dorthin, wo er laufen, lenken und wachsen konnte.

Das Gefühl für Raum und Zeit

Auch Klopp schien Can die tragende Rolle im Mittelfeld anfangs nicht so recht zuzutrauen. Aber zu Beginn der Saison 2016/2017 stellte der Liverpool-Trainer ihn konsequent auf einer der beiden Achterpositionen neben dem Niederländer Georginio Wijnaldum auf. In der holprigen Rückrunde, als Liverpool im Angriff insgesamt die Wucht fehlte, entwickelte sich Can nach überstandenen Verletzungsschwierigkeiten plötzlich vom verlässlichen Arbeiter zum richtungweisenden Anführer, der von Februar bis Mai keine einzige Minute verpasste. Der Dauereinsatz ließ bei ihm dieses spezielle Gefühl für Raum und Zeit entstehen, ohne das in der Premier League niemand aus der klaustrophobischen Enge im Zentrum des Rasens ausbrechen kann.

Er gewinnt jetzt nicht nur die zweiten Bälle, sondern verteilt souverän die ersten. Can bringt mit exakten Vorstößen im Sprinttempo zusätzliche Tiefe in Liverpools Spiel und lässt gegnerische Angriffsbemühungen mit einer simplen Drehung verenden. Ganz nebenbei erzielte er beim 1:0 in Watford im Mai auch noch Liverpools schönsten und wichtigsten Treffer der Saison.

Sein traumhafter Fallrückzieher an der Vicarage Road kurz vor der Pause gab seiner leicht aus dem Tritt gekommen Elf den Schwung, in den darauffolgenden drei Partien doch noch den vierten Platz zu erreichen. "Ich konnte den Ball gar nicht anders nehmen", erzählte Can der "Sunday Times" hinterher bescheiden. Auf der Insel wurde das Kunststück gleich vierfach zum Tor des Jahres gekürt.

Emre Cans Fallrückzieher in Watford

Emre Cans Fallrückzieher in Watford

Foto: John Walton/ dpa

Der Evolutionssprung des Ex-Münchners unter Klopp ist in den ersten Partien der aktuellen Spielzeit noch größer geworden. Als herausragend stufte der "Guardian" seine Vorführungen ein. "Can blüht auf", schrieb das Blatt, "seine Form und sein Einfluss" seien "sichtlich gestiegen". Davon wird auch der Bundestrainer profitieren. Die neue, strategische Dimension in Cans Spiel macht ihn für Löw erstmals zu einer echten Alternative für das Kommandozentrum - und insbesondere zum ernst zu nehmenden Konkurrenten von Sami Khedira für die Rolle des box-to-box-Spielers.

Khediras Arbeitgeber Juventus wünscht sich Can interessanterweise als zukünftigen Schlüsselspieler und will im Winter einen Wechsel für die kommende Saison forcieren. Sein Vertrag an der Anfield Road läuft im Sommer aus, "positive Gespräche" (Klopp) mit Liverpool brachten bisher keine Einigung. Bei den Roten geht ein bisschen die Angst um, dass sich Can mit den Italienern insgeheim schon auf einen ablösefreien Transfer vor der WM in Russland verständigt haben könnte.

"Ich kann nicht leugnen, wie sehr ich ihn mag", sagte Turins Manager Giuseppe "Beppe" Marotta am Wochenende zu "Mediaset" auffallend offen. "Ab Januar können wir mit ihm verhandeln. Bis dahin können wir ihn nur bewundern." Die Schar von Cans Verehrern dürfte in den kommenden Monaten noch deutlich größer werden.

Autoren-Info
Foto: Raphael Honigstein

Raphael Honigstein, gebürtiger Münchner, lebt seit 1993 in London, von wo er für SPIEGEL ONLINE über englischen Fußball berichtet. Ist außerdem Buchautor und Fernsehexperte sowie ehemaliger Stürmer mit mehr Kreuzbandrissen als Toren. Hat aber neulich einen Zweikampf gegen Lothar Matthäus gewonnen.

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