SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

21. Mai 2012, 18:38 Uhr

DFB-Urteil zum Skandalspiel

Hertha hat den Abstieg verdient

Ein Kommentar von

Das DFB-Sportgericht hat den Einspruch von Hertha BSC abgewiesen, das Skandalspiel bei Fortuna Düsseldorf wird wohl nicht wiederholt. Gut so, denn die Ausraster von Fans und Spielern müssen bestraft werden. Mit ihrer juristischen Taktiererei schaden sich die Berliner selbst.

Hertha BSC hat in dieser Bundesliga-Saison so manches Spiel unglücklich verloren. Mal haderten die Berliner mit dem Schiedsrichter, mal nutzten sie zahlreiche Torchancen nicht. Die Niederlage an diesem Montag vor dem DFB-Sportgericht dagegen war hochverdient. Es wird wohl kein Wiederholungsspiel der Skandalpartie bei Fortuna Düsseldorf geben. Es ist die einzig vernünftige Entscheidung.

Dass die Hertha angesichts des Abstiegs aus der 1. Bundesliga dagegen in Berufung geht, ist selbstverständlich legitim. Aber es passt ins Bild, das der Hauptstadtclub in dieser Spielzeit abgegeben hat. Der Noch-Bundesligist beraubt sich damit der letzten Chance, sein - zugegebenermaßen schweres - Schicksal in Würde zu akzeptieren. Stattdessen wird auf verlorenem Posten weiter gestritten, was kein gutes Bild abgibt.

Die Mannschaft von Hertha BSC ist nicht am vergangenen Dienstag in Düsseldorf abgestiegen, sondern hat sich den Abstieg durch eine desaströse Rückrunde (nur elf Punkte) im Zusammenspiel mit einem verhängnisvoll agierenden Management selbst zuzuschreiben. Dass das Team mit der Teilnahme an der Relegation gegen den Zweitliga-Dritten überhaupt noch eine weitere Chance erhielt, hatte Hertha ausschließlich dem noch verheerenderen Zustand des Mitkonkurrenten 1. FC Köln zu verdanken.

Eskalation ging von den Berliner Fans aus

Statt dies als sportliche Gnade anzunehmen, haben sich die Berliner Mannschaft und ihre Fans im entscheidenden Spiel bei der Fortuna deutlich daneben benommen. Die Eskalation dieses Abends ging zuerst von den Hertha-Fans aus:

Dass so ein Verhalten von den zuständigen Sportrichtern des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) belohnt werden würde, konnte selbst der blauäugigste Hertha-Fan nicht erwarten.

Dazu kam der kraftmeierische Auftritt des Hertha-Anwalts Christoph Schickhardt in der Verhandlung. Der Jurist wollte bei den Berliner Profis "Todesangst" erkannt haben, er warf mit Vokabeln wie "drohendem Blutvergießen" um sich - und verstieß damit grob gegen jede Verhältnismäßigkeit.

Der Platzsturm der Fortuna-Fans war ein Ereignis, das man nicht bagatellisieren darf, so wie es mancher Düsseldorfer Verantwortlicher versucht hat. Manager Wolf Werner etwa fabulierte von Fans, die aus purer Freude aufs Feld gerannt seien. Tenor: Die wollen doch nur mitspielen.

Blut-und-Ballsport-Rhetorik

Eine hohe Strafe für Düsseldorf bis hin zu einem Geisterspiel oder Punktabzug wäre angebracht. Doch Todesangst musste wegen der Aktionen der Fortuna-Fans niemand haben. Das Verhalten der Anhänger, die in der Nachspielzeit den Platz geflutet hatten, war respektlos, bestenfalls naiv. Und es spiegelt eine Anspruchshaltung wider, die viele Fußballfans mittlerweile kultivieren.

"Uns gehört der Verein, wenn die Spieler nicht spuren, rücken wir ihnen auf die Pelle", lautet das Motto. Doch das alles rechtfertigt in keiner Weise das überzogene Szenario, das Anwalt Schickhardt vor Gericht an die Wand malte. Mit seiner Blut-und-Ballsport-Rhetorik trat der Anwalt seiner Klientin, der alten Dame Hertha, keinen Gefallen.

Hertha BSC müsste jetzt vieles tun. Der Verein müsste

Der Club, der mit Jos Luhukay immerhin schon einen Nachfolger für den scheidenden Aushilfscoach Otto Rehhagel verpflichtet hat, kann es sich schließlich angesichts seiner schlechten finanziellen Ausstattung nicht erlauben, jahrelang in der Zweitklassigkeit herumzudümpeln.

Doch stattdessen marschiert der Verein mit seinem wenig erfolgreichen Manager Michael Preetz an der Spitze in die nächste Instanz und verspielt ohne große Erfolgsaussichten Renommee und wertvolle Zeit für den Neuaufbau. Wenn es nach Preetz ginge, würde Hertha vom DFB wahrscheinlich noch eine Wiederholungssaison verlangen.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung